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Mitarbeiter der BayernLB bei der Demo für ihren Chef.

Wie eine Belegschaft ihren Chef rettet

München - Obwohl die Abberufung des BayernLB-Chefs Michael Kemmer für die Staatsregierung längst beschlossene Sache war, bleibt der 51-jährige Manager im Amt. Die Belegschaft der Bank hat ihrem Chef den Kopf gerettet.

Der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse München-Starnberg, Karl-Ludwig Kamprath, schüttelte den Kopf, als er sich am Donnerstagabend einen Weg durch die Menschenmenge vor der BayernLB-Zentrale bahnte. Sparkassenpräsident Siegfried Naser blickte mit geweiteten Augen auf die Masse und sah sich zur Rechtfertigung genötigt: „Wegen uns sind die nicht da.“ Mit „uns“ meinte er die Vertreter der Sparkassen im Verwaltungsrat der Bank, die je zur Hälfte dem Freistaat und den bayerischen Sparkassen gehört. Denn die fünf Verwaltungsräte, die dem Sparkassenlager angehören, standen hinter Kemmer. Stürzen wollte ihn die ebenfalls mit fünf Aufsehern vertretene Staatsregierungs-Seite – auf Geheiß des künftigen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und seiner Koalitionspartner von der FDP, Martin Zeil und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Doch was sich bei der BayernLB abspielte, hatte keiner der zehn schon einmal erlebt.

Seit sich am Donnerstag gegen Mittag abgezeichnet hatte, dass die Vertreter der Staatsregierung im Verwaltungsrat Bankchef Michael Kemmer absägen wollen, hatten dessen Mitarbeiter mobil gemacht. Und als die Verwaltungsräte gegen 20 Uhr aus dem Regierungs- und dem Sparkassenlager zu ihrer Sitzung bei der Bank eintreffen, spielen sich ergreifende Szenen ab.

Rund 1000 Banker drängen sich auf dem gepflasterten Innenhof des mächtigen Gebäudekomplexes. Frauen in Businesskostümen, Männer in dunklen Anzügen recken Papiertafeln und Spruchbänder in die Höhe. „Kemmer saniert – Seehofer torpediert“ ist in großen Buchstaben zu lesen. Eisig pfeift der Oktoberwind über den Hof, die Banker skandieren: „Wir brauchen Kemmer, wir brauchen Kemmer.“

Weit über 500 Angestellte tragen sich in eine Unterschriftenliste für den Verbleib des Vorstandes ein. Jubel brandet auf, als Kemmer aus der Glasdrehtür tritt. In den Scheinwerfern der Fernsehkameras steht er wie ein Popstar im Rampenlicht, als er in ein Megafon ruft: „Ich bin völlig überwältigt, das ist ein unglaublicher Solidaritätsbeweis. Die Bank wird es mit diesem Team hundertprozentig schaffen.“ Er selbst wird es auch schaffen.

Nach und nach treffen die Verwaltungsräte vor der Bank ein. Die Hintertür bietet keinen Ausweg. Denn auch vor der Tiefgarageneinfahrt haben sich zahlreiche Demonstranten postiert. Als um 20.06 Uhr ein weißer BMW anhält, wird es laut. Die Tür geht auf, Erwin Huber – stellvertretender Verwaltungsratschef und härtester öffentlicher Kritiker Kemmers – steigt aus. Gellende Pfiffe, Buhrufe. Auf Fragen der Journalisten antwortet er nicht, er nickt wohlwollend, bahnt sich den Weg durch die Demonstranten und verschwindet im Gebäude.

Ähnlich wie ein Marathonläufer kurz vor der Aufgabe bei Kilometer 35 von den Zuschauern am Straßenrand vorangetragen wird, werden durch die Demonstration der Banker wohl auch die Vertreter der Sparkassen im Verwaltungsrat darin bestärkt, bis zum Schluss durchzuhalten. Bis Mitternacht weigern sie sich, Kemmer fallen zu lassen, angeblich unter der Drohung, im Falle einer Abstimmung den Raum zu verlassen.

Am nächsten Morgen streut die Regierunsgseite Gerüchte, dass Kemmer nicht mehr zu retten sei. Zweimal wird am frühen Freitag Nachmittag eine Verwaltungsratssitzung angekündigt. Zweimal versammeln sich über tausend Mitarbeiter zu einer Mahnwache schweigend im Hof. Zweimal wird die Sitzung verschoben. Beifall brandet auf, als es heißt, dass sich der Verwaltungsrat „auf unbestimmte Zeit“ vertagt habe. Jede Minute ohne Entscheidung wird als Teilerfolg gefeiert. Währenddessen hat das Zurückrudern der Politiker schon begonnen.

FDP-Chefin Leutheusser-Schnarrenberger erklärt, sie fordere keine Konsequenzen einzelner Personen, obwohl sie zuvor weitgehende Übereinstimmung mit der CSU-Linie bekundet hatte, die im Wesentlichen Erwin Huber prägte und die sich zusammenfassen ließ mit: „Kemmer muss weg.“

Sparkassenpräsident Siegfried Naser ist es, der am Freitagabend das Ende des Machtkampfs verkündet. Er und Kemmer hätten sich bei den Koalitionspartnern für missverständliche Informationen über das Ausmaß der Belastungen für die Bank entschuldigt. Der Vorstand arbeite weiter wie bisher. Später gibt es eine offizielle Erklärung von Eigentümern, Verwaltungsrat und Vorstand der BayernLB. Darin wird auch angekündigt, dass es „zeitnah nach dem Regierungswechsel“ ein Gespräch über die Neuausrichtung der BayernLB geben solle.

Zu diesem Zeitpunkt sind die meisten Mitarbeiter der Bank zu Hause. Den großen Jubel der Demonstranten gibt es nicht mehr. Doch von ihrem Erfolg können sie sich überzeugen, wenn sie am Montag ins Büro gehen und ihr Chef nach wie vor Michael Kemmer heißt.

Von Dominik Müller und Jochen Lehbrink

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