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Georg Fahrenschon, 45, ist seit Mai 2012 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Zuvor war er bayerischer Finanzminister und handelte unter anderem die Verstaatlichung der BayernLB-Tochter Hypo Group Alpe Adria aus.

Interview mit Sparkassenpräsident

Fahrenschon: "Sparquote ist gefährlich niedrig"

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München - Georg Fahrenschon, 45, ist oberster Sparkassen-Repräsentant in Deutschland. Im Interview spricht er über seine Forderungen an die Europäische Zentralbank (EZB) und erklärt, warum die Deutschen eine zehnprozentige Sparquote brauchen.

Herr Fahrenschon, haben Sie in letzter Zeit mal von Herrn Draghi gehört?

Ja, wir haben uns Weihnachtsgrüße geschrieben.

Sie sind der deutsche Chefankläger des EZB-Präsidenten wegen seiner Niedrigzinspolitik.

Die Sparkassen sind nicht die Chefankläger. Aber ich bin qua Amt der oberste Sparerschützer. Und die Sparer in Deutschland können auf Dauer mit den niedrigen Zinsen nicht zufrieden sein. Zumal die EZB mit ihren eigenen Zahlen den Beweis führt, dass die Politik des billigen Geldes nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt.

Draghi sprach von der „perversen deutschen Angst“. Hat er den richtigen Ton getroffen?

Ich finde es schwierig, wenn der EZB-Präsident ein Akteur der Tagespolitik ist. Das zeigt, dass die EZB zunehmend in eine andere Rolle gedrängt wird. Wenn dem Chef der Notenbank dann auch noch eine so unpassende Formulierung unterläuft, ist das bedauerlich. Ich glaube es ist richtig, wenn aus der größten Volkswirtschaft Europas Vorschläge kommen und auf Probleme hingewiesen wird. Das kann man nicht einfach mit dem Vorwurf eines Rückfalls in nationale Egoismen abtun.

Was fordern Sie konkret von der EZB?

Was die Sparkassen und auch die Volks- und Raiffeisenbanken im Rahmen ihres Geschäftsmodells leisten, müsste auch stärker berücksichtigt werden, wenn es um die Kreditversorgung in Spanien, Italien und Griechenland geht. Man sollte nicht nur über den niedrigen Zins versuchen, Impulse zu setzen, sondern auch eine engagierte Strukturdebatte führen. Man darf in Europa nicht alles über einen Kamm scheren und die gesamte Regulierung nur an den wenigen übergroßen Banken ausrichten. Da hätte ich Herrn Draghi gern an meiner Seite.

Muss die Zinswende sofort kommen?

In allen Fragen der Geldpolitik sollte man sich vor kurzfristigen Änderungen hüten. Entscheidend ist, dass die Notenbank, wie in den USA, das Signal setzt, dass die Politik des billigen Geldes nicht in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden kann. Ich hoffe, dass die EZB 2014 nutzt, um die Zinswende einzuleiten. Drei Prozent Zinsen auf zehnjährige Anleihen wären ein gutes Signal, dass sich Sparen und Investieren hier im eigenen Land lohnt. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Monaten beginnen, diesen Pfad zu beschreiten.

Mit den niedrigen Zinsen soll vor allem die Staatsschuldenkrise bekämpft werden. Ist die Krise ausgestanden?

Man kann nicht sagen, wir wären über den Berg, wir haben vielleicht nicht einmal die Hälfte hinter uns. Die niedrigen Zinsen führen zu gefährlichen Nebenwirkungen: Wenn sich die Staaten billig mit Geld versorgen können, bauen sie ihre Schulden nicht ab.

Wie reagieren die Sparer auf die niedrigen Zinsen?

Die Menschen im Land sind zutiefst verunsichert, ob sich das Sparen überhaupt noch lohnt, und konsumieren stattdessen sehr stark. Die Unternehmen horten Geld statt zu investieren. Die Menschen legen ihr Geld zurzeit vor allem in Immobilien an. Da gibt es gerade eine Sonderkonjunktur.

Sinkt die Sparquote?

Ja, sie kommt von über 12 Prozent und liegt jetzt noch knapp über 10 Prozent. Das ist gefährlich niedrig. Wir wissen, dass wir eine 10-Prozent-Sparquote brauchen, um allein genügend Altersvorsorge in einer sich demographisch wandelnden Gesellschaft zu betreiben. Das heißt: Entweder wir legen zu wenig fürs Alter zurück oder wir sind zu schlecht gegen die Risiken des Alltags abgesichert.

Während die Sparer die niedrigen Guthabenszinsen voll zu spüren bekommen, geben die Banken das billige Geld bei den Dispozinsen nicht weiter. Warum?

Je nach Marktentwicklung werden auch die Dispozinsen gesenkt. Der Dispokredit ist allerdings der teuerste Kredit – für beide Seiten. Das ist, als hätte man ein Taxi ständig mit laufendem Motor vor der Tür stehen, falls man mal spontan weg muss. Der Kredit wird nahezu allen Kunden eingeräumt und muss für alle mit Kapital unterlegt werden. Die, die ihn nutzen, müssen das dann bezahlen.

