"Die Schönwetterbörse ist vorbei"

München - War die Zinssenkung Teil des Heilungsprozesses oder macht sie die Schwere der Krankheit erst deutlich? In einem Punkt sind sich die Experten einig: Wer auf Aktien gesetzt hat, muss noch eine ganze Weile um sein Geld zittern.

Die Anleger seien nervös und es überwiege weiter die Sorge, dass die überraschende Leitzinssenkung der US-Notenbank vom Vortag ihre Wirkung verfehlen könnte, sagten Börsianer. "Wir sehen weiterhin einen nervösen Handel", sagte ein Börsianer in Frankfurt. Händler verwiesen auch auf Gerüchte um weitere Milliardenabschreibungen bei Großbanken wie Société Générale, ABN Amro oder Deutsche Bank als neuerlichen Belastungsfaktor. Bei letzterer belasteten zudem Gerüchte um eine mögliche Gewinnwarnung.

Vor allem ließen die Aussagen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, Hoffnungen einiger Marktteilnehmer auf eine Zinssenkung platzen. "Es ist die Pflicht der Zentralbank, Inflationserwartungen zu verankern, um weitere Unbeständigkeit in bereits sehr unbeständigen Märkten zu vermeiden", sagte Trichet in Brüssel. Die EZB hatte bereits in der Vergangenheit Leitzinssenkungen mit Blick auf die hohe Teuerungsrate in der Eurozone zurückgewiesen. Dennoch war spekuliert worden, dass die EZB der US-Notenbank folgen könnte.

Die Federal Reserve hatte am Dienstag ihren Leitzins um 0,75 Punkte auf 3,5 Prozent gesenkt. Diese Zinssenkung habe Schlimmeres verhindert, sagte Stratege Robert Halver von der Bank Vontobel. "Aber wir sind noch nicht durch." Die US-Notenbank habe lediglich wichtige Maßnahmen für den "Heilungsprozess" eingeleitet.

Marktstratege Mirko Pillep von der Helaba sagte, die außerplanmäßige Leitzinssenkung der US-Notenbank werde die Probleme kurzfristig nicht lösen. Sie sei eher Anzeichen der verzweifelten Lage, zumal am Markt mit einem weiteren Zinsschritt auf der regulären Sitzung gerechnet werde. Das hätten jetzt auch die Anleger realisiert. "Es wird eine Gegenbewegung geben, aber eines ist klar: Die Schönwetterbörse ist vorbei", sagte Pillep.

Nach Ansicht des Mannheimer Wirtschaftsforschers Michael Schröder ist der Ausverkauf an den Börsen Ausdruck einer "deutlichen Korrektur der Wachstumserwartungen". "Die Informationen waren zum allergrößten Teil schon Anfang oder Mitte Dezember bekannt. Damals sind die Börsen seltsamerweise nach oben gegangen, jetzt mehren sich aber die Konjunktursorgen", sagte der Wirtschaftswissenschaftler des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Vor einer Rezession muss sich Deutschland nach Ansicht des Berliner Finanzmarktexperten Joachim Gassen aber nicht fürchten. "Wenn ein großer Markt wie die USA ins Strudeln kommt, bekommen zwar auch wir einen ordentlichen Schnupfen, aber grundsätzlich ist Deutschland gut aufgestellt", sagte der Experte für fundamentale Aktienanalyse an der Berliner Humboldt-Universität.

Die eher konservative Kreditvergabepraxis deutscher Banken, die ebenso konservative Anlagestrategie der Investoren und die vergleichsweise hohe Sparquote schütze das deutsche Wirtschaftssystem tendenziell vor wirtschaftlicher Überhitzung und "vor der Bildung von Kapitalmarkt-und Immobilienblasen".

Die Stimmungslage unter den Führungskräften der Industrie in den USA und in Europa ist deutlich schlechter als noch vor einem Jahr. Dieser negative Trend werde erstmals seit 2003 festgestellt, heißt es in einer PriceWaterhouseCoopers-Studie. Die wachsende Skepsis spiegelt auch eine Umfrage der Beratungsgesellschaft unter 1150 Managern in 50 Staaten im letzten Quartal des vergangenen Jahres wider.

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