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Prüfer der Stiftung Warentest bei der Arbeit.

Einblick in geheime Labors

So arbeitet die Stiftung Warentest

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Chemnitz - Hersteller zittern vor den Urteilen der Stiftung Warentest. Verbraucher vertrauen auf sie. Doch wie arbeiten die Warentester? Ein Blick in die geheimen Prüfinstitute.

Ein Staubsauger holpert über eine Holzlatte und knallt gegen die Wand. Ein Laufband befördert das Haushaltsgerät zurück auf Anfang – und das Spiel beginnt von Neuem. 10 000 Mal muss der Sauger diese Tortur aushalten, dann hat er den Test bestanden. In der Welt der Warentester ist die Holzlatte eine Türschwelle, die Wand ein Türpfosten und die 10 000 Wiederholungen stellen die Belastung dar, der ein Staubsauger über zehn Jahre hinweg ausgesetzt ist.

Der Staubsauger-Test läuft gerade in einem von rund 100 Prüflaboren, mit denen die Stiftung Warentest weltweit zusammenarbeitet. Die Mitarbeiter sollen anonym bleiben, der Name des Instituts darf nicht in der Zeitung erscheinen. „Die Institute müssen geheim bleiben, weil sonst die Gefahr besteht, dass Anbieter Druck auf die Tester ausüben“, sagt Holger Bracke- mann. Der Chemiker ist seit sechs Jahren Bereichsleiter der Abteilung Untersuchungen bei der Stiftung Warentest – der Chef-Tester.

Insgesamt haben die Produkt-Tester der Stiftung Warentest in den vergangenen 50 Jahren rund 100 000 Produkte untersucht. Darunter waren auch skurrile Tests. 1984 wurden Ehevermittlungen unter die Lupe genommen, 1987 Horoskope, 1995 Schönheits-Operationen. Andere – besonders beliebte – Produkte werden regelmäßig getestet. Ein paar Beispiele: Matratzen, Waschmaschinen, Fernseher und Staubsauger stehen mindestens einmal im Jahr auf dem Prüfstand.

Dabei folgen die Warentests einem festen Muster. Einkäufer, die unerkannt bleiben sollen, besorgen die Produkte im Handel. Sie zahlen wenn möglich bar. Unter keinen Umständen sollen die Hersteller vorgewarnt werden, dass ein Produkttest ins Haus steht. Jedes Produkt wird mehrfach gekauft – deutschlandweit. Dann wandert die Ware ins Prüflabor.

Hier hoppelt gerade ein Rasenmäher über Holzlatten. 100 Stunden vor und zurück. So soll der Weg über den Gartenweg simuliert werden. Im Chemielabor ein Stockwerk höher werden Plastikboxen auf Schadstoffe untersucht. In der Testküche backen Muffins im Ofen, danach wird die Bräunung untersucht. Sind alle goldbraun oder hat der Ofen ungleichmäßig gebacken? In der Akustik-Abteilung wird die Lautstärke eines Trockners untersucht.

Draußen heulen die Motoren. Es riecht nach Benzin. Im Sekundentakt säbeln drei Heckenscheren Holzstäbe ab. Alles voll automatisch. Ein paar Meter weiter rollen Roboter über die Wiese. Sie müssen Hindernisse umfahren und sollen den Rasen möglichst ordentlich mähen. „Das ist hier ein Spielplatz für große Jungs“, sagt einer der Prüfingenieur und grinst.

Ein teurer Spielplatz. Die Kosten für eine Testreihe reichen bei der Stiftung Warentest von rund 10 000 Euro bei Finanzprodukten bis zu 300 000 Euro bei Elektrofahrrädern. „Im Schnitt kostet ein Test 35 000 bis 37 000 Euro“, sagt Brackemann. Sind die Untersuchungen abgeschlossen, werden die Produkte an den Meistbietenden versteigert – im Auktionshaus Berlin. In der Hauptstadt sitzt die Stiftung mit ihren gut 300 Mitarbeitern.

