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Immer gut gelaunt: Paketzusteller Felice Iannone liebt seine Arbeit. Er liefert seit 21 Jahren aus. 

Reportage über Zusteller im Dauerstress

Diese Paketboten mögen ihren Job - obwohl sie beschimpft werden

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München - Kunden schimpfen, weil Pakete zu spät kommen oder nicht geklingelt wird. Sind die Boten schuld? Wir haben zwei von ihnen begleitet. Sie machen den Job gerne – doch viele Gerüchte stimmen.

Patrick Mahler, 27, fährt mit seinem DHL-Transporter auf dem Gehweg einer Kleinstadt in Oberbayern. Entgegen der Fahrtrichtung. Die dunkelblonden Haare liegen ihm im Gesicht – dort bleiben sie den Tag über auch. Er schaut nach links, zählt langsam die Hausnummern mit. 20, 22, 24. „Der Gehweg, dein Freund und Helfer“, sagt er und stellt seinen Wagen nach 30 Metern ab. „In manchen Bezirken fahre ich mehr auf dem Bordstein als auf der Straße.“ Alltag. „Wir haben gar nicht die Zeit, wie in der Fahrschule zu fahren.“ Auch nicht die Zeit, an allen roten Ampeln zu halten. „Selbst schuld, wer da stehen bleibt.“

Patrick Mahler, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Paketzusteller. Er trägt Nike-Sportschuhe, Pullover und eine silberne Halskette unter der DHL-Weste. Mit seinen leicht angegrauten Haaren sieht er älter aus, als er ist. Mahler hat schon alles gemacht. Einparker, Stuckateur, Staplerfahrer – insgesamt für elf Zeitarbeitsfirmen. Dann wurde er Paketzusteller bei der DHL. Es ist der stressigste seiner bisherigen Berufe. Patrick Mahler lässt sich aber nicht stressen. Er sieht trotzdem, was in der Branche schiefläuft. Die steht derzeit mehr denn je in der Kritik.

Chaos am Briefkasten: Man kann die Namen kaum lesen. So sieht der Alltag von Patrick Mahler aus. „Wie soll ich hier die richtige Klingel finden?“, fragt er. 

Patrick Mahler wuchtet das erste Paket seiner Tour aus dem Laderaum auf die Sackkarre und sagt: „Die Gerüchte stimmen.“ Zusteller, die gar nicht erst beim Kunden klingeln, sondern einfach nur eine Abhol-Karte in den Briefkasten werfen. Schlechte Bezahlung, miese Stimmung, Dauerstress. „Manchmal wird es mir zu viel“, erzählt er. „Ich habe dann schon mal gegen ein Paket getreten.“ Patrick Mahler will erklären, warum er und viele seiner Kollegen an ihre Grenzen stoßen.

Als er am Vormittag aufbricht, liegen 150 Pakete im Laderaum seines Transporters. „Das ist wenig, heute ist es ruhig“, sagt er. Manche Pakete wiegen 300 Gramm, andere 30 Kilo. Patrick Mahler geht von Haus zu Haus, 15 Kilometer am Tag, hat er mal überschlagen. Er sprintet nicht, wie manche seiner Kollegen: Sie fürchten um ihren Job, wenn sie am Abend mit nicht ausgelieferten Paketen in die Zentrale zurückkehren. Er lässt sich von seinem Arbeitgeber nicht unter Druck setzen – was zu viel ist, ist zu viel. Wenn am Abend noch Pakete übrig sind, fährt er mit ihnen zurück zur Zentrale. Er weiß, Paketboten sind knapp, die DHL wird ihn kaum feuern. Andere haben Angst um ihre Existenz, sie brauchen sogar noch einen Zweitjob: „Ganz viele Kollegen fahren am Abend noch Pizza aus“, erklärt Patrick Mahler. Der Druck wächst im Weihnachtsgeschäft noch weiter: Die DHL rechnet mit doppelt so vielen Paketen als sonst. Im Lagerraum von Patrick Mahler stapeln sich dann gerne mal 100 Pakete mehr.

