Duisenberg unter Druck: Die Zinssenkung ist fest eingeplant

- München - Die Europäische Zentralbank steht unter Druck. Währungsexperten und Regierungspolitiker erwarten von EZB-Präsident Wim Duisenberg, dass er morgen den Leitzins für die Eurozone um einen halben Prozentpunkt drückt. Der Zinsschritt ist als Stützungsmaßnahme für die schwache Konjunktur fest eingeplant.

<P>Vor der EZB-Ratssitzung, in der morgen über die Zinssenkung entschieden werden soll, trafen sich die Finanzminister der Europäischen Union zu Beratungen. Das Fazit fiel in einer Deutlichkeit aus, wie sie Politiker selten kennzeichnet. "Angesichts der konjunkturellen Risiken, des erwarteten Rückgangs der Inflation und der Aufwertung des Euro sind die Zinssenkungsspielräume seitens der EZB noch größer geworden", formulierte der deutsche Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser. </P><P>Der belgische Finanzminister Didier Reynders sagte: "Wir kommen zu dem Augenblick, wo die Zentralbank Entscheidungen treffen müsste" - und zwar zu einer Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte auf 2,0 Prozent. Derzeit ist das Zinsniveau im Euro-Raum doppelt so hoch wie in den USA. Die Argumente für den Zinsschritt liefert vor allem der kräftige Euro. Er belastet die Wirtschaftskraft der Exportunternehmen und senkt das Preisniveau für die Importeure. </P><P>"Der konjunkturdämpfende Einfluss gibt einen wichtigen Grund für die Zinssenkung, der inflationsdämpfende Effekt gibt den Spielraum dazu", erklärt Julian Landesberger von der HypoVereinsbank. Gegenüber seinem Stand vor einem Jahr hat der Euro etwa 25 Prozent zugelegt. Wie stark dadurch die Unternehmen belastet werden, lässt sich beziffern: "Nach einer Faustregel entspricht ein Anstieg des Eurokurses um zehn Prozent etwa einem Zinsanstieg um einen Prozentpunkt", sagt Werner Braun vom Münchner Bankhaus Reuschel. Die EZB hat also allen Grund, dieser Entwicklung mit einer Zinssenkung entgegenzusteuern und damit auch den Euro-Anstieg zu bremsen.</P><P>Zinssenkung allein reicht nicht aus<BR><BR>"Die starken Zuströme ausländischer Investoren in den Euro-Raum würden durch eine Zinssenkung abgedämpft", prognostiziert Landesberger. Sie sind einer der Gründe für den hohen Euro-Kurs. Wird der Abstand der Zinsniveaus geringer, lohnt es sich weniger für Investoren, aus dem Dollar-Raum und in den Euro zu wandern. "Es ist aber nicht auszuschließen, dass die US-Notenbank ebenfalls ihre Zinsen senkt. Dann würde dieser Effekt verpuffen", warnt Werner Braun. So oder so wird Duisenberg wohl nicht umhinkommen, dem für morgen erwarteten Zinsschritt weitere folgen zu lassen.</P><P> Zwar zeigte sich der Notenbank-Chef optimistisch für die wirtschaftliche Entwicklung. Er sagte, die Konjunktur werde im zweiten Halbjahr wieder anziehen. Doch viele Experten erkennen diese schöne Aussicht nicht. Bei der HypoVereinsbank rechnet man wegen anhaltend schwieriger Lage bis Anfang 2004 mit weiteren Zinssenkungen um insgesamt 0,5 Prozentpunkte. Werner Braun vom Bankhaus Reuschel sagt: "Wir erwarten, dass die Zinsen bis Jahresende auch unter zwei Prozent sinken können."<BR><BR>Dies allein wird aber wohl keinen Aufschwung auslösen können, wie Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz-Dresdner-Gruppe, urteilt: "Weder eine kleine noch eine große Zinssenkung wird die Konjunktur retten."<BR></P>

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