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Viel mehr Autofahrer als geplant tanken Super Plus, seit es den neuen Treibstoff E10 gibt. Darauf ist die gesamte Logistik von der Herstellung bis hin zur Tankstelle nicht ausgelegt.

Jetzt wird es eng für den neuen Biosprit

München - Die Einführung des Biosprits E10 entwickelt sich zum Flop. Ölfirmen, Autoindustrie, Politiker und ADAC sind verärgert und machen sich gegenseitig für das Desaster verantwortlich.

Die Autofahrer machen der Politik und den Ölkonzernen einen dicken Strich durch die Rechnung: Bisher sind die Verbraucher überwiegend nicht bereit, den neuen Bio-Kraftstoff E10 mit zehn Prozent Ethanol zu tanken, entgegen den Plänen von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU). Das bringt gleich eine ganze Reihe von Schwierigkeiten mit sich.

Nach den Erfahrungen der Mineralölfirmen an ihren Tankstellen ist ein Teil der Kunden schlicht verunsichert und weiß nicht, ob das eigene Auto den neuen Kraftstoff verträgt. Ein weiterer Teil der Kunden will den neuen Sprit aus Pflanzen einfach nicht: Er ist qualitativ schlechter als Benzin aus fossilem Öl, enthält weniger Energie und mindert die Fahrleistung gegenüber 95-Oktan-Benzin um zwei bis drei Prozent.

Am Wochenende schlug die Mineralölbranche Alarm. Rund 70 Prozent der Autofahrer, die E10 tanken könnten, füllten lieber Super Plus mit 98 Oktan in ihren Tank. Damit zahlen sie für eine Tankfüllung bis zu fünf Euro mehr. Dieser Preisnachteil wird durch höhere Fahrleistung zum Teil wieder ausgeglichen. Die Ölfirmen sagen es nicht öffentlich, aber hinter den Kulissen wächst langsam Panik: Die Raffinerien haben große Mengen E10-Benzin produziert, das sich jetzt nicht wie erwartet absetzen lässt. Die Tanklager sind voll davon. Der Stoff lässt sich nicht exportieren und er muss bald verkauft werden, denn es handelt sich um Winterware, die nur noch bis April die Anforderungen erfüllt.

Weil die Autofahrer nunmehr 98-Oktan-Benzin mit nur fünf Prozent Ethanol nachfragen, kommt die Branche ebenfalls unter Druck. Bislang entfiel rund 95 Prozent des Benzinabsatzes in Deutschland auf Super; Super Plus mit 98 Oktan ist eine Nischensorte. Darauf ist die gesamte Logistik ausgelegt, von der Produktion in den Raffinerien bis zur Größe der Tanks in den Tankstellen. Die Produktion kann auch nicht beliebig ausgeweitet werden: Aus technischen Gründen kann eine Raffinerie maximal 15 bis 20 Prozent 98-Oktan-Benzin herstellen. Und weil die Tanks an den Tankstellen zu klein sind, müssen sie mehrmals täglich angefahren werden, was hohe Kosten verursacht. Folge: Die Versorgung mit Super Plus ist nicht mehr sicher. Es wird eng.

„Die Ölkonzerne setzen jetzt auf einen Verhinderungspreis“, sagt Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst EID. Der Unterschied zwischen E10 und Super Plus beträgt stellenweise acht Cent je Liter. Dafür hat sich die Branche mehrfach massive Kritik von Umweltminister Röttgen und der Autofahrer-Lobby vom ADAC eingefangen. „Es war immer klar, dass die Einführung von E10 nicht zur Benachteiligung jener Autofahrer führen darf, deren Fahrzeuge den Kraftstoff nicht vertragen“, sagte Röttgen in der „ADAC-Motorwelt“. Für ihn bedeute dies, dass Tankstellen Super E5 etwa fünf bis acht Cent billiger anbieten müssten als Super Plus.

Daraufhin platzte der Ölbranche der Kragen. „Uns reicht es“, sagt Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV). „Wir sind gezwungen, die Biokraftstoffpolitik des Umweltministers umzusetzen und wir setzen alle Anstrengungen daran, trotz der offensichtlichen Abneigung der Kunden.“ Röttgen solle sich klar dazu bekennen, dass anspruchsvolle Biokraftstoffziele auch höhere Preise für den Verbraucher bedeuteten. Die Ölbranche muss 6,25 Prozent ihres Kraftstoffes (gemessen am Energieinhalt) aus pflanzlicher Produktion verkaufen, sonst drohen hohe Strafen. Das schaffen sie aber nur, wenn die Autofahrer E10 als Standardkraftstoff akzeptieren: „Wir sind zum Erfolg von E10 verdammt“, sagt ein Mineralölmanager.

So sind alle aufeinander sauer. Der Autofahrer kann sehen, wie er zurechtkommt.

Vorteile und Nachteile

10 Prozent Bioethanol - Es heißt „Bio-Super“, doch die meisten Autofahrer finden es gar nicht toll: das neue Benzin E10. Ihm sind bis zu zehn Prozent Bioethanol beigemischt, das etwa aus Weizen, Rüben oder Mais gewonnen wird. E10 soll dabei helfen, den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid zu verringern, schließlich sollen im Jahr 2020 zehn Prozent des Energieverbrauchs im Verkehr aus Pflanzen-Sprit kommen. Doch bislang ist E10 an den Tankstellen ein Ladenhüter.

Für viele wird es teuer - E10 bringt vor allem zwei Nachteile mit sich: Zum einen hat es weniger Energie als herkömmlicher Sprit, sodass man mehr Treibstoff braucht. Zum anderen gibt es rund drei Millionen Fahrzeuge, die E10 nicht vertragen. Für ihre Halter wird’s teurer: Denn die Mineralölunternehmen wollen aus Kapazitätsgründen das bisherige Superbenzin mit fünf Prozent Ethanol (E5) und 95 Oktan vom Markt nehmen. Fahrer von Autos mit einer E10-Unverträglichkeit müssen deshalb auf teureres Benzin mit 98 Oktan umsteigen.

von Eckart Gienke

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