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Abzocke? Dispozinsen stehen auf dem Prüfstand.

Neue Pläne

Abzocke? Dispozinsen auf dem Prüfstand

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München - Wer sein Girokonto überzieht, zahlt oft hohe Zinsen – wird das Dispokredit-Limit geknackt, wird es richtig teuer. Jetzt kommt offenbar Bewegung ins Thema.

Die Politik plant eine Warnpflicht für überzogene Konten, einige Banken kappen ihren Überziehungszins, und Verbraucherschützer raten zu Alternativen.

Dispokredite sind praktisch, aber auch teuer. Die Bank räumt einen Kreditrahmen auf dem Girokonto ein, den der Kunde ganz nach Bedarf in Anspruch nehmen kann. Dafür kassiert die Bank allerdings meistens hohe Zinsen – laut Stiftung Warentest werden im Schnitt elf Prozent fällig. Wer den vereinbarten Dispokredit überzieht, muss bei den meisten Banken nochmal einen Zinszuschlag zahlen. Das wird dann richtig teuer. Einige Banken verlangen bis zu 19 Prozent Überziehungszins, die Verbraucherschützer auch als „Strafzins“ bezeichnen.

Die hohen Dispo- und Überziehungszinsen sind für Verbraucherschützer schon lange ein Ärgernis. Sie sprechen von „Abzocke“. „Bei dem aktuellen Zinsniveau müsste der Dispozins deutlich unter zehn Prozent liegen“, sagt Stephanie Pallasch von der Stiftung Warentest. Der Leitzins, zu dem sich Banken bei der Europäischen Zentralbank Geld leihen können, rangiert derzeit bei 0,25 Prozent. Das geben die Banken nicht an ihre Kunden weiter, kritisieren Verbraucherschützer. Die Banken halten dagegen. Der Dispokredit sei das „Taxi unter den Krediten“ heißt es beim Sparkassenverband. Ein Höchstmaß an Flexibilität, das eben kostet. Es seien besondere Risiken einzupreisen, schreibt der Genossenschaftsverband Bayern. Die Bank trage schließlich das volle Ausfallrisiko – daher die hohen Zinsen.

Die Stiftung Warentest veröffentlicht regelmäßig die Höhe der Dispo- und Überziehungszinsen der Kreditinstitute in Deutschland – zuletzt im Sommer 2013. Mehr als 100 der 1600 untersuchten Banken verlangten damals über 13 Prozent Dispozinsen. Die Erhebung ergab außerdem, dass Banken für die über den Dispo hinausgehende „geduldete Überziehung“ meistens drei bis sechs Prozentpunkte mehr als für den vereinbarten Dispo kassieren.

Lediglich 100 Institute in Deutschland verzichteten im vergangenen Jahr auf zusätzliche Überziehungszinsen – darunter die VR Bank München Land und die Raiffeisenbank München Süd. Europas größte Direktbank ING-Diba hat mittlerweile nachgezogen, die Sparda-Bank Baden-Württemberg will ebenso verfahren. Die Sparda-Bank München hat bereits 2010 Überziehungszinsen abgeschafft.

Das freut die Verbraucherschützer. Ihre Forderungen gehen aber weit über eine Abschaffung der „Strafzinsen“ hinaus. Sie sprechen sich vor allem für eine Deckelung der Dispozinsen aus, die allerdings im Koalitionsvertrag bereits abgelehnt wurde. Vereinbart wurde aber, eine Warnpflicht für überzogene Konten einzuführen.

Verbraucherschützer begrüßen das Vorhaben: „Die Warnpflicht sollte aber gekoppelt werden an die Pflicht der Bank, den Kunden über alternative Angebote zu beraten“, sagt vzbv-Finanzexpertin Dorothea Mohn. Wenn Verbraucher dauerhaft im Dispo seien, sollte über wirtschaftlich sinnvolle Umschuldungen gesprochen werden müssen – möglichst in Verbindung mit einem Angebot zur Budgetberatung (siehe Kasten). Zudem müsse sichergestellt sein, dass der Warnhinweis nicht untergehe. „Hier ist eine schriftliche Aufklärung erforderlich. Das Schreiben sollte eine Beispielsrechnung über die anfallenden Kosten in Euro für die Inanspruchnahme des Dispos über einen bestimmten Zeitraum enthalten.“

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Die meisten Banken lehnen die geplante Warnpflicht ab. Bankenpräsident Jürgen Fitschen sprach sich erst kürzlich dagegen aus. Viele Sparkassen haben bereits eine eigene Warnfunktion, auf die sie verweisen. „Mit unserem Konto-Wecker können Kunden einstellen, dass sie per SMS oder E-Mail benachrichtigt werden – zum Beispiel, wenn sie ins Minus rutschen“, erklärt eine Sprecherin des Sparkassenverbandes.

Grundsätzlich betonen alle Kreditinstitute, dass der Dispokredit nicht langfristig in Anspruch genommen werden sollte. „Die Überziehung des Kontos sollte immer nur eine temporäre Angelegenheit bleiben. Ist dies nicht der Fall, raten wir dem Kunden grundsätzlich zu einer Umwandlung in einen Privatkredit – das ist für ihn in jedem Fall günstiger“, sagt Helmut Lind, Vorstandschef der Sparda-Bank München.

Die Höhe der Dispozinsen ist auch bei der Wahl einer Bank wichtig, um ein Girokonto zu eröffnen. Sie sollte allerdings nicht ausschlaggebend sein, findet Stephanie Pallasch von der Stiftung Warentest. Zunächst sollten sich Verbraucher nach den Kosten eines Kontos erkundigen – einige Banken bieten Girokonten zum Nulltarif. Jeder muss sich für eine Filial- oder Onlinebank entscheiden, je nachdem, ob man Wert auf persönliche Beratung legt. Ebenfalls ein wichtiges Kriterium ist die Anzahl der Geldautomaten. Erst an vierter Stelle in der Prioritätenliste folgt die Höhe der Dispozinsen.

Manuela Dollinger

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