"Die USA sind schon in einer Rezession"

München - Erst begann das große Zittern an den Börsen in Fernost, dann erfasste es die europäischen Märkte, wo die Kurse gestern massiv eingebrochen sind. Der Deutsche Aktienindex büßte bis zum Abend über sieben Prozent ein, das Segment für Technologie-Werte Tec-Dax gut acht Prozent. Die Ursache für das Börsenbeben liegt in den USA, wo die Immobilienkrise die Finanzmärkte erfasst hat und die Konjunktur bedroht. Doch da blieben die Handelsräume gestern wegen eines Feiertags geschlossen. Über den "Schwarzen Montag", einen historischen Börsen-Fehlstart und die Aussichten für das Jahr sprachen wir mit dem Münchner Vermögensverwalter Jens Ehrhardt.

In Zusammenhang mit den Kurseinbrüchen an den internationalen Börsen war gestern von einem "Schwarzen Montag" die Rede. Halten Sie das für übertrieben?

Nein, das ist nicht übertrieben. Es ist ja ziemlich stark runtergegangen ­ Dax, Tec-Dax, Hong-Kong, Tokio. Das sieht schon übel aus.

Der Dax hat seit Jahresbeginn über 1000 Punkte verloren. Einen schlimmeren Fehlstart dürfte es selten gegeben haben.

Völlig richtig. Man muss schon in die 20er-Jahre zurückgehen, um an den internationalen Börsen einen entsprechend schlechten Januar zu haben. Und ein schlechter Januar bedeutet fast immer auch ein schlechtes Jahr.

Die grundlegenden Probleme ­ die Immobilienkrise in den USA und deren weltweite Auswirkungen auf die Finanzmärkte ­ kennt man schon seit Monaten. Warum reagieren die Börsen jetzt so massiv?

Bisher hatten wir meist Rückschläge an den Börsen, wenn ein übertriebener Optimismus vorangegangen war. Das ist im Moment nicht der Fall. Jetzt geht es runter, weil die Leute die fundamentalen Probleme sehen. In Amerika fallen die Unternehmens-Gewinne. In Europa und Asien steigen sie zwar immer noch. Aber es ist die Frage, ob das kranke Amerika das noch relativ gesunde Europa und Asien ansteckt.

Halten Sie die Rezessionsängste in den USA für begründet?

Absolut. Ich glaube, dass sich die USA eigentlich schon in einer Rezession befinden und Inflation sowie Arbeitsmarktdaten tatsächlich schlechter sind als es die Statistiken zeigen. Die Zahlen dafür werden ja zum großen Teil nur geschätzt. Die Frage ist eher: Wie schwer wird die Rezession und wie lange dauert sie?

Wie weit geht es also noch runter an den Börsen? Ist der Tiefpunkt jetzt erreicht?

In Amerika geht es meiner Meinung nach auf jeden Fall noch weiter runter. Die Probleme liegen beim amerikanischen Konsumenten. Dieser ist extrem überschuldet. Da hilft auch keine Zinssenkung mehr. Damit ist die amerikanische Notenbank ein Jahr zu spät dran. Und das Konjunkturprogramm der US-Regierung verpufft. 140 Milliarden Dollar helfen überhaupt nicht. Da müsste man schon das vierfache oder fünffache einsetzen, damit es wenigstens ein bisschen hilft.

Bei uns ist die Frage, ob sich Europa ­ und auch Asien ­ konjunkturell von Amerika abkoppeln können. Früher hat man gesagt: Wenn Amerika einen Schnupfen bekommt, kriegen wir eine Lungenentzündung. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht den Schnupfen kriegen, nachdem Amerika die Lungenentzündung schon hat.

Wird der Dax seine bisherigen Verluste im Jahresverlauf ausgleichen können?

Nein, ich glaube, es wird ein negatives Jahr. Ich hatte bisher gedacht, dass wir uns einigermaßen plus/minus Null über die Runden retten. Aber langsam verdichten sich die Anzeichen, dass Amerika stärker in die Knie geht, als ich ohnehin schon dachte.

Welche Konsequenzen sollten Anleger daraus ziehen?

Wir haben in unseren Fonds die Barquoten auf 60 Prozent erhöht. Mit neuen Investments würde ich abwarten. Verkaufen würde ich aggressivere Fonds oder höher bewertete Aktien. Papiere mit hohen Dividendenrenditen etwa von Versorgern kann man auch halten. Ich würde versuchen, mit einer defensiven Strategie zu überwintern.

Ich glaube wiederum, dass Gold und goldabhängige Anlagen in diesem Jahr noch steigen können. Ich denke, das ist einer der wenigen Lichtblicke.

Das Gespräch führte Dominik Müller.

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