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Maximilian Kunkel ist seit 2016 Chefanlagestratege für Deutschland bei der Schweizer Großbank UBS. Davor leitete er das Investmentspezialistenteam der UBS für Lateinamerika.

Interview mit UBS-Chefanlagestratege Maximilian Kunkel

Digitalwährung Bitcoin: „Die Blase wird früher oder später platzen“

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Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege für Deutschland der Schweizer Großbank UBS, über die Risiken der Kryptowährung. Und darüber, wo Anleger derzeit noch Rendite erzielen können.

München - Rund um den Bitcoin überschlagen sich die Ereignisse. Erstmals stieg der Wert einer Einheit der Digitalwährung über 16.000 US-Dollar – nach nur 1000 Dollar zum Jahresbeginn. Gleichzeitig schwankt der Kurs immer stärker; binnen weniger Stunden um tausende von Dollar und Online-Börsen werden von Hackern beklaut. Da wirkt es fast paradox, dass die Kryptowährung am Sonntag einen Karriereschritt in Richtung eines etablierten Finanzprodukts machen wird: Die US-Handelsplattform CBOE will den ersten Bitcoin-Terminkontrakt einführen. Eine Woche später will der weltweit größte Börsenbetreiber CME eigene Future-Kontrakte an den Markt bringen. 

Wer vor fünf Jahren 1000 Euro in Bitcoin investiert hat, ist heute Millionär. Das klingt nach einem lohnenden Investment.

Maximilian Kunkel: Im Rückblick war es das auch. Heute ist Bitcoin dennoch kein gutes Investment. Genauso wie bei anderen Kryptowährungen hat sich eine Blase gebildet, die früher oder später platzen wird. Für sehr risikoorientierte Anleger würde ich ein Investment zwar nicht ausschließen. Wir raten aber grundsätzlich ab. Die Blockchain-Technologie, die Bitcoin zugrunde liegt, bewerten wir dagegen völlig anders. Investitionen sind hier vergleichbar mit der Investition ins Internet Anfang der 1990er-Jahre. Blockchain wird einen wirtschaftlichen Mehrwert für die kommenden Jahrzehnte bringen.

Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat ein Bitcoin-Verbot gefordert. Was halten Sie davon?

Ein Verbot wäre nicht der richtige Schritt. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft und diese soll auch gelebt werden. Mündige Investoren sollen ihre Erfahrungen machen können – sowohl mit sicheren Anlagen als auch mit spekulativen.

Die Schwelle, in Bitcoins zu investieren, ist hoch. Jetzt sollen Wertpapiere eingeführt werden, mit denen man auf Bitcoins wetten kann. Das könnte den Einstieg erleichtern.

Solche Derivate wären noch riskanter als der direkte Einstieg. Man nimmt bei Derivaten immer zusätzliche Risiken in Kauf, zum Beispiel das Risiko, dass der Emittent pleitegeht. Verbieten würde ich aber auch solche Produkte nicht. Der Regulator muss aber genau hinschauen. Für wen eignet sich so eine Anlage? Sind die Informationspflichten erfüllt?

Neben Kritikern gibt es auch Befürworter, die in Bitcoins und Co. die digitale Zukunft des Bezahlens sehen. Denken Sie, Kryptowährungen können etablierte Währungen irgendwann ersetzen?

Nein. Etablierte Währungen haben zwei Funktionen, die bei Kryptowährungen beide nicht erfüllt sind: Sie dienen als breit akzeptiertes Medium des Austausches und als Wertaufbewahrungsmittel.

Das müssen Sie genauer erklären.

Man darf nicht vergessen, dass mehr als 30 Prozent der Zahlungen in den OECD-Ländern Steuerzahlungen sind. Der Staat müsste Bitcoins oder andere Kryptowährungen als gängiges Zahlungsmittel akzeptieren, erst dann könnten sie als breit akzeptiertes Medium des Austausches fungieren. Das scheint allerdings sehr unwahrscheinlich. Der Staat verschuldet sich schließlich selbst mit Euro oder Dollar und will keine zusätzlichen Währungsrisiken eingehen. Übertragen gilt das auch für Privatpersonen: Wer sich in Bitcoin bezahlen lässt, geht ein Währungsrisiko ein, denn seine Steuerschuld muss er immer noch in Euro oder Dollar begleichen.

