Dussmann öffnet sein Berliner Kaufhaus rund um die Uhr

- Berlin ­ Rote Luftballons verkünden den Kunden die frohe Botschaft: "Dussmann killt den Ladenschluss". Die Ballons hängen als Girlanden im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin-Mitte. Unternehmer Peter Dussmann nutzt als Erster die neuen Freiheiten in Berlin: Er ließ sein Einkaufsparadies an der Friedrichstraße gleich eine ganze Nacht geöffnet. Dazu stichelt der geschäftstüchtige Schwabe in Richtung Bayern: "In München hätte man nie so flexibel reagiert."

Als erstes Bundesland hat Berlin die Öffnungszeiten bis auf Sonntag freigegeben. Bereits gestern trat die Lockerung in Kraft ­ eine Woche früher als geplant. Dussmann verkündet, das zügige Handeln des Senats sei in erster Linie sein Verdienst. Auf sein "vehementes Drängen" sei der Beschluss zustande gekommen. Auf das Lob, der Senat beweise "wieder einmal sein Engagement für die Berliner Wirtschaft", folgt die Spitze gegen Süden.

Diese ist auch eine Reaktion auf das Patt in der Landtags-CSU zu Beginn des Monats, das eine Freigabe der Öffnungszeiten im Freistaat erst einmal verhinderte. Der 68-Jährige, der fast aus dem Nichts eines der größten Dienstleistungsimperien des Kontinents schuf, lässt aber schon seit Jahren kaum ein gutes Haar an München. Nicht, seit er 1991 seine Konzernzentrale von der Isar an die Spree verlegte. In Berlin habe er "in drei Jahren mehr Leute kennengelernt als in 30 Jahren in München", polterte Dussmann einst. Die bayerischen Rathaus-Politiker hätten verpennt, ihn am Standort zu halten; bürokratische Hürden machten München unattraktiv für die Wirtschaft. Die Dussmann-Gruppe darf man sich als eine Trutzburg hemdsärmeligen Unternehmertums mit einem schmucken Vorzeigeturm vorstellen. In der Burg arbeiten 52\x0f000 Menschen in 27 Ländern: Dussmann Services bietet Dienstleistungen rund ums Gebäude ­ vom Kochen bis zum Putzen; in den Domizilen und Residenzen von Kursana leben mehr als 10\x0f000 Senioren; Pedus Service stattet Büros aus. 2005 erzielte die Gruppe einen Umsatz von 1,24 Milliarden Euro.

Exponiertes Prestigeobjekt ist seit 1997 das Kulturkaufhaus im Herzen Berlins. Auf drei Etagen türmen sich Bücher und Tonträger, Filme und Brettspiele. Wer bei den Kochbüchern stöbert, kann gleich eine Flasche Wein mitkaufen; wessen Sinne nach dem Blättern in Kunstprachtbänden angeregt sind, greift vielleicht zur Duftkerze mit Kaffeebohnen. In diesem geräumigen Ambiente stieg gestern die "Ladenschluss-Killer-Party", Montag bis Samstag ist ab sofort bis Mitternacht geöffnet ­ und freitags die ganze Nacht.

Gegen "verdammt deutsche Einschränkungen" wie den Ladenschluss kämpft Peter Dussmann seit Jahrzehnten. Statt die elterliche Buchhandlung in Rottweil am Neckar zu übernehmen, gründete er 1963 in München lieber seine eigene Firma: Seine Mitarbeiter damals schrubbten und saugten Junggesellenwohnungen, bügelten Hemden und stopften Socken.

Unter seinen Mitarbeitern heute dürfte der Anteil leitender Angestellter schwer zu übertreffen sein ­ auch das liegt am deutschen Recht. 1998 wollte Dussmann sein Kaufhaus bis 22 Uhr aufmachen, laut Gesetz darf aber nach 20 Uhr kein einfaches Personal mehr an der Kasse stehen. Der gewiefte Händler hatte wie so oft eine rettende Idee: Er beförderte ganz einfach ein Viertel seiner Mitarbeiter zu Prokuristen.

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