"Die Unternehmen haben sich fit gemacht"

München - Rekord um Rekord - und der Euro steigt noch weiter. Inzwischen hat der Kurs der Gemeinschaftswährung fast die Marke von 1,50 Dollar erreicht. Im Interview spricht Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank, über Gründe und Folgen dieser Entwicklung sowie darüber, warum es bald zu einer Wende kommen könnte.

-Airbus-Chef Thomas Enders hat wegen des starken Euro von einer "lebensbedrohlichen" Situation für sein Unternehmen gesprochen. Schadet die starke Währung den Unternehmen tatsächlich so stark?

Bislang hören wir ein sehr geringes Wehklagen der Unternehmen. Das ist erstaunlich; denn in früheren Phasen der Euro- oder D-Mark-Stärke wurde sehr schnell über Schmerzgrenzen geklagt und es wurden Forderungen an die Politik gestellt. All das haben wir - abgesehen von Einzelmeldungen - bislang nicht.

-Woran liegt das?

Das liegt im Wesentlichen daran, dass sich die deutsche Export-Industrie in den frühen Jahren dieses Jahrzehnts einer erheblichen Restrukturierungskur unterzogen hat und fitter geworden ist. Wir haben eine deutliche Senkung der Lohnstückkosten gesehen und damit eine deutliche Verbesserung der Unternehmens-Rentabilität. Deshalb können die Unternehmen heute diesen Währungs-Schock wesentlich besser verkraften als in vergleichbaren Phasen.

Ein weiterer Aspekt: Heute ist Europa mit Abstand der wichtigste Abnehmer deutscher Waren. Deshalb sind wir nicht mehr so stark abhängig vom Export in die Vereinigten Staaten. Man sollte nicht so weit gehen zu sagen: ,Der hohe Kurs des Euro zum Dollar spielt keine Rolle. Er drückt die Gewinnmargen und tut weh, aber eben nicht so dramatisch.

-Gibt es eine Schmerzgrenze für den Euro-Kurs?

Ich glaube, dass die Diskussion um Schmerzgrenzen nicht sinnvoll ist. Das hängt sehr stark von Branche und Unternehmen ab. Ein Unternehmen, das sehr stark exponiert ist im amerikanischen Markt, ist früher betroffen als andere. Viele Konzerne haben sich auch dadurch etwas abgesichert, dass sie einen Teil ihrer Produktion in die USA verlagert haben, etwa Mercedes und BMW.

-Wie wirkt sich grundsätzlich der Währungskurs auf das Wirtschaftswachstum aus?

Das ist die erste richtige Testphase mit einem wirklich starken Euro seit der Einführung der Währung. Insofern muss man vorsichtig sein. Aber der Sachverständigenrat hat eine Faustformel entwickelt: Demnach führt ein dauerhafter Anstieg der Währung um zehn Prozent zu einer Verringerung des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts um ein halbes Prozent.

-Was sind die Gründe für den Kursanstieg?

Das sind in erster Linie zwei Faktoren: Zum einen haben wir eine Veränderung der Zinsdifferenz zu Gunsten des Euro und zu Lasten des Dollar. Während bei uns das Zinsniveau zuletzt weiter gestiegen ist, ist es in den USA gesunken und wird es wohl weiter tun. Zum anderen verlangsamt sich die Konjunktur in den USA seit Frühjahr 2006, während bei uns die Post da erst richtig abgegangen ist. Auch das Wachstumsgefälle hat sich zugunsten des Euro-Raumes verändert. Da hat sich der Euro-Raum deutlich attraktiver positioniert mit einem Leitzins von vier Prozent und einem kräftigen Wachstum im Vergleich zu Amerika. Neben diesen beiden Faktoren kann man ein paar kleinere Dinge nennen, etwa die Überlegung mancher Entwicklungsländer oder Ölförderstaaten, sich vom Dollar abzuwenden. Aber das spielt keine große Rolle.

-Muss die Europäische Zentralbank eingreifen?

Einseitige Interventionen ohne Beteiligung der Amerikaner sind erfahrungsgemäß wenig sinnvoll. Die EZB interveniert bereits verbal, indem Präsident Jean-Claude Trichet gesagt hat, es handele sich um ,brutale Veränderungen, die unerwünscht seien. Aber das verpufft weitgehend aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Situation. Die EZB hat auch insofern reagiert, als sie den Leitzins seit September nicht erhöht hat und es auch bis Januar wohl nicht mehr tun wird.

-Wird der Euro-Kurs also noch weiter steigen?

So eine Bewegung hat eine gewisse Eigendynamik. Insofern können wir uns auch einen Kurs von 1,50 oder etwas mehr vorstellen. Man muss aber auch sehen, dass die Zinssenkungen der US-Notenbank nach heutiger Einschätzung vermutlich entweder Mitte Dezember oder Ende Januar 2008 zum Ende kommen. Wenn der Markt das spürt, dann ist mit einer Wende und einer Erholung des Dollar in Richtung 1,40 oder darunter zu rechnen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

London wirft Uber raus - Widerspruch angekündigt
Uber schien die heftigen Konflikte mit Behörden und Taxi-Branche in Europa beigelegt zu haben, doch nun sorgt London für einen Eklat. Die britische Hauptstadt will den …
London wirft Uber raus - Widerspruch angekündigt
London wirft Fahrdienst Uber raus
Uber wollte dem Taxi Konkurrenz machen. Zumindest in London ist das vorerst schiefgegangen: Die Stadt will den Fahrdienst von ihren Straßen verbannen.
London wirft Fahrdienst Uber raus
Adidas-Chef: Atempause für schwächelnde Tochter Reebok
Nürnberg (dpa) - Adidas-Chef Kasper Rorsted will die schwächelnde US-Tochter Reebok bis mindestens Ende 2018 behalten. Auf die Frage, ob Reebok zu diesem Zeitpunkt noch …
Adidas-Chef: Atempause für schwächelnde Tochter Reebok
Widerstand gegen Stahlfusion wächst
Nach dem Bekanntwerden der Fusionspläne für die europäischen Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata wächst im Ruhrgebiet die Empörung. Die Kritik entzündet sich auch an …
Widerstand gegen Stahlfusion wächst

Kommentare