Und warum eignet sich der Bitcoin nicht als Wertaufbewahrungsmittel?

Das hängt mit der fehlenden Regulation zusammen. Bei zentral organisierten Währungen wie dem Euro ist die Zentralbank für die Anpassung des Angebots basierend auf der Nachfrage zuständig. Bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen kann das Angebot nicht fallen. Sie sind dezentral organisiert. Das erklärt auch die Schwankungen, die wir derzeit sehen. Gleichzeitig kann die Anzahl der Kryptowährungen unendlich wachsen. Jeder kann eine Kryptowährung erschaffen; wird eine kreiert, die technisch fortgeschrittener ist als Bitcoin, würde sich die Nachfrage in deren Richtung bewegen und Bitcoin abwerten.

„Der Fokus sollte auf Aktien liegen“

Wie sieht es denn in anderen Anlageklassen aus? Wo gibt es noch Rendite bei überschaubaren Risiken?

Derzeit sind weltweit die Bewertungen in vielen Anlageklassen erhöht. Vor dem Hintergrund, die Risiken so gering wie möglich zu halten, empfehlen wir, möglichst breit zu streuen – über Regionen und Anlageklassen. Klumpenrisiken, von denen wir ab zehn bis 20 Prozent des gesamten Portfoliowertes sprechen, sollte man vermeiden. Der Fokus sollte auf Aktien liegen. Wir sind der Meinung, dass die Aktienmärkte am meisten von der derzeitigen Konjunkturerholung profitieren werden.

An den Börsen geht es allerdings schon seit Monaten bergauf. Könnte die Hausse nicht auch bald vorbei sein?

Das glauben wir nicht. Typische Vorboten für eine Korrektur an den Börsen sind exzessive Bewertungen, Überinvestitionen von Unternehmen, eine massive Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen oder eine fallende Marktbreite – also dass der Markt von weniger Unternehmen getrieben wird. Keiner dieser Vorboten ist in Sicht. Außerdem ist der Großteil der Gewinne an den Börsen von den Gewinnen in den Unternehmen gestützt. Solange das der Fall ist, sehen wir steigende Kurse.

Sind bestimmte Branchen besonders im Aufwind?

Wir sehen drei Trends, die sich fortsetzen werden. Zum einen Technologie: Hier wird das Wachstum in allen Bereichen – von der Digitalisierung bis zu neuen Produktzyklen im Endverbraucherbereich – weiter über dem der Weltkonjunktur liegen. Dazu kommt, dass die Bewertungen momentan noch vergleichsweise moderat sind. Der zweite Sektor, den wir derzeit präferieren, ist der Finanzsektor. Das liegt an der positiven Konjunkturentwicklung und dem erhöhten Kreditvolumen. Und auch der Energiesektor, der zuletzt an Fahrt aufgenommen hat, ist aussichtsreich. Wir gehen davon aus, dass sich der Ölmarkt 2018 positiv entwickeln wird.

Wovon würden Sie momentan die Finger lassen?

Die Sektoren, die im jetzigen Umfeld nicht sehr attraktiv sind, sind diejenigen, in die Anleger in den letzten Jahren als Anleihen-Ersatz investiert haben. Das sind Bereiche, in denen es zwar relativ hohe Dividendenrenditen gibt, aber keine hohen Wachstumsraten – zum Beispiel azyklische Konsumgüter wie Lebensmittel, Telekommunikationsunternehmen oder Versorger. Werden Anleihen im Zuge der steigenden Zinsen wieder interessant, werden hier schnell Gelder abfließen.

Bei UBS sind zwar 100.000 Euro die Mindestanlagesumme. Aber bleiben wir mal bei 10.000 Euro. Wie würden Sie derzeit einen solchen Betrag investieren?

Vornehmlich in Anleihen und Aktien. Aber wie genau, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel, wo man im Leben steht – ist man gerade ins Berufsleben gestartet oder befindet man sich in einer späteren Lebensphase? Außerdem ist wichtig, ob man das Geld in absehbarer Zeit wieder braucht. Auch der Aspekt, wie risikoorientiert man selbst ist, spielt eine Rolle. Wichtig ist, dass man all diese Fragen beantwortet, bevor man sich für ein Investment entscheidet.

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