Die niedrigen Zinsen schmälern auch die Gewinne der Banken. Eine Studie warnt, viele Regionalbanken könnten in Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Natürlich leiden die Kreditinstitute unter den niedrigen Zinsen. Den Sparkassen geht dadurch ein – allerdings nur niedriger – dreistelliger Millionenbetrag verloren. Andererseits sind die Institute in aller Regel sehr gut kapitalisiert und sind auch in den kommenden Jahren nicht in der Substanz gefährdet. Hier übertreibt die Studie mit angenommenen Worst-Case-Szenarien maßlos. Aber je eher wir aus dem Zinstal herauskommen, desto besser.

 Gerade die Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben höhere Kosten als Direktbanken.

Das stimmt. Wir haben anders als die Online-Banken ein Filialnetz und beschäftigen allein über 150 000 Berater. Das kostet Geld. Aber wir sind von unserem Geschäftsmodell überzeugt: Während mit Einlagen bei Internet-Banken ein NBA-Star gefördert wird, fördern Sparkassen die F-Jugend vor Ort und finanzieren die mittelständischen Unternehmen. Das müssen sich die Verbraucher bewusst machen.

Wie viele Filialen gibt es in Deutschland, und wie viele werden es in zehn Jahren noch sein?

Heute haben die Sparkassen knapp 16 000 Filialen, den Großteil wird es auch in zehn Jahren noch geben. Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen, weil jede einzelne Sparkasse ihre eigene Strategie verfolgt. Wir eröffnen uns aber natürlich auch die Möglichkeiten der digitalen Beratung. Klar ist: Wir spielen nicht unsere Filialen gegen das digitale Engagement aus. Wir können beides.

Wie wird sich die Wirtschaft 2014 entwickeln?

Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, rechne ich mit einem Wachstum von zwei Prozent für Deutschland.

Die EU ist nicht gerade ein Fan des deutschen Drei-Säulen-Modells mit Sparkassen, Genossenschafts- und Großbanken. Sehen Sie darin eine Gefahr für die Sparkassen?

Brüssel hat leider nur eine Schablone: den grenzüberschreitenden, börsennotierten, kapitalmarktgetriebenen Bankkonzern. Die EU macht es sich da zu leicht. Es ist eine unserer Hauptaufgaben, den Fachleuten der Kommission und auch den Parlamentariern deutlich zu machen, was das Drei-Säulen-Modell für Deutschland bedeutet. Es ist keine Blockade für den Wettbewerb, sondern ein Stabilitätsanker.

In Brüssel wurden gerade die Regeln der Bankenunion verhandelt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Mit der gemeinsamen Bankenaufsicht bin ich unzufrieden wegen der relativ starren 30-Milliarden-Grenze [bei der Bilanzsumme, d. Red.], ab der sie greift. Man muss zwischen internationalen Großbanken und Regionalbanken unterscheiden, eine 70-Milliarden-Grenze wäre sinnvoller. So müssen nun die Sparkassen in Hamburg und Berlin von der EZB beaufsichtigt werden.

Der zweite Teil sind die Regeln für die Abwicklung von Pleitebanken. Was halten Sie davon?

Es ist unstrittig, dass man Abwicklungsinstrumente braucht. Eine gemeinsame europäische Abwicklungsbehörde lehnen wir aber ab. Wenn es dazu käme, laufen wir Gefahr, dass zum Beispiel portugiesische Behörden über die Abwicklung einer portugiesischen Bank befinden und die deutschen Genossenschaftsbanken es bezahlen müssen. Das kann nicht sein.

Im Gespräch ist aber doch ein gemeinsamer Abwicklungsfonds.

Den gilt es zu verhindern. Der wäre die Einladung zum Trittbrettfahren. Diese Einladung darf Europa nicht aussprechen. Das Fatale an einem gemeinsamen Fonds wäre, dass er auch die Blaupause für eine gemeinsame Einlagensicherung wäre. Die Einlagensicherung darf nicht europäisiert werden.

Ist die Unterscheidung in böse Groß- und gute Regionalbanken nicht zu einfach? Den Sparkassen gehörte immerhin die Hälfte der Bayerischen Landesbank, die den Steuerzahler zehn Milliarden kostete.

Ich unterscheide nicht nach klein oder groß. Meiner Erfahrung nach gibt es keinen Zusammenhang zwischen Größe und Erfolg einer Bank. Die BayernLB hat die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen.

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Also ist die BayernLB ein gutes Investment für die Sparkassen?

Sparkassen brauchen Landesbanken. Viele Mittelständler sind begeisterte Kunden der Sparkassen vor Ort. Aber irgendwann werden manche Unternehmen zu groß. Die Sparkassen brauchen dann die Expertise der Landesbanken, wenn sie den Kunden behalten wollen.

Trotzdem musste man die bayerischen Sparkassen zwingen, sich wieder stärker an der Landesbank zu beteiligen. Warum?

Weil sie natürlich in der Vergangenheit einige schwierige Erfahrungen mit der BayernLB gemacht hatten.

Wie viele Landesbanken braucht man in Deutschland?

Wir haben jetzt vier große Landesbanken, das ist schon ziemlich nah an einer optimalen Struktur.

Zusammengefasst von Philipp Vetter

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