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Das Blech hat Hochkonjunktur: Viele Getränkehersteller haben die Dose als Verpackung neu entdeckt. Die Hersteller versuchen, das Öko-Image des Aluminiums aufzupolieren: „Mehrweg gut, Dose schlecht“ stimme nicht mehr.

Trotz Pfand: Die Dose ist wieder zurück

München - Mehr als zehn Jahre nach Einführung des Einweg-Pfands feiert die Dose ein Comeback. Über 1,1 Milliarden Mal wanderte sie 2011 über den Ladentisch - ein Anstieg von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Grund dafür könnte das Einweg-Mehrweg-Chaos sein.

Es macht wieder öfter „Zisch“ in Deutschland. Die Getränkedose scheint ihr Pfand-Tief endgültig überwunden zu haben. Viele Getränkehersteller haben die Dose als Verpackung neu entdeckt, bei Kaffeespezialitäten und Energy-Getränken ist das Blech dominierendes Packmittel. Der europäische Dachverband der Dosenhersteller BCME („Beverage Can Makers Europe“) präsentiert neue Verkaufserfolge: 2011 wanderte die Dose in Deutschland 175 Millionen Mal häufiger über den Ladentisch als noch im Vorjahr. Insgesamt lag der Verkauf bei mehr als 1,1 Milliarden und wuchs damit um rund 19 Prozent. Marktforscher sprechen von einem „Retrotrend“.

Allerdings haftet an dem Blech auch der Ruf des rostig zerknautschten Umweltkillers. Die Hersteller versuchen deswegen hartnäckig, der Dose einen grünen Anstrich zu verpassen. Der Marktführer bei den Energy-Getränken „Red Bull“ setzt auf Transparenz und zeigt auf seiner Internet-Seite den „Lebenszyklus der Dose“. Kein einziges Gramm Aluminium werde sinnlos vergeudet, heißt es da. Alle Dosen seien zu hundert Prozent recyclebar und das Recycling einer geleerten Dose benötige 95 Prozent weniger Energie als die Produktion einer neuen.

Aluminium ist ein Material, was unendlich oft wiederverwertet werden kann, stimmt der BCME zu. „Wenn Sie heute eine Cola-Dose in der Hand halten, ist die Chance groß, dass sie mal ein Wikingerschwert war“, sagt Sprecher Welf Jung. Die Recycling-Quote von Dosen liege mittlerweile bei 96 Prozent. Die Pauschalaussage „Mehrweg gut, Dose schlecht“ stimmt laut Jung nicht mehr.

Es sei umweltfreundlicher, eine Dose in den nächsten Pfandautomaten zu stecken, als Mehrweg-Flaschen quer durch das Land zum Abfüll-Brunnen zu karren. Wenn „im Norden Deutschlands das Weizenbier aus München getrunken wird“ und die Flaschen wieder zurück müssen, gehe die Rechnung nicht mehr auf. „Ökologischer Wahnsinn“, schimpft Jung.

Dosenhersteller hatten bereits 2010 mit einer groß angelegten Image-Kampagne für Aufsehen gesorgt. Damals behaupteten sie, dass sich Getränkedosen umwelttechnisch auf Augenhöhe mit Mehrweg-Behältern befinden würden. Die Deutsche Umwelthilfe klagte dagegen - und gewann. Das „Forum Getränkedose“, die deutsche Organisation des BCME, musste eine Unterlassungserklärung unterschreiben.

Das Umweltamt betrachtet Marktzahlen und Öko-Thesen der Dosenhersteller mit Argwohn. Den Experten zufolge scheidet die Öko-Bilanz von Mehrwegbehältern, die mehrfach in den Konsumkreislauf zurückkehren, nach wie vor deutlich besser ab als die der Dosen. Die Hersteller würden außerdem Effekte miteinbeziehen, die das Bild verzerren. So nähmen sie Mehrwegflaschen mit nur geringen Umlaufzahlen (zum Beispiel Glasflasche: 45 Umläufe, PET-Mehrwegflasche nur 20) als Grundlage für ihre Berechnungen her.

Auch die Getränke-Einzelhändler freuen sich nicht wirklich über das Comeback des Einweg-Blechs, sagt Sepp Gail von deren Dachverband. Er vertritt die Interessen von Getränkemärkten und Abfüll-Brunnen. „Mehrweg ist unsere Geschäftsgrundlage“, so Gail. Und es sei wesentlich umweltfreundlicher als Dosen: Glas-Wasserflaschen würden bis zu 50 Mal wiederbefüllt. „Sie schmeißen Ihr Wasserglas zu Hause ja auch nicht weg, nachdem Sie es benutzt haben“, schimpft Gail.

Er glaubt nicht, dass das Dosen-Comeback etwas damit zu tun hat, dass die Menschen weniger auf Umweltfreundlichkeit achten würden. „80 Prozent der Verbraucher kaufen lieber Mehrweg“, so Gail. Die Getränke-Einzelhändler fordern allerdings im Rahmen einer Mehrweg-Initiative erhebliche Nachbesserungen bei dem System. Nach aktuellen Umfragen erkennt knapp die Hälfte der Verbraucher den Unterschied zwischen Mehrweg und Einweg nicht - vor allem seit man für beides Pfand zahlen muss. Viele würden laut Gail auch glauben, dass PET-Flaschen grundsätzlich wiederbefüllt werden. Dabei gibt es auch Einweg-PET-Flaschen. Nur weil auf dem Pfand-Logo ein Pfeil zu sehen ist, bedeute das noch lange nicht, dass es sich um eine Mehrweg-Verpackung handelt. Es sollte überall deutlich „Einweg“ oder „Mehrweg“ zu lesen sein, fordert Gail. Bisher gibt es das Mehrweg-Zeichen (blauer Kreis mit grünem Abschnitt links oben und der Umschrift „Mehrweg - Für die Umwelt“), das Umwelt-Gütesiegel „Blauer Engel“ oder den Hinweis „Mehrweg“, „Mehrwegflasche“ oder „Mehrweg-Pfandflasche“. Pfandpflichtige Einweg-Getränkeverpackungen tragen das Zeichen der Deutschen Pfandsystem GmbH (DPG), das eine Dose und Flasche zeigt und irritierenderweise einen Pfeil.

Das Zeichen findet sich auch auf vielen PET-Flaschen. Sie hält Mehrweg-Verfechter Gail sogar für ein größeres Problem als die Dosen, da sie häufiger verkauft würden. Deutschland sei weit davon entfernt, Büchsen-Land zu werden, wie vor der Einführung des Pfandes 2003, als sich die Büchsen noch rund acht Milliarden Mal verkauften. Die Dosen würden heute besonders im Convenience-Bereich, zum Beispiel an Tankstellen, über den Ladentisch gehen. Mit Blick auf den Gesamtmarkt ist ihr Anteil aber weiter winzig.

Von Kathrin Garbe

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