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roduktion nach bayerischen Qualitätsmaßstäben. Die geländegängigen BMW-Modelle vom X3 bis zum X7 werden ausschließlich in Spartanburg hergestellt und von dort aus auch nach Bayern exportiert.

Dingolfing Vorbild für Spartanburg

BMW baut Standort in USA aus

Greenville - BMW baut seinen Standort in Spartanburg (USA) zum weltweit größten Montagewerk aus. Der US-Staat South Carolina hat sein Gesicht durch BMW ähnlich verändert wie Niederbayern durch das Werk in Dingolfing.

Lieblose Funktionsarchitektur, Gewerbe, kaum gepflegtes Grün, brachliegende Gewerbeflächen, sichtbarer Verfall. Wer vor 20 Jahren schon einmal im Zentrum von Greenville (US-Staat South Carolina) war, wird die Stadt heute kaum wiedererkennen: Man kann durch Grünanlagen zwischen Bars und Restaurants flanieren. Historische Gebäude wurden herausgeputzt und fügen sich heute zu einem fast europäischen Stadtbild zusammen.

Das alles hat mit einem Fabrikkomplex rund 20 Kilometer vor den Toren der Stadt zu tun: Im ländlichen Greer (Kreis Spartanburg) liegt seit 1994 auf der grünen Wiese ein eingezäuntes Fabrikgelände. Dessen Hallen waren damals von der Interstate 85 aus kaum wahrnehmbar. Nur ein knapp 15 Meter hohes Türmchen mit dem BMW-Marken-emblem wies darauf hin, wer hier produzierte.

Heute wirkt das Türmchen fast verloren. Denn gigantische Werkhallen ziehen sich weithin sichtbar über das riesige Gelände. Das BMW-Werk Spartanburg war 1994 für eine jährliche Produktion von 100 000 Autos ausgelegt. Seit zehn Jahren wird in immer größeren Schritten ausgebaut. Derzeit liegt die Kapazität bei über 300 000 Autos. Künftig sollen es 450 000 sein. In keinem BMW-Werk in der ganzen Welt rollen mehr Fahrzeuge von den Bändern.

Rund 8800 Menschen werden dann im BMW-Werk Spartanburg arbeiten. Doch das ist nur ein Teil der Erfolgsgeschichte. Auf BMW folgten andere: Zulieferer, Reifenhersteller, High-tech-Unternehmen. Auch der Luftfahrt- und Rüstungsgigant Boeing betreibt inzwischen in South Carolina ein Werk.

South Carolina, durch die Abwanderung der Textilindustrie wirtschaftlich verödet, erblühte als Industriestandort neu. Wie wichtig BMW für diese zweite Industrialisierung des gesamten Staates war, fasst Gouverneurin Nikki Haley in einem Satz zusammen. „BMW gab South Carolina Hoffnung.“

Der gewachsene Wohlstand ist auch auf den riesigen Parkplätzen des BMW-Werks unübersehbar. Vor zehn Jahren waren dort Kleinwagen japanischer Herkunft und ältere US-Modelle fast unter sich. Inzwischen sind dort immer mehr aktuelle BMW-Modelle zu sehen. Die Arbeiter, die an vier Tagen in der Woche jeweils zehn Stunden für BMW arbeiten, gehören zu den bestverdienenden in der Region.

Die beeindruckende Entwicklung auch der Stadt Greenville ist Ausdruck der neugewonnen Prosperität des einst verarmten Landstrichs, der längst wieder vor Selbstbewusstsein strotzt. BMW betreibt hier nicht einfach einen Produktionsstandort. Spartanburg ist im Konzern das Kompetenzzentrum für die geländegängige X-Reihe: X3, X4, X5 und X6 werden ausschließlich hier für die ganze Welt gebaut. Künftig wird auch noch der X7 dazukommen. Auch mit 450  000 Auto bleibt BMW nach US-Maßstäben ein eher kleiner Autobauer, der aber in einem Punkt selbst General Motors, Ford und Chrysler in den Schatten stellt: Weil Spartanburg nicht nur die USA, sondern die ganze Welt mit seinen Autos beliefert, ist BMW inzwischen der größte Autoexporteur Nordamerikas. „South Carolina ist nun die BMW-Hauptstadt der Welt“, sagt Gouverneurin Haley. Das aber ist nur in einem Punkt berechtigt: Mit 450 000 Autos jährlich produziert Spartanburg künftig mehr Autos als das bislang größte BMW-Werk in Dingolfing. Dennoch arbeiten dort mit 18 500 Menschen immer noch doppelt so viele wie in Spartanburg. Denn in Niederbayern werden nicht nur Autos montiert. Von einem riesigen Lagerhallenkomplex neben dem Werk am Stadtrand aus wird in Niederbayern die weltweite Ersatzteilversorgung des Konzerns organisiert. Besonders anspruchsvolle Autoteile liefert Dingolfing auch an andere BMW-Fabriken. Und ein zweiter Fabrikkomplex mitten in Dingolfing, das Komponentenwerk, fertigt unter anderem Hinterachsgetriebe für alle BMW-Modelle, auch für die aus Spartanburg.

