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Günther Picker (66) ist Rechtsanwalt und seit 1975 geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bayerischen Bankenverbandes. Außerdem ist er Stadtrat von Starnberg und – als Experte für Kunst und Antiquitätenrecht – Honorarprofessor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

„Diesmal sind Banken eher Opfer als Täter“

München - Günther Picker, Geschäftsführer des Bayerischen Bankenverbandes, erklärt im großen Merkur-Interview, warum die Banken in dieser Krise eher Opfer als Täter sind. Außerdem spricht er über neue Kosten für die Kunden.

Das Image von Banken befindet sich auf einem Tiefpunkt. Doch die aktuelle Krise ist nicht die erste, die die Geldbranche erlebt. Einer, der viel davon erzählen kann, wie sich das Bankgewerbe über die Jahrzehnte verändert hat, ist Günther Picker. Der langjährige Geschäftsführer des Bayerischen Bankenverbandes verlässt seinen Posten Ende des Jahres. Für uns zog der passionierte Banker das Resümee eines langen Berufslebens und blickt in die Zukunft.

Herr Prof. Picker, Ende des Jahres scheiden Sie als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bayerischen Bankenverbandes aus. Traurig?

Ach nein, es war ja eine interessante Zeit und ich habe eine Menge erlebt in 37 Jahren im Amt und 41 Jahren am Finanzplatz Bayern. Das begann mit der Fusion der Bayerischen Staatsbank mit der Bayerischen Vereinsbank, es gab Bankenpleiten wie die der Herstatt-Bank. Im Büro schrieb man noch mit der elektrischen Schreibmaschine, das Gehalt wurde zum Teil noch in bar ausbezahlt, ich habe die Einführung der Scheckkarte miterlebt und natürlich viele Krisen.

Jetzt haben wir wieder eine. Können Sie diese Krise für uns einordnen?

Der Unterschied zu den anderen Krisen, die ich erlebt habe, ist, dass die Volumina, um die es geht, immer größer werden. Mittlerweile geht es um ganze Staaten. Das ist schon eine neue Dimension, das hat man sich früher nicht vorstellen können. Die aktuelle Krise wird aber fälschlich oft als Bankenkrise gesehen. Dabei ist es eine Staatsschuldenkrise, bei der die Banken eher Opfer als Täter sind. Die Staaten haben über ihre Verhältnisse gelebt. Man sieht jetzt mit großem Erstaunen, dass auch demokratisch legitimierte Schulden zurückgezahlt werden müssen.

Einverstanden. Die Krise davor im Jahr 2008, die die heutige mit ausgelöst hat, war aber sehr wohl eine Bankenkrise.

Ja, das stimmt. Die Wurzeln reichen aber viel weiter, bis in die 80er-Jahre zurück. Damals haben wir die Finanzmärkte für neue Produkte geöffnet, strukturierten Papiere. Und wir haben den Finanzmarkt liberalisiert und dereguliert.

Wer also ist schuld, die Banken oder die Politik?

Ich glaube beide. Die Politiker haben mit der Deregulierung vieles ermöglicht, und die Banken, die das vorangetrieben haben, lagen damals im Trend der Zeit. Es kommt noch etwas dazu: Die Banker haben sich gewandelt, von der Klassik zu Jugendstil.

Wie meinen Sie das?

Es gab einen Wechsel im Wertesystem. Die Bankvorstände zuvor hatten alle den Krieg und die Aufbaujahre miterlebt. Die hatten eine ganz andere Einstellung zum Bankgeschäft und zur Gesamtverantwortung. Das änderte sich. Technokraten kamen in die Chefsessel, Wachstum, Geldverdienen um jeden Preis, das waren die Prioritäten. Der Mensch wurde zum Kostenfaktor. Ich glaube, wir stehen heute an einem Punkt, wo wir umdenken müssen.

Trauen Sie das dem aktuellen Vorstandspersonal zu?

Ja, ich glaube, die Bankvorstände können umdenken. Die Krise selbst zwingt sie dazu.

Und die Politik? Muss die nicht auch umdenken und die Deregulierungen der Vergangenheit wieder rückgängig machen?

Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass das Schuldenvolumen viel zu groß ist. Wir haben ein Welt-Bruttosozialprodukt von ungefähr 60 Billionen Dollar und ein Volumen von Finanzgeschäften, das eher bei 600 Billionen liegen dürfte. Da muss das Umdenken beginnen. Wir müssen Schulden abbauen. Das heißt auch, dass wir uns damit anfreunden müssen, kleinere Brötchen zu backen.

Wir Banken oder wir Gesellschaft?