„Wir testen nach wissenschaftlichen Kriterien, die häufig weiter gehen als die gesetzlichen Anforderungen“, sagt Chef-Tester Bracke-mann. Ein Beispiel: die Schadstoffbelastung bei Kinderspielzeug. Dafür gibt es nicht nur Applaus von Verbraucherschützern, sondern auch Kritik – vor allem von Unternehmen.

Hersteller von Sonnencremes, Kindersitzen, Kaffeemaschinen und Digitalkameras zittern regelmäßig vor den Urteilen der Tester. Auf Wunsch erfahren die betroffenen Firmen die Ergebnisse der Produkttests bereits vor der Veröffentlichung. Eine gute Note ist gute Werbung. Eine schlechte bedeutet dagegen oft das Aus für ein Produkt, der Handel listet es einfach aus. Den Machtkampf mit der Stiftung wagen allerdings nur wenige Hersteller. Vier bis fünf Firmen ziehen pro Jahr gegen die Stiftung Warentest vor Gericht. Relativ wenig bei 2000 getesteten Produkten im Jahr.

Momentan läuft ein Rechtsstreit mit dem Schokoladenhersteller Ritter Sport. Die Vollmilch-Nuss-Schokolade des Herstellers wurde mit der Note „mangelhaft“ beurteilt, aufgrund der unzureichenden Deklaration eines Aromastoffes, sagen die Tester. Ritter Sport ging dagegen vor und errang einen Etappensieg. Laut einem Urteil des Landgerichts München dürfen die Prüfer dem Schokoladenhersteller nicht mehr vorwerfen, seine Produkte irreführend zu kennzeichnen. Stiftung Warentest hat Berufung eingelegt. „Der Rechtsstreit steht erst am Anfang“, sagt Bracke-mann.

Nicht nur für Ritter Sport, auch für die Stiftung Warentest steht viel auf dem Spiel. Die Macht und der Einfluss der Stiftung beruhen auf ihrer Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen der Verbraucher. Fällt ein Urteil gegen die Stiftung, gerät das Bild der unfehlbaren Warentester ins Wanken.

Diesen Marken vertrauen die Deutschen

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Kritik versucht die Stiftung deshalb zu entkräften. Immer wieder wird der Vorwurf laut, die Stiftung schüre bewusst Ängste und skandalisiere, um mehr Ausgaben ihrer Zeitschriften „Test“ und „Finanztest“ zu verkaufen, in denen die Ergebnisse der Produkt-Tests veröffentlicht werden. „Smartphones und Matratzen waren die Titelthemen der meist verkauften Hefte im vergangenen Jahr“, entgegnet Anita Stocker, Chefredakteurin der Zeitschrift „Test“, bei solchen Vorwürfen. „Das sind keine Skandal-Themen.“

Auch der aktuelle Staubsauger-Test ist wenig skandalträchtig. Trotzdem wird er jedes Jahr durchgeführt. Immer wieder schaffen es die Staubsauger in die Liste der beliebtesten Produkt-Tests. Getestet werden diesmal Sauger mit und ohne Beutel. Die Tester prüfen die Saugleistung, wie laut die Geräte sind, wie viel Strom sie verbrauchen und ob Schadstoffe in den Griffen stecken. Dabei ist alles genaustens definiert – jedes Gerät saugt unter den gleichen Bedingungen. Das bedeutet: Die Beschaffenheit und die Menge des Staubes ist bei jedem Gerät die gleiche, der rote Teppich ist immer derselbe und auch wie der Staub auf dem Teppich verteilt wird, ist festgelegt. Es folgen 600 Stunden Motor-Dauerprüfung, Türpfosten- und Türschwellen-Test. Wer das alles unbeschadet überstanden hat, hat Chancen auf ein gutes Test-Ergebnis.

Manuela Dollinger

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