Noch markanter ist der Vergleich mit der eigentlichen BMW-Hauptstadt München. Im Stammwerk des Konzerns im Stadtteil Milbertshofen arbeiten mit 7300 Menschen schon heute weniger als in Spartanburg. Doch mit der Konzernzentrale im Münchner Norden, der Vertriebsniederlassung München ein paar Straßen weiter und vor allem dem Forschungs- und Entwicklungszentrum (FIZ) des Konzerns kommt in der bayerischen Hauptstadt eine eindrucksvolle Beschäftigtenzahl zustande: 37 000.

Allein das FIZ, das auf brachliegenden Militär- arealen im Münchner Norden aus dem Boden gestampft wurde, ist heute der mit Abstand größte BMW-Standort auf der ganzen Welt. 26 000 Menschen arbeiten hier. Dazu kommen viele, die bei Zulieferern angestellt sind, ihren Schreibtisch aber bei BMW haben, weil die Entwicklung zwischen den Autoherstellern und ihren Zulieferern zunehmend verzahnt wird.

Trotz all dieser Unterschiede gibt es auch deutliche Parallelen zwischen Bayern und South Carolina. Vor allem wer die Entwicklung in Dingolfing über die Jahrzehnte verfolgt hat, kann die Ähnlichkeiten kaum übersehen. Auch damals war Niederbayern durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft aufs wirtschaftliche Abstellgleis geraten. Die wenigen Industriebetriebe, meist Hersteller landwirtschaftlicher Geräte, darbten mit ihren Abnehmern. Viele standen vor dem Aus. Auch der Traktorenbauer Glas in Dingolfing, der sich mit der Herstellung von Kleinwagen, unter anderem dem Goggomobil, ein zweites Standbein geschaffen hatte, sich aber durch die enormen Entwicklungskosten für Autos der Mittel- und Oberklasse verhob.

Glas stand vor der Aufgabe. BMW nutzte die Gelegenheit, kaufte Glas und betreibt die beiden früheren Glas-Werke in Dingolfing und Landshut bis heute. Aus dem Armenhaus Südbayerns wurde inzwischen eine der wirtschaftlich stärksten Regionen, die Arbeitskräfte auch aus den entlegendsten Gegenden des Freistaats anzieht. Der Einzugsbereich reicht vom nördlichen Stadtrand Münchens bis weit über die Donau hinaus. Von Montag bis Freitag starten noch mitten in der Nacht selbst in entlegenen Dörfern des Bayerischen Waldes Werksbusse, die Arbeiter an die Bänder nach Dingolfing bringen. Längst haben sich im Sog des Giganten zahlreiche florierende Zulieferbetriebe entwickelt. Ein Beispiel ist die Geschichte von Lisa und Fritz Dräxlmaier, die ab 1958 im abgelegenen Marktflecken Vilsbiburg in einer kleinen Fabrik Kabelsätze für das Goggomobil lieferten. Heute ist die „Dräxlmaier Group“ ein internationaler Zuliefer-Konzern mit weltweit 45 000 Mitarbeitern.

BMW baute nicht einfach ein Werk im Ausland, sondern es exportierte ganz gezielt eine Erfolgsgeschichte aus Niederbayern. Der damalige Nordamerika-Chef und spätere Vorstandsvorsitzende Helmut Panke klapperte im Auto mit Kollegen Teile der Vereinigten Staaten nach einem möglichen Werkstandort ab. Er suchte nicht im Umfeld der Metropolen, sondern in den eher ländlichen Regionen. In South Carolina wurde er fündig: Bescheidene, aber gepflegte Häuschen, Bewohner, die wie viele in Niederbayern fleißig, aber nicht reich waren – Verlierer des von ihnen nicht verschuldeten Niedergangs der Textilindustrie. Die Politik half gemessen an europäischen Maßstäben unbürokratisch.

So entwickelte sich die Symbiose zwischen dem bayerischen Konzern und seiner, wie Vorstandschef Norbert Reithofer sagt, „zweiten Heimat South Carolina“. Das ist für ihn keine Floskel. Reithofer leitete das Werk Spartanburg von 1997 bis 2000, bevor er als Produktionsvorstand in die Konzernzentrale zurückgeholt wurde. Immer wieder kommen Arbeiter, die ihn von früher kennen, auf ihn zu. Er begrüßt sie mit Handschlag. Viele von ihnen spricht er mit Namen an.

Von Martin Prem

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