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So manche Maschine der frühen Jahre schaffte die Familie Gabor im Tauschhandel an.

Mittelstand im Blickpunkt – Heute: Gabor

Eine goldene Uhr für die erste Singer

Rosenheim - Achim Gabor ist in das väterliche Unternehmen hineingewachsen. Vor vier Jahren hat er die Schuh-Firma mit Sitz in Rosenheim übernommen und sie vorsichtig modernisiert.

Firmenchef Achim Gabor

Rosenheim – Achim Gabor enttäuscht die Erwartungen nicht. Der Bayer mit dem maßgeschneiderten Lodenjanker empfängt seine Besucher mit gesenktem Blick. Achim Gabor schaut erst auf die Schuhe, dann in die Augen. „Natürlich ist das mit dem Schuhe begutachten ein Klischee, aber eines das ich gerne erfülle“, sagt er und streicht sich durch die welligen Haare. Seit Generationen erwartet man von seiner Familie einen fachmännischen Kommentar zum Schuhwerk. Der Vorstandsvorsitzende der Gabor Shoes AG steht in dritter Generation mit seinem Namen für das bekannte Leder.

Gabor selber trägt schwarze Halbschuhe von Gabor. „Ich habe insgesamt zwölf Paar