Vor allem wir als Gesellschaft. Aber auch die Banken. Deren Apparate sind viel zu groß. Das wird auf Normalmaß gestutzt. Wir werden uns in Richtung Opas Banking zurückorientieren müssen.

Das ist aber nicht das Kerngeschäft der privaten Banken. Das verbindet man eher mit Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Das ist nicht ganz richtig. Zu den privaten Banken gehören nicht nur Großbanken, sondern auch Privatbankiers, die praktisch das gleiche Geschäft machen wie Sparkassen.

Aber doch nur für vermögende Kundschaft.

Nicht nur. Zum Beispiel die Castellbank in Würzburg, die Flessabank, oder die Sperrer-Bank in Freising. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Privatbanken für die Vermögensverwaltung, wie Merck Finck oder Aufhäuser. Aber wenn wir von systemrelevanten Banken sprechen, dann sprechen wir in Deutschland nur von der Deutschen Bank, der HypoVereinsbank und der Commerzbank. Das ist innerhalb der privaten Banken nur eine kleine Gruppe.

Die öffentliche Meinung ist derzeit ja nicht gerade aufseiten der Banken. Empfinden Sie das als ungerecht?

Solange ich mit Banken zu tun habe, hatten die immer einen schlechten Ruf.

Es gab aber doch noch nie so etwas wie die Occupy-Bewegung und eine Situation, wo Leute aus Protest tagelang vor Frankfurter Banken campiert haben?

Das gab es alles schon. Ich erinnere mich noch gut an Apo- und RAF-Zeiten. So ganz neu ist das nicht. Die Occupy-Bewegung ist im Übrigen drei Jahre zu spät dran. Die Bankenkrise war 2008. Heute sind die Banken der falsche Adressat.

Noch vor wenigen Jahren galt die Devise: Die deutschen Banken sind zu klein, sie müssen fusionieren, sonst werden sie Übernahme-Kandidaten für ausländische Großbanken. Davon hört man heute nichts mehr. Ist das Thema Größe endgültig vom Tisch?

Dieses Immergrößer-Werden hatte ja seinen Grund. Die Margen reichten hinten und vorne nicht mehr aus, man musste Marktanteile dazugewinnen, um seine Kosten zu decken. Und man musste sich, um die Erträge zu erhöhen, im Osten engagieren.

An dieser Situation der knappen Margen hat sich ja nichts geändert.

Bis dato nicht. Aber es wird sich etwas ändern.

Was?

Die Banken werden weiter versuchen, Kosten abzubauen, ihre Apparate zu verkleinern. Weil klar ist ja: Wenn das Ziel der Zukunft Schuldenabbau ist, dann heißt das auch, dass wir um eine Rezession nicht herumkommen. Denn dann wird auch die Realwirtschaft vorsichtiger mit Investitionen sein und die Banken noch vorsichtiger mit Krediten. Das heißt auch, dass die Kosten für Kredite steigen werden.

Muss man sich als Privatkunde auch auf steigende Kosten einstellen?

Ja, das geht gar nicht anders. Der Kunde muss sich darauf einstellen, dass er Bankdienstleistungen nicht mehr wie gewohnt kostenlos bekommen kann. Das ist im Ausland heute schon so. Zu steigenden Kosten führt im Übrigen auch der Verbraucherschutz, speziell die Orientierung von der Provisionsberatung hin zur Honorarberatung.

Was haben Sie dagegen?

Wenn Honorarberatung durchgesetzt wird, bedeutet das ganz einfach, dass sich viele gar keine Beratung mehr leisten können. Problematisch ist auch die Bürokratie mit umfangreichen Beratungsprotokollen für alle möglichen Bankgeschäfte.

Das alles sind aber doch Reaktionen der Politik auf tatsächliche Fehlentwicklungen wie eben Falschberatung in Banken.

Ja, aber es ist trotzdem falsch, wegen einer Fehlentwicklung gleich das ganze System zu ändern. Das ist allmählich kein Verbraucherschutz mehr, sondern eine Bevormundung. Wir steuern da auf ein Bürokratie-Dickicht zu, das auch viele Kunden nicht gut finden. Man sollte dem Kunden zumindest die Möglichkeit geben, auf all diese Dinge zu verzichten.

Was haben Sie jetzt vor in ihrem Ruhestand?

Ich sitze ja noch im Stadtrat von Starnberg. Damit habe ich politisch zu tun bis 2014. Dann bin ich 70. Dann ist es ganz gut, kürzerzutreten, um sich auch mehr um die Familie kümmern zu können.

Interview: Corinna Maier

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