EADS nimmt Flugkörper an die Leine

- Unterschleißheim - Es waren katastrophale Fehlschläge im Kosovokrieg: Eine Brücke wurde getroffen, als ein vollbesetzter Personenzug darüber fuhr. Die chinesische Botschaft wurde bombardiert, weil Koordinaten auf veralteten Stadtplänen beruhten. Die entsprechenden zivilen Opfer könnten künftig vermieden werden, falls neueste Technologie aus Unterschleißheim sich durchsetzt. Die EADS nimmt dort Flugkörper an die Leine.

<P>Das ist ganz wörtlich zu verstehen: Haarfeine Glasfaserkabel werden im Flug von einer Spule in einem Lenkflugkörper abgewickelt - bis zu 70 Kilometer lang. Dieser Lichtwellenleiter überträgt Bilder zur Abschussrampe und Steuersignale zurück. Ein Vorteil sind riesige übertragbaren Datenmengen. Vor allem aber ist das System von außen nicht zu beeinflussen. Störsender bleiben wirkungslos. Bis unmittelbar vor einem Einschlag kann ein Einsatz abgebrochen oder verzögert werden. Über das Auge des Flugkörpers (nach dem einäugigen Zyklopen aus der Odyssee heißt das Programm Polyphem), kann man verfolgen, was sich am Ziel tut.<BR><BR>Die Entwicklung ist bislang einzigartig. "Wir definieren einen technologischen Standard", freut sich EADS-Chef Rainer Hertrich. Doch trägt die Neuentwicklung auch dazu bei, dass sich die Lenkflugkörpersparte, die bisher als Unterabteilung der EADS ein Mauerblümchendasein fristet, zur begehrten Braut entwickelt. Als die EADS 2001 ihre einschlägigen französischen Aktivitäten mit denen der britischen BAe Systems und der italienischen Alenia zur MBDA, dem zweitgrößten Lenkflugkörperhersteller der Welt verschmolz (mit über drei Milliarden Euro Jahresumsatz), blieben die Deutschen (400 bis 500 Millionen Euro) außen vor.<BR>Briten, Franzosen und Italiener dominierten nicht nur ihre Heimatmärkte, sie konnten auch exportieren. Dagegen hatten die Deutschen nur einen notorisch klammen Abnehmer: Die Bundeswehr. Diesen "Markt" musste sich die EADS-Tochter auch noch mit dem Konkurrenten Diehl teilen.<BR><BR>Einige erfolgreich abgeschlossene Beschaffungsprogramme haben die Position der EADS-Sparte gestärkt. Doch wichtiger ist der Technologieschub durch Neuentwicklungen. Neben dem Zyklopen an der Leine sind es hyperschallschnelle Flugkörper, bei denen die Deutschen die Nase vorn haben - Lenkflugkörper, die in der Sekunde über zwei Kilometer zurücklegen.<BR><BR>Inzwischen ist es nur noch eine Frage von Wochen, bis auch die Deutschen zum Flugkörper-Giganten MBDA gehören. Damit wäre die Rüstungsindustrie bei der europäischen Einigung der Politik wieder ein Stück voraus. Die quält sich nämlich immer noch mit nationalen Beschaffungsprogrammen, einer kleinstaatlichen Produktvielfalt - und in der Folge mit überstrapazierten Etats. Dies alles hängt durchaus zusammen. Denn ein gemeinsames europäisches Beschaffungswesen wäre ein Sparprogramm: "20 Prozent könnte man einsparen", kalkuliert Rainer Hertrich - oder man bekäme fürs gleiche Geld ein Viertel mehr an Gegenleistung.</P><P> </P>

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