EADS-Chef räumt Murks ein und bläst zur Aufholjagd auf Boeing

- München -­ "Das war ein bewegtes Jahr, es müsste für ein paar Jahre reichen." Zuerst setzte der deutsche EADS-Chef Tom Enders in seinem Rückblick auf 2006 auf trockenen Humor. Dann wurde er deutlich: "Unser annus horribilis (Schreckensjahr)." Und schnelle Entspannung sieht er nicht. "Das ist kein Sprint, das wird ein Marathon."

"Was in mehreren Jahren vermurkst wurde, kann man nicht in wenigen Monaten zusammenbiegen." Zu den Unzulänglichkeiten beim Riesenflugzeug A380, die zwei Jahre Verzögerung bringen und eine Milliarde Euro kosten, gesellte sich ein weiteres, wie Enders einräumte, "hausgemachtes Problem": Die "Fehldefinition" beim A350, der zunächst an den Erwartungen der Fluggesellschaften vorbei als Sparentwicklung präsentiert wurde. "Wir haben Boeing unterschätzt."

Nach Jahren, in denen Airbus vorn lag, bläst Enders erneut zur Aufholjagd. "Wir haben einen voll wettbewerbsfähigen Flieger, der in vielen Bereichen besser ist." Immerhin könne man mit der A350 nun nicht nur der neuen Boeing 787 etwas entgegensetzen, sondern auch dem Erfolgsmodell 777 der Amerikaner.

Auch bei der A 380 sei man "auf gutem Weg", die Sache "wieder unter Kontrolle zu bringen". Das klingt nicht nach kurzfristigen Erfolgen. Die Hauptlast werden die Beschäftigten tragen. Das Restrukturierungsprogramm "Power 8" verglich Enders ausdrücklich mit "Dolores", dem Sparprogramm, das in den 1990er-Jahren tausende Beschäftigte der EADS-Vorgängerorganisation Dasa ihren Arbeitsplatz kostete.

Wie damals dreht es sich um den schwachen Dollar ("5 Cent kosten uns 500 Millionen Euro Profit"). Selbst der Verkauf ganzer Werke ist nicht vom Tisch. Doch ist nach Enders Worten "Power 8" deutlich mehr als Dolores. Die Airbus-Probleme haben tief sitzende Schwächen offengelegt. "Wir haben es uns in den fetten Jahren zu leicht gemacht", sagte der Chef des Luftfahrtkonzerns.

Nun will er reformbedürftige Strukturen angehen. Noch werde der zukunftsfähige Kohlefaserbau parallel bei Airbus und Eurocopter entwickelt sowie bei EADS-Space. Organisationsmängel dieser Art will Enders beseitigen. Er kritisiert auch bislang totgeschwiegene französisch-deutsche Eifersüchteleien. Diese seien "für die Ausschöpfung der Synergie-Potenziale nicht förderlich".

"Schön ist es nicht", sagt Enders zur Lage. Doch macht er sich mit den überwundenen Krisen der US-Konkurrenten Mut. Alle seien daraus "gestärkt hervorgegangen", sagt er und philosophiert: "Es gibt Phasen, in denen man erntet, und es gibt Phasen, in denen man säen muss." Immerhin erntet der Konzern auch. Zum Beispiel bei Eurocopter, wo der erste große US-Militärauftrag für den Konzern eingefahren wurde, oder bei der Raumfahrt, die für 2006 erstmals einen dreistelligen Millionenbetrag zum Konzernergebnis beisteuern werde.

So zeigt sich Enders auch bei Airbus für die Zukunft optimistisch. "Wir haben Lehren aus Fehlern gezogen und werden langfristig konkurrenzfähig sein. Mit dem A350 hofft er, ab 2013 Boeing Marktanteile abzujagen und auch wieder die magischen 50 Prozent zu erreichen. Beim A380 freut er sich über die positiven Reaktionen der Airline-Piloten, die den Riesenvogel bereits fliegen konnten. Immerhin sei mit Fed-Ex nur ein Kunde endgültig abgesprungen. "Es bestand die Gefahr, dass wir mehr verlieren." Erstmals räumte Enders auch ein, wie ernst es um das prestigeträchtige Projekt stand. "Wenn das Flugzeug auch technisch nicht geworden wäre, was wir uns gedacht hatten, dann hätten wir wohl die Notbremse gezogen."

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