Den Zustellern der Firmen Hermes, DPD und UPS geht es ähnlich – und ihnen reicht es. Sie drohten zuletzt mit Streiks, ehe Verdi das Ende der Tarifverhandlungen verkündete. Ab März 2018 bekommen die Fahrer 4,9 Prozent mehr Lohn. Auch Zusteller der DHL-Tochter Delivery gingen auf die Barrikaden. „Mit der Delivery wurde alles schlechter“, sagt Patrick Mahler. Um dieses Kapitel zu erzählen, muss er stehen bleiben, er stellt die volle Sackkarre ab. Es hat sich viel angestaut. Er war eigentlich zufrieden mit seinem befristeten Vertrag bei der Deutschen Post. Dann, an einem Abend vor eineinhalb Jahren, änderte sich alles.

Er und 20 andere Mitarbeiter wurden zu einer Versammlung einbestellt. Sie sollten von nun an für das Tochterunternehmen Delivery arbeiten und nicht mehr nach DHL-Haustarif bezahlt werden. Viele Zulagen fielen damit weg. Patrick Mahler berichtet: „Es hieß: Nimm das Angebot an oder du bist weg.“ Er entschied sich gegen die Arbeitslosigkeit. Den Vertrag konnte er nicht in Ruhe einsehen, auch nicht mitnehmen. „Ich wusste nur das Gehalt, die Urlaubstage und dass mein Weihnachtsgeld wegfällt.“ Letzteres bedeutet für ihn 1000 Euro weniger. Er muss nun mehr Stunden pro Woche arbeiten – ohne wesentlich mehr zu verdienen. „Der einzige Vorteil ist, dass ich jetzt einen unbefristeten Vertrag habe.“ Eigentlich stehen ihm auch zwölf Euro Spesen pro Tag zu. „Das kam per Zufall raus“, sagt er. Bislang wurden ihm nur zwei Tage ausgezahlt.

Patrick Mahler spürt den Sparkurs der DHL aber nicht nur an seinem Geldbeutel. Er zeigt auf einen Riss an der rechten Seite seines Transporters. Der stört ihn nicht. Gefährliche Mängel an anderen Fahrzeugen, mit denen er manchmal fährt, schon. Es gibt einen Transporter, den die Fahrer mehrmals am Tag mit einem Starthilfegerät anlassen müssen. „Das beliebteste Gerät bei uns“, sagt er und lacht. Ein Fahrzeug gibt ab 40 Stundenkilometern kein Gas mehr, bei einem anderen ist das Trittbrett hinüber. Patrick Mahler schimpft: „An den Autos wird nichts mehr gemacht.“ Die Stimmung unter den Kollegen sei am Tiefpunkt angelangt.

Manche Kunden sind von den Zustellern einfach genervt

Auch die ständig wechselnden Fahrer sorgen für Unmut. Die Deutsche Post wirbt in München und im Umland mit Briefen und Flyern um neue Zusteller. „Bei mir fährt fast jeden Tag jemand zum Einlernen mit. Es wird jeder genommen, der nicht bei drei auf dem Baum ist“, sagt Patrick Mahler. Manche könnten gar kein Deutsch. „Nach dem ersten Tag, an dem sie dann selbst fahren mussten, kündigen die meisten.“ Die Folge der hohen Fluktuation: Es gibt immer mehr schwarze Schafe unter den Zustellern. Das bekommt auch Patrick Mahler zu spüren. Auf seiner Tour wird er schon mal beschimpft, obwohl er alles richtig macht. Manche Kunden sind von den Zustellern einfach genervt.

Felice Iannone bei einer Kundin. 

Patrick Mahler steht jetzt vor einem Mehrfamilienhaus, fünf Etagen, und klingelt bei vier Bewohnern gleichzeitig. Es dauert, bis zwei von ihnen antworten und er zuordnen kann, wer das genau war. „Hier klingeln viele Kollegen gar nicht erst“, sagt er. Benachrichtigungskarten einzuwerfen, spart Zeit. Ist ein Kunde nicht zu Hause, sollte der Zusteller bei drei Nachbarn klingeln – so geht die Regel. Patrick Mahler winkt ab. „Zeitlich gar nicht möglich“, sagt er. Er kennt die Theorie – aber auch die Praxis. Eigentlich stehen ihm 30 Minuten Pause zu. Am Ende seiner Tour hat er ein paar Mal an seiner 1,5-Liter-Flasche Spezi genippt. Gegessen hat er nicht. Am Abend will er sich dafür Cordon bleu machen.

