Eine Garantie für das Münchner Werk

München - Eine 120 Millionen Euro teure Großpresse für das Münchner BMW-Werk signalisiert: Der Konzern will trotz beengter Verhältnisse noch jahrzehntelang mitten in München Autos bauen.

Manfred Schoch hält ein unscheinbares Stück Papier hoch. „Das kommt wieder in den Tresor“, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von BMW. Das Stück Papier - unterschrieben von Produktionsvorstand Frank-Peter Arndt - ist gewissermaßen eine Garantie, dass BMW im Münchner Werk auch noch in 25 Jahren Autos bauen wird. Es ist eine Abmachung über den Bau einer zweiten hochmodernen Großpresse im Jahr 2016. Die erste hat am Freitag ihren Betrieb aufgenommen.

Nun ist eine Großpresse nicht irgendein Teil einer Autofabrik. Es gehört zu deren Herzstücken. Hier entstehen Dächer von Autos, Seitenteile, Kotflügel, Motorhauben. Schoch bringt es auf den Punkt: „Wo das Presswerk fehlt, gibt es keine Zukunft“. Das heißt auch: Wenn ein Konzern in zwei derart teure Anlagen investiert, muss er sie auch lange nutzen. Die erste Großpresse hat 120 Millionen Euro gekostet. Die zweite wird kaum für weniger zu haben sein. Und die Betriebsdauer solcher Anlagen beträgt 20 bis 30 Jahre. Gute Aussichten für München und auch für die Beschäftigten.

Als das Ungetüm loslegte und mit Schlägen im Dreieinhalb-Sekunden-Takt Bleche zu Autodächern formte, hörte sich das an wie ein im Nachbarraum übender Nachwuchsschlagzeuger. Das Pressgeräusch hat der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, der das Werk erstmals als Schüler in den 1960er-Jahren besuchte, sehr viel lauter in Erinnerung: „Da wurde gehämmert, gestoßen und gestampft, dass es kaum auszuhalten war.“

Dabei hat die neue Flüsterpresse eine gewaltige Kapazität: „Hier wird in zwölf Tagen so viel Stahl verarbeitet, wie der gesamte Eiffelturm enthält“, sagt Werksleiter Thomas Lehmann. Das zeigt auch, wie schwer es ist, ein Werk mitten in der Stadt zu betreiben. Den das Eiffelturm-Gewicht muss erst einmal angeliefert werden.

Dabei hilft die neue Presse, viele Transporte zu vermeiden. Sie kann computergesteuert fast alle Blechteile herstellen, die BMW in München für den neuen 3er braucht. Und dafür wird sie auch eingesetzt. Damit bricht BMW mit einer lange Jahre gültigen Industrie-Doktrin. Demnach werden Teile für ein Auto möglichst zentral in einem Werk hergestellt und dann in alle anderen Werke geliefert. Doch der Transportaufwand ist mit den ehrgeizigen Umweltzielen von BMW nicht vereinbar. Jetzt wird wieder möglichst viel in jedem Werk selbst gemacht.

Auch an anderer Stelle spart BMW Transportkapazität. Etwa bei der Müllabfuhr. Mit jedem Auto entstehen nur noch acht Gramm nicht verwertbaren Abfalls, sagt Produktionsvorstand Arndt, „das Gewicht einer Ein-Euro-Münze“.

Auch Arndt legte ein klares Bekenntnis zum Werksstandort in der Millionenstadt ab. „Dieses Werk hat viele Stärken“, sagte er. „Eine davon ist die Kreativität seiner Mitarbeiter. Um den knappen verfügbaren Raum optimal zu nutzen, komme es auf clevere Lösungen an. In Autowerken auf der grünen Wiese wird üblicherweise auf zwei Ebenen gebaut. In München waren es bisher vier.

Nun kommt eine fünfte dazu. Die neue Ebene ist ein fast vergessener unterirdischer Gang aus dem Zweiten Weltkrieg. Der jahrzehntelang ungenutzte, feuchte und teilweise sogar unter Wasser stehende Gang wurde renoviert und dient künftig als Transportweg zwischen den Werkshallen.

Doch es gibt auch historische Argumente für die Treue zum Münchner Werk: An der Stelle, wo am Freitag die neue Großpresse ihren Betrieb aufnahm, wurde 1923 die R32 gebaut. Mit ihrem ersten Motorrad wurden die Bayerischen Motorenwerke zum Fahrzeughersteller. Die Fabrik in Milbertshofen stand damals nicht in der Stadt, sondern auf der grünen Wiese direkt neben der Villa des Werksleiters.

Von Martin Prem

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