Es droht mehr als ein Totalverlust

München - Für die geprellten Anleger der insolventen Göttinger Gruppe kommt es knüppeldick: Sie verlieren vermutlich nicht nur ihr eingezahltes Kapital, sondern müssen womöglich noch Geld nachschießen. Zudem versuchen dubiose Anwälte am Elend zu verdienen.

Obwohl Konsumentenschützer seit Mitte der 90er-Jahre warnten, hatte die Göttinger Gruppe bis Ende 2000 Millionen im ganzen Bundesgebiet eingesammelt. Berater des Finanzkonzerns lockten mit einem scheinbar attraktiven Anlagemodell für die Altersvorsorge, das zugleich beim Steuren sparen helfen sollte. Doch tatsächlich brachten sie damit über 100 000 Verbraucher um ihr Geld. Denn die 1986 gegründete Gruppe setzte deren Kapital auf die falschen Pferde und musste Mitte Juni Inso venz anmelden. Experten sprechen von einer der größten Pleiten in der deutschen Finanzbranche, gegen einige der Verantwortlichen ermittelt die Staatsanwaltschaft in Braunschweig wegen Betrug.

Er gehe davon aus, dass die Anlagen der Göttinger Gruppe "vollständig verloren" sind, hatte der Insolvenzverwalter der Gesellschaft Rolf Rattunde diese Woche auf der Gläubigerversammlung erklärt. Er habe nur 17 000 Euro sicherstellen können, ein Vermögen in Höhe von einer Milliarde Euro gilt als verbrannt. Anleger müssen sich damit auf einen Totalverlust einstellen. Dasselbe gilt nach Einschätzung von Fachleuten für alle, die auf die Göttinger-Tochter Securenta setzten, der ebenfalls im Juni die Luft ausging. "Sie werden allenfalls einen kleinen Teil ihres Geldes zurückbekommen", schreiben Experten der Stiftung Warentest im Internet.

Für einen Großteil der Kleinanleger könnte es aber noch schlimmer kommen.

Weil sie bei Göttinger Gruppe und Securenta in sogenannte atypische stille Beteiligungen investiert haben, sind sie Gesellschafter des zusammengebrochenen Unternehmen und müssen nun in Höhe ihrer vertraglich vereinbarten Einlage mithaften. Da viele die Einlage aber noch nicht komplett eingezahlt haben, könnte es sein, dass der Insolvenzverwalter ausstehende Beträge noch eintreibt. "Dazu ist er sogar rechtlich verpflichtet", sagt Christoph Öfele von der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger (SdK) in München. Viele betroffene Anleger wüssten davon gar nichts.

Ein weiteres Damoklesschwert über ihren Köpfen: Auch die Finanzämter könnten die Hand aufhalten. Mit atypischen stillen Beteiligungen können die Gesellschafter eines Unternehmens Steuern sparen, wenn planmäßige Verluste anfallen. Macht die Firma wie die Göttinger Gruppe aber nie Gewinne, kann der Fiskus die Vergünstigungen zurückfordern. Darauf hat Verwalter Rattunde bereits hingewiesen. In Verhandlungen mit dem Finanzamt Göttingen bemühe er sich aber, "zusätzliche Schäden für die Anleger zu mildern".

Die Stiftung Warentest empfiehlt im Fall von Nachforderungen, Rat bei einen spezialisierten Anwalt zu su- chen. Möglicherweise könne der die Begehrlichkeiten zum Teil abwenden, heißt es bei der Verbraucherorganisation. Dies ist in der Regel aber nur dann möglich, wenn Betroffene bereits Schadenersatzansprüche auf Basis der sogenannten Prospekthaftung oder falscher Beratung gegenüber der Göttinger Gruppe durchgesetzt haben - oder das noch tun können. Diese können dann mit den noch ausstehenden Einlagenzahlungen verrechnet werden.

Vorsicht sollten geprellte Anleger allerdings bei der Auswahl eines Juristen walten lassen. "Derzeit schreiben einige komische Gruppen Leute direkt an", sagt der Münchner Anwalt Peter Mattil. Diese wecken nach seinen Worten aber oft nur überzogene Erwartungen, die dann mit hohen Honoraren bezahlt werden müssen. Die Warentester empfehlen deshalb, sich bei der Verbraucherzentrale einen Juristen empfehlen zu lassen (siehe Kasten). Für eine Erstberatung, sagt Mattil, sei mit bis 190 Euro zu rechnen.

Hilfreiche Kontaktdaten für Anleger

> Beratungsstellen der Verbraucherzentrale Bayern in München (089/ 5 39 87 21) und Rosenheim (08031 / 3 77 00)

> Insolvenzverwalter der Göttinger Gruppe: Rechtsanwalt Rolf Rattunde, Kurfürstendamm 212, 10719 Berlin

> Insolvenzverwalter Securenta AG: Steuerberater Peter Knöpfl, Hallerstraße 76, 20146 Hamburg

> Informationen der Stiftung Warentest www.warentest.de (nach "Göttinger Gruppe" suchen)

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