Delivery, Sparkurs und viele neue Fahrer. Das Problem scheint hausgemacht. Auf Anfrage sagt Klaus-Dieter Nawrath, Sprecher der Deutschen Post: „Wenn wir die Delivery nicht gegründet hätten, hätten wir langfristig ein Problem bekommen.“ Die Löhne seien teilweise doppelt so hoch gewesen wie bei der Konkurrenz. Patrick Mahler fuhr einen Monat lang für Hermes. Sechs Tage die Woche, von morgens halb sieben bis abends halb sieben. Er erinnert sich: „Ich war wie eine Maschine. Ich bin nur noch zum Essen und Schlafen nach Hause.“ Monatsgehalt: 1000 Euro netto. 1200 sind es jetzt bei der DHL Delivery. Für eine Flugreise in den Süden reicht das nicht. Aber es reicht dem Single zum Leben in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung. „Ich bin gerne bei der Post“, sagt er.

Sprecher Nawrath verteidigt die Post-Tochter: „Das sind keine Billiglöhne.“ Die Deutsche Post DHL hat 2015 rund 2,4 Milliarden Euro Gewinn gemacht, sparen muss sie trotzdem. Nawrath erklärt: „Davon profitieren auch die Mitarbeiter.“ Deren Arbeitsplätze würden gesichert. Die anderen Vorwürfe dementiert er: Dass Druck auf Mitarbeiter mit befristeten Verträgen ausgeübt wurde, bei Delivery zu unterschreiben, „ist in der Masse definitiv auszuschließen“. Einsparungen an der Sicherheit der Fahrzeuge? „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Den Job wechseln? Nur wenn er einen Vertrag vom Fußballverein bekommt

Auch Felice Iannone, 46, sieht das Ganze nicht so drastisch. Der Deutsch-Italiener fährt in voller DHL-Montur, seine Halbglatze versteckt er in den kalten Monaten unter einer DHL-Mütze, er ist sogar stolz auf seine DHL-Sackkarre. „Die beste Sackkarre der Branche“, sagt er. Seit 21 Jahren liefert er im Bezirk 105 rund um den Münchner Hauptbahnhof Pakete aus, und ja – einmal hat ihm ein Kunde nackt die Tür geöffnet.

Aber meistens dreht er seine Runden durch Bürogebäude: Hier ist immer jemand da, der die Lieferung annimmt. Sein Vertrag ist noch aus Zeiten der Bundespost – damals gab es den Lohn noch bar auf die Hand. Mit seinem alten Vertrag kann sich Felice Iannone einen anderen Blickwinkel als Patrick Mahler erlauben. Sein Gehalt verrät er nicht, aber er ist damit zufrieden. Auch er hat neue Kollegen, die kein Deutsch können. „Aber es ist gut, dass sie die Chance bei der Post bekommen“, sagt er. Er selbst kam vor 28 Jahren aus Italien, ohne ein Wort Deutsch zu können. Jetzt kann er sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen. „Nur wenn ich einen Vertrag von einem Fußballverein bekomme“, sagt er und muss selbst grinsen. In seiner Freizeit sichtet er Talente für einen englischen Erstligisten.

Felice Iannone ist ein Beispiel dafür, wie dieser Job früher einmal war. Früher, als noch nicht jeder ständig im Internet bestellt hat. Bio-Äpfel, Backofen, Bettgestell – geliefert wird heute alles. Und der Service wird immer mehr genutzt. 2015 waren es 2,95 Milliarden Lieferungen, 2019 werden es laut Prognosen 3,8 Milliarden sein. Massig Arbeit für die Paketboten.

Nicht jedem fällt es leicht, so freundlich wie Felice Iannone zu bleiben. Er ist, das ist wahrscheinlich keine Übertreibung, der beliebteste Paketfahrer Münchens. Die Menschen schütteln ihm auf der Straße die Hand, manche umarmen ihn. Vor vier Jahren fand er auf der Straße eine Handtasche mit 6000 Euro. Selbstverständlich gab er sie bei der Polizei ab. Ein Zusteller der Konkurrenz nannte ihn mal den „Bürgermeister der Bayerstraße“. Felice Iannone verteilt nicht nur Pakete, sondern auch Komplimente. Er hört zu. Die Kunden erzählen ihm von Geldsorgen, Hüftbeschwerden und Liebeskummer. Dann ist er mehr Freund als Lieferant. Aber er weiß: „Im Weihnachtsgeschäft ist es schon krass.“

Die Post stellt für diese Zeit zu den bundesweit 21.500 Paketzustellern 10 000 weitere ein. Irgendwie müssen sie den Paket-Wahnsinn ja bewältigen.

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