"Es ist eine Befreiung": Neuer Siemens-Chef Löscher ist da

Nürnberg/München - Nach Monaten voller Krisen und Skandale wird der neue Siemens-Chef Peter Löscher bei Deutschlands größtem Elektrokonzern mit offenen Armen empfangen. "Es ist eine Befreiung", sagt ein Siemens-Vorstandsmitglied über den Neuanfang. Zwar tritt Löscher offiziell erst am 1. Juli die Nachfolge von Klaus Kleinfeld an, der im Zuge der Schmiergeldaffäre seinen Hut nahm.

Doch eine erste Vorstandssitzung hat der Neue bereits geleitet, auch in der Öffentlichkeit ließ sich der bisherige Merck-Manager jetzt erstmals blicken. Löscher ist der erste Vorstandsvorsitzende in der Siemens-Geschichte, der von außen kommt. Zu seinem Amtsantritt stellte er klar, dass er vor allem Ruhe in das verunsicherte Unternehmen bringen und nicht gleich alles auf den Kopf stellen will.

Leicht ist der Job für Löscher nicht. Auch wenn er beim Pharma-Riesen Merck als kommender starker Mann galt, hat er ein Unternehmen dieser Größenordnung noch nicht geführt. Zudem kennt er sich zwar insbesondere in der Medizintechnik, einem der großen Wachstumsfelder von Siemens gut aus. In anderen Bereichen bei dem breit aufgestellten Konzern fehlt ihm als Außenstehenden aber die Expertise. Bange ist dem gebürtigen Villacher aber nicht. "Ich freue mich sehr darauf, die Verantwortung in diesem großartigen Unternehmen zu übernehmen", sagte er am Dienstagabend in Nürnberg. Der Vorstandsposten bei Siemens sei etwas ganz besonderes. "Das ist nicht einfach nur ein CEO-Job."

Löscher übernimmt tatsächlich einen der renommiertesten - und schwierigsten - Posten in der deutschen Wirtschaft. Als Aufsichtsrats-Chef Gerhard Cromme die Personalie im Mai verkündete, war das ein echter Überraschungscoups. Auch viele Führungskräfte in der Siemens-Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz mussten sich erst einmal informieren, wer da das Traditionsunternehmen nun aus der Krise führen soll. Der 49-jährige Österreicher hatte seine Karriere bei der Beratungsfirma Kienbaum begonnen. Seine Laufbahn führte ihn unter anderem für Hoechst in die USA, für Aventis nach Japan, für General Electric nach Großbritannien und schließlich zu Merck in die USA. Die notwendige internationale Erfahrung - beim global aufgestellten Siemens-Konzern eine Schlüsselqualifikation - bringt er also mit.

Eine der wenigen Siemens-Führungskräfte, die ihn bereits vor der Berufung kannten, ist Erich Reinhardt. Der Siemens-Medizintechnik-Chef hatte Löscher bei einer Kooperation mit Amersham kennengelernt, das später von GE übernommen wurde. "Wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit", sagt er. Vorgänger Kleinfeld lernte Löscher dagegen erstmals zwei Tage nach der Berufung kennen, als sich die beiden in New York zu einem ersten Gespräch trafen.

Inzwischen haben alle in der Siemens-Spitze ihren neuen Chef kennen gelernt. Die Urteile sind durchweg positiv. Vor allem werden Löschers kommunikative Fähigkeiten gelobt. "Aktiv zuhören und Vertrauen schaffen", lautet sein Motto. Der Start ist ihm in dieser Hinsicht gelungen. Löscher sei mit seiner umgänglichen und kommunikativen Art ein typischer Österreicher, sagt eine Siemens-Führungskraft. Solche integrativen Kräfte würden derzeit gebraucht.

Einen Externen an die Siemens-Spitze zu berufen, ist ein Experiment. Siemens hatte aber nicht die Wahl, den Posten intern zu besetzen. Schließlich konnte sich selbst Kleinfeld trotz glänzender Zahlen und einer bisher blütenweißen Weste im Schmiergeldskandal nicht halten. "Der größte Vorteil von Löscher ist seine Unabhängigkeit", heißt es im Umfeld des Konzerns. Bei Löscher könne nun wirklich niemand mehr über eine Verwicklung in den Schmiergeldskandal spekulieren. Daher soll sich der Blick nun wieder auf die guten Zahlen richten. "Die Geschäfte laufen glänzend", sagt Finanzvorstand Joe Kaeser.

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