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Thomas Enders will bisher zwischen München und Paris verteilte Schlüsselfunktionen der EADS in einer neuen Konzernzentrale am größten Standort Toulouse bündeln.

EADS: "Wir zählen keine Erbsen"

Toulouse – Im Streit mit der Bundesregierung hat der scheidende EADS-Chef Louis Gallois seinem Nachfolger Thomas Enders den Rücken gestärkt. Der Konzern will sich politischen Vorgaben widersetzen.

Er hat die französische Eisenbahn SNCF saniert und leitet seit 2006 den Luftfahrtgiganten EADS. Louis Gallois (66) ist erfahren im Umgang mit der Politik und neigt wohl schon deshalb zu diplomatischen Formulierungen. Er wolle keine Konfrontation mit Regierungen, sagte er. „Wir wollen in allen unseren Ländern gute Bürger sein.“ Das klingt fast wie ein Unterwerfungssignal an die Politik. Ist es aber nicht. In der Sache stärkte der scheidende EADS-Chef in seiner letzten Jahrespressekonferenz seinem designierten Nachfolger Thomas Enders (53) den Rücken: „Tom hat entschieden, dass sein Schwerpunkt in Toulouse sein wird“, sagte er.

Enders hat sich den Zorn der bayerischen Staatsregierung zugezogen

Enders will bisher zwischen München und Paris verteilte Schlüsselfunktionen der EADS in einer neuen Konzernzentrale am größten Standort Toulouse bündeln – und hat damit den Zorn der bayerischen Staatsregierung auf sich gezogen. Denn diese fürchtet um Status und Einfluss, wenn der bisherige Co-Konzernsitz Neubiberg im Münchner Südosten nach vielen operativen Bereichen auch noch diese Funktion verliert. Zudem fürchtet Peter Hintze (CDU), Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, einen Verlust des einmal vereinbarten deutsch-französischen Gleichgewichts.

Dabei wurde er inzwischen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zurückgepfiffen. Gestern verbat sich auch Gallois derartige politische Einflussnahme. „Wir wollen eine Art von Balance“, sagte Gallois gestern. „Aber wir zählen keine Erbsen.“ Mit der Erbsenzählerei hatten Gallois und Enders aufgeräumt, die beide ursprünglich EADS als Duo führten, aber 2007 die Doppelspitzen bei Airbus und EADS auflösten. Seither leitete Enders Airbus und Gallois EADS.

Ihre Ergebnisse können sich sehen lassen:

Eine ihrer Hauptaufgaben seither war es, die Scherbenhaufen zusammenzukehren, die ihnen frühere Manager mit besten Verbindungen zur französischen Regierung hinterlassen hatten. Die Aufräumarbeiten kann man nach dem unerwartet guten Ergebnis für 2011 inzwischen als gelungen bezeichnen: Der Umsatz stieg um sieben Prozent auf 49,1 Milliarden Euro. Das Konzernergebnis legte um 87 Prozent auf 2,033 Milliarden Euro zu. Beeindruckend ist auch der Auftragsbestand: Er wuchs um das Zweieinhalbfache des Jahresumsatzes auf knapp 541 Milliarden Euro.

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Doch diese Zahlen sind überschattet durch die Reibereien um die Konzernzentrale. Hintergrund des neuen Ehrgeizes von deutschen Regierungspolitikern ist der Plan, 7,5 Prozent der EADS-Anteile, die Großaktionär Daimler loswerden will, bei der staatlichen KfW-Bank zu bündeln. Dies will CDU-Mann Hintze zu mehr unmittelbaren Einfluss auf das Unternehmen ummünzen. Dem erteilte Gallois eine klare Absage: „Die Interessen der Aktionäre drückt der Aufsichtsrat aus“. Und er rückte dabei die Proportionen gegenüber den ehrgeizigen Großaktionären zurecht, dem er das Stimmgewicht der Kleinaktionäre gegenüberstellte: „Unser wichtigster Shareholder ist der amerikanische Markt.“ Diesem folge der französische und der britische Markt.

Staatsgelder seien keine Zuschüsse, sondern Darlehen

Eine zweite Drohung Hintzes wies der ebenfalls scheidende EADS-Finanzvorstand Hans Peter Ring (61) zurück. Die mit einem zugedrehten Geldhahn. Staatsgelder für die Entwicklung beispielsweise des neuen Airbus A350 XWB seien keine Zuschüsse, sondern Darlehen, sagte er. Und sie seien nicht einmal günstig. „Wir können das Geld derzeit billiger auf dem Markt bekommen.“ EADS will keine Befehle entgegennehmen, aber durchaus politische Rücksichten nehmen. „Es ist ein natürliches Interesse der Länder, Arbeitsplätze und Technologien an sich zu binden“, sagte Gallois. Allerdings tun das nicht nur die Länder, die EADS-Anteile halten. Vor allem Kunden erwarten bei Auftragsvergaben ein entsprechendes Entgegenkommen.

Was die Politik für den bayerischen Standort tun kann

Es gibt aber durchaus ein Feld, in dem die Politik etwas für bayerische EADS-Standorte tun kann. Manching, das Zentrum für Jagdflugzeugbau, droht nach dem Ende des Eurofigthter allmählich auszubluten. Einziges denkbares Nachfolgeprojekt ist das geplante unbemannte Militärflugzeug Talarion. Das werde aber nur kommen, wenn es ein gemeinsames Beschaffungsprogramm der europäischen Länder gibt, sagte Gallois. Wenn das nicht kommt, so Gallois, „gibt es keine europäischen Drohnen“. Diese müssten die Länder dann in den Vereinigten Staaten von Amerika oder Israel kaufen. Das wäre ein schwerer Schlag für den Militärflugzeugbau in Europa – und das Aus für den in Manching.

Martin Prem

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