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Die Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen wollen dem zahlungsunfähigen Zulieferer helfen. Allein in Niederbayern und der Oberpfalz sind 2000 Arbeitsplätze in Gefahr. Edscha zählt zu den Großen der Branche.

Auto-Zulieferer

Edscha-Pleite wird nicht die letzte sein

München –Die Kfz-Zulieferindustrie steht derzeit im Zentrum des Grauens. Die Branche fällt in ein tiefes Loch. Unterfinanziert und bisweilen von Heuschrecken ausgesaugt, steigt die Krisenanfälligkeit rasant an.

 „Edscha wird nicht der letzte sein“, sagt Gregor Matthies mit Blick auf den insolventen Kfz-Zulieferer aus Remscheid. Er ist Automobilexperte der Unternehmensberatung Bain & Company, die der Branche gerade eine Studie erstellt hat. Die sieht düster aus. Gegenüber 2007 wird die weltweite Autoproduktion dieses Jahr demnach um elf auf 62 Millionen Wagen einbrechen. Damit seien die Auswirkungen schlimmer als die der beiden Ölkrisen im vorigen Jahrhundert. Die heutige Talfahrt der Branche dauere auch länger, als viele meinen, warnt Matthies. Frühestens 2012 werde wohl wieder das Produktionsniveau von 2007 erreicht.

Damit sei das Ausmaß der Krise weit größer als bislang angenommen. Wenn alles vorbei ist, werde sich der Markt komplett verändert haben. Die deutsche Zulieferindustrie sieht Matthies dabei noch in einer relativ komfortablen Lage, weil sie sehr innovativ ist.

Edscha hat das wenig genützt. Die Remscheider mit ihren Hauptwerken in Bayern stellen für viele Autofirmen Cabrio-Dächer, Türscharniere und andere Karosserieteile her, gelten als technologisch hervorragender Spezialist mit gut einer Milliarde Euro Jahresumsatz und sind nun trotzdem pleite. „Die sind zwischen alle Mühlsteine geraten“, sagt Bartolomäus Pfisterer. Er sitzt für die IG Metall im Aufsichtsrat der Krisenfirma. Die Mühlsteine sind für ihn Finanzinvestor Carlyle sowie die Automobil- und Bankenkrise. Edscha habe diese Kombination das Genick gebrochen.

Im Dezember und Januar sind die Aufträge und Umsätze je nach Abnehmer um bis zu 60 Prozent eingebrochen, sagt ein Insider. Das könne das gesündeste Unternehmen nicht wegstecken. Als dann ein Rettungsversuch in letzter Sekunde gescheitert sei, war es vorbei. Daran beteiligt waren Carlyle, Banken und Autohersteller, die von Edscha beliefert werden. Bei einem strategisch wichtigen Zulieferer wie den Remscheidern geben üblicherweise die Autokonzerne Geld, wenn Not am Mann ist, sagt Pfisterer. Jetzt kämpfen aber alle von BMW im Süden bis VW im Norden, um die Krise selbst einigermaßen glimpflich zu überstehen. Weder die Autofirmen noch die ihrerseits ums Überleben ringenden Banken hatten für Edscha am Ende noch etwas übrig gehabt. Das gilt in der Branche als Zeichen. Es ist die bisher größte Pleite in der heimischen Kfz-Zulieferindustrie. Wenn selbst in dieser Dimension keiner hilft, wann dann, fragen sich andere Wackelkandidaten.

Bleibt die Rolle des Finanzinvestors. Für die Gewerkschaft ist die Lage klar. „Carlyle hat Edscha ausgesaugt bis zur Blutleere“, kritisiert Bayerns IG Metall-Chef Werner Neugebauer. Der US-Investor, der die Remscheider 2002 übernommen hat, habe sich wie eine Heuschrecke gebärdet, den von Krediten gespeisten Kaufpreis durch die Beschäftigten refinanzieren lassen und 13 Prozent Zinsen dafür verlangt. Unter diesen Bedingungen sei der Insolvenzantrag, der 4200 Beschäftigte, davon 2300 Stellen in Deutschland und 2000 in Bayern trifft, zu befürchten gewesen.

Stimmt das, rollt eine Lawine an. Denn die Zulieferindustrie ist ein Eldorado von Finanzinvestoren. Große Teile der mittelständischen Branche sind in ihrer Hand. Viele von ihnen hätten wenig Eigenkapital und wohl demnächst mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Edscha, warnen Experten. Dazu kämen die auf rasantes Wachstum ausgerichteten Geschäftspläne von Finanzinvestoren, die sich nun in Luft auflösen. Ein Edscha-Insider bestätigt dieses fatale Zusammenspiel. Vor der Krise sei man nicht zu hoch verschuldet gewesen, jetzt schon. Carlyle habe zwar noch im Dezember 20 Millionen Euro investiert. Jetzt aber brechen alle Kalkulationsgrundlagen in sich zusammen. Schlimm sei vor allem, dass Carlyle nicht wie andere auf Kante genäht hätten, sondern nun eine Mitte 2008 noch gesunde Struktur den Bach runtergehe. „Die Modelle von gestern funktionieren heute nicht mehr“, laute die bittere Erkenntnis.

von Thomas Magenheim-Hörmann

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