"Edle Pferde" für China: BMW baut auf die reiche Mitte

- Shenyang - Die Stadt liegt fast an der Grenze Chinas zu Nordkorea und gilt dort nicht als besonders groß. 7,4 Millionen Einwohner hat Shenyang nach der letzten Zählung. Sie verfügt über einen Kaiserpalast und wie früher das Ruhrgebiet schmutzig-graue Häuser. Denn Shenyang ist Traditionsstandort der chinesischen Schwerindustrie. Diese darbt, weil auch der kommunistische Staat mittlerweile unrentable Werke stilllegt. Doch ein Investor aus Bayern springt in die Bresche, ein Spezialist für edle Pferde: BMW.

<P>Buchstaben sagen den 1,35 Milliarden Chinesen mit ihrer Silbenschrift wenig. Wer dort etwas verkaufen will, muss sich behelfen. "Bau-Ma" nennen die Münchner ihre Autos in China. "Bau" ist das Schriftzeichen für Edel, "Ma" steht für Pferd. In Shenyang hat BMW gemeinsam mit dem dortigen Autohersteller Brilliance eine Fabrik gebaut, in der heuer rund 20 000 Fahrzeuge der 3er- und der 5er-Reihe vom Band laufen sollen. Sie wird als Gemeinschaftsunternehmen geführt. 1600 Menschen arbeiten dort. Vom eigenen edlen Pferd können sie auch in nächster Zeit nur träumen.<BR><BR>Über 20 Jahresgehälter müssten sie für einen Bau-Ma vom Typ 530 ausgeben. Bei BMW verdient man zwar auch in China vergleichsweise gut. Doch 300 Euro monatlich reichen nicht für ein Auto der Premium-Liga. "Wir sind nicht reich", sagt eine Frau aus Shenyang. "Aber wir sind reicher als früher." Und die bei BMW-Brilliance arbeiten, hoffen noch reicher zu werden.<BR><BR>Denn der Aufstieg führt, wie Heinz Jürgen Preissler, der Chef des Joint Ventures, sagt, über die Arbeit in der Produktion. Die meisten jungen Mitarbeiter kommen von der Toyota-Schule, die der japanische Hersteller in China unterhält. Deren Abschluss entspricht der mittleren Reife in Deutschland und zusätzlich einem Berufsschuljahr. Am Band werden die Mitarbeiter weiter ausgebildet. Von Karriere darf man träumen. Denn hoch qualifizierte Spezialisten auch noch mit Sprachkenntnissen sind in China rar und teuer. <BR><BR>100 000 Fahrzeuge im Jahr nur ein "Zwischenschritt"</P><P>"Die Lohnspreizung ist höher als in Deutschland", räumt man im Unternehmen ein. Überall sind deutliche Kontraste zwischen einfachen Menschen und der neuen Schicht der Reichen sichtbar. Auf den wohlhabenden Mittelstand baut Asien-Vertriebschef Lüder Paysen. Selbst wenn nur ein Promille der chinesischen Bevölkerung einen BMW kaufen könne, seien das 1,35 Millionen Pkw.<BR><BR>So weit wollen die Münchner mit dem edlen Pferd vorerst nicht hinaus. 30 000 beträgt die derzeitige Produktionskapazität. Doch Li Gu Qiang, Vize-Regierungschef der Region um Shenyang, sprach bei der Werkseröffnung von 100 000. Für die fernere Zukunft bezeichnete Konzernchef Helmut Panke dies als "Zwischenschritt".<BR><BR>Die Fabrik gibt das her. Lediglich die Lackiererei ist weitgehend ausgelastet. Doch dort bekommen auch 70 000 Autos des Brilliance-Typs Zhong Hoa ihre Farbe. Und derzeit wird der Zweischichtbetrieb eingeführt. Doch längst tüftelt man an Dreischichtbetrieb und flexibler Arbeitszeit. Die chinesischen Gesetze sehen die 40-Stunden-Woche vor - und nur beschränkte Möglichkeit zu Überstunden. Allerdings gibt es für Arbeit in der Nacht und an Samstagen keine Zuschläge. Das macht Flexibilisierung billig. Auch die Möglichkeiten zur Automatisierung sind nicht ausgeschöpft. Dass die Arbeitsstunden billig sind, ist nicht der einzige Grund dafür. Die Mitarbeiter müssen eine Schweißnaht selbst beherrschen, bevor der Konzern ihnen zutraut, den entsprechenden Roboter zu überwachen.<BR><BR>Die BMW-Produktion wird vom Konzern nicht als Verlagerung von Arbeitsplätzen verstanden (siehe auch Interview). Die 3er- und 5er-Limousinen werden in China nur für China produziert. Zusätzlich werden vom Mini bis zum Rolls-Royce Modelle importiert, die zum Großteil in Europa und Amerika gefertigt werden. Der 7er aus Dingolfing ist der meistverkaufte BMW in China. Und auch zahlreiche Teile für Shenyang kommen aus Europa: kompliziert zu fertigende Karosseriekomponenten aus Deutschland, Motoren aus England und Österreich. Allerdings müssen 40 Prozent der Wertschöpfung in China anfallen. Sonst sind Importzölle fällig.<BR><BR>Dennoch sind sich die BMW-Chefs sicher, dass die Rechnung aufgeht. Bereits heute ist China für BMW der achtwichtigste Markt weltweit. Bei der Autonachfrage insgesamt nimmt das Land Platz sieben ein. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet damit, dass die Volksrepublik bald Britannien, Frankreich und Italien hinter sich lassen und hinter den USA, Japan und Deutschland auf Platz vier vorrücken wird.<BR><BR></P><P> </P>

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