Eine Kuh für einen Sommer

- München - Bei einem Leasingvertrag denkt man spontan an Autos oder Maschinen, die man für einen gewissen Zeitraum entgeltlich mietet. Am Vertragsende entscheidet der Leasingnehmer, ob er die Sache zum Restwert kaufen möchte oder diese wieder an den Leasinggeber zurückgibt. Einen Leasinggegenstand der ganz besonderen Art bietet ein Schweizer Bergbauer an, nämlich Kühe.

<P>Mehr als 100 Kühe bietet der Familienbetrieb Wyler als Pacht-Objekt an. 25 davon gehören den Wylers, die restlichen hat die Familie aufgrund der enormen Nachfrage von anderen Betrieben in Kommission angeworben.</P><P>Nina ist jünger, aber Linda wirkt agiler</P><P>Um dem Run auf die Leasing-Kühe gerecht zu werden, versucht man, weitere Bauern zu akquirieren. <BR>Auf einer Internetseite kann sich der Interessent die Kuh aussuchen, die er für einen Sommer leasen möchte: Die etwas behäbig wirkende Nina beispielsweise trägt die Ohrnummer 3706 und ist am 24. September 2000 geboren, ihre Kollegin Linda ist drei Jahre älter, wirkt auf dem Foto aber wesentlich agiler. Elvira ist schon mehr als elf Jahre alt und zählt zu den Oldtimern im Berner Oberland. </P><P>Bei den meisten Abbildungen steht auf einem dicken Balken "Reserviert" und wer sich für den nächsten Sommer noch eine Leasing-Kuh sichern möchte, muss sich beeilen. Die Nachfrage ist groß. Wer Glück hat und sich für den Sommer 2005 noch eine Kuh sichern kann, muss bei Vertragsabschluss eine Leasingrate von 380 Schweizer Franken bezahlen (etwa 245 Euro). Dafür bekommt er ein Zertifikat mit Farbfoto und allen Angaben zur Kuh, sowie - gegen 16 Franken Aufgeld pro Kilo - den Käse, der aus der Milch der geleasten Kuh gewonnen wurde. </P><P>Außerdem darf er seine Kuh besuchen und bei allen täglichen Arbeiten auf der Alm zusehen. Aus dem Vertrag entstehen dem Leasingnehmer aber auch Verpflichtungen. Insgesamt vier Werkstunden muss er nämlich im Laufe des Sommers auf der Alm aktiv mithelfen. Zu den Tätigkeiten gehören beispielsweise der Unterhalt der Alpwege, auf Weiden Steine räumen, Sträucher zurückschneiden oder Unkraut beseitigen. Für jede nicht geleistete Werkstunde muss der Leasingnehmer ein Entgelt von 20 Franken bezahlen. <BR>Eher wenig hat das Kuh-Leasing mit einem klassischen Leasing-Vertrag zu tun, da zum Beispiel ein Kauf der Kuh am Ende der Laufzeit nicht möglich ist. Schon allein die Ermittlung des Restwertes würde größere Schwierigkeiten mit sich bringen. </P><P>Mit der Idee des Kuh-Leasings kämpft die Familie Wyler erfolgreich gegen die Krise der Schweizer Tourismusindustrie. In den letzten Jahren wählten immer weniger Urlauber die Schweiz als Reiseziel. Ganz entgegen dem allgemeinen Trend stiegen im Berner Oberland rund um die Alp, auf der Wylers Kühe weiden, die Übernachtungszahlen. Viele Leasingnehmer, die ihre Kuh besucht oder ihre Werkstunden abgearbeitet haben, nutzen die Möglichkeit, dort in idyllischer Umgebung noch ein paar Tage zu bleiben. Das große Geld macht Familie Wyler mit den Leasingverträgen nicht. Sie wollen damit vor allem den ortsansässigen Landwirten helfen, ihren Käseabsatz zu steigern.</P><P>Tatsächlich kommt ein Großteil derer, die eine Schweizer Kuh geleast haben, aus der Stadt. Vor allem Firmen nutzen diese Investition für Veranstaltungen oder als ganz besonderes Präsent für Geschäftsfreunde sowie Mitarbeiter. Privatpersonen nehmen das Angebot nicht nur als Geschenk zur Hochzeit, zum Geburtstag oder zur Pensionierung in Anspruch. Viele leasen sich selbst eine Kuh und freuen sich schon auf die erste Begegnung mit dem Tier, die Schweizer Berge und den guten Käse. </P>

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