"Die Leute halten ihr Geld zusammen"

München - Bayerns Einzelhändler sehen auch nach einem Umsatzplus in den ersten sechs Monaten keine nachhaltige Konsumbelebung in diesem Jahr.

Nach dem schwachen Jahr 2007 hätten die Händler im Freistaat im ersten Halbjahr zwar wieder besser abgeschnitten als der Bundesdurchschnitt, sagte Bernd Ohlmann vom Branchenverband LBE in München. "Letztlich haben wir aber die Rückmeldung: Die Inflationsangst geht um, die Energiekosten steigen, die Leute halten ihr Geld zusammen."

Für das Gesamtjahr erwartet Ohlmann daher weiter nur stagnierende Umsätze. "Unsere Prognose lag bei einer schwarzen Null, wir gehen davon aus, dass wir die noch halten können." 2007 hatten Bayerns Einzelhändler Umsätze von knapp 69 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Bis Ende Juni verzeichnete die Branche nach Angaben von Ohlmann ein Umsatzplus um nominal 4,5 Prozent und preisbereinigt um 2,1 Prozent. Dabei müssten allerdings die schwachen Geschäfte im Vorjahreszeitraum berücksichtigt werden, so dass die Unternehmen von einer niedrigen Basis kämen. "Deshalb muss man die Zahlen mit Vorsicht genießen."

Auch schnitten die einzelnen Branchen sehr unterschiedlich ab. Während der Textileinzelhandel um 3,5 Prozent und der Elektro- und Elektronikhandel auch dank guter Geschäfte um die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele sogar um 7,6 Prozent zulegen konnten, mussten die Händler bei Heimwerkerbedarf sowie Möbeln und Wohnbedarf Einbußen um 3,1 beziehungsweise 3,3 Prozent hinnehmen. Vom Anstieg der Verbraucherpreise in den ersten Monaten dieses Jahres profitierten derweil vor allem die Discounter im Lebensmittel-, aber auch im Textileinzelhandel, sagte Ohlmann. Dies drücke wegen der dort niedrigeren Verkaufspreise wiederum auf die Umsätze der gesamten Branche.

Auch der diesjährige Sommerschlussverkauf sei angesichts des wechselhaften Wetters "nicht das Gelbe vom Ei" gewesen. "Unsere Hoffnung ist jetzt das bald schon nahende Weihnachtsgeschäft", sagte Ohlmann. Traditionell machen die Einzelhändler im November und Dezember etwa ein Fünftel ihrer gesamten Jahresumsätze, in einigen Sparten wie dem Spielwarenhandel sind es sogar rund 40 Prozent.

Die Beschäftigtenzahlen im Einzelhandel blieben im ersten Halbjahr etwa gleich bei 335 000. Dabei nahm die Zahl der Vollzeitbeschäftigten leicht ab zugunsten der Teilzeitbeschäftigten. Grund sei aber nicht, dass die Unternehmen Vollzeit- in Teilzeitarbeitsplätze umwandelten, sondern die Nachfrage bei Schülern, Studenten und Hausfrauen nach Teilzeitbeschäftigung gestiegen sei, sagte Ohlmann.

Rezession?

Der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet trotz des im zweiten Quartal gesunkenen Bruttoinlandsprodukts nicht mit einer Rezession. "Die deutsche Wirtschaft ist stark aufgestellt und kann die weltweite konjunkturelle Abschwächung vergleichsweise gut verkraften", hob DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun hervor.

Dagegen sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, Deutschland eine langandauernde Konjunkturflaute voraus. Es bestehe die Gefahr, dass die Wirtschaft auch im dritten Quartal schrumpfe, wird Snower im "Spiegel" zitiert. Die Weltwirtschaft werde wegen der Probleme in den USA nur sehr langsam wieder Fahrt aufnehmen, und auch die Binnennachfrage werde wegen der Unsicherheiten kaum anziehen. "Deshalb ist mit einer Wirtschaftsbelebung in Deutschland in den nächsten zwei Quartalen nicht zu rechnen", fügte der Wirtschaftsexperte hinzu.

Bayerns Wirtschaftsministerin Emilia Müller gab sich indes optimistisch: "Aus meiner Sicht gibt es heute keinen Anlass zur Schwarzmalerei", sagte sie. Ein Wachstum von 2,0 bis 2,5 Prozent für die Wirtschaft im Freistaat sei in diesem Jahr weiterhin erreichbar. Zwar werde der Aufschwung etwas an Tempo verlieren, einen Einbruch in den nächsten Monaten befürchte sie aber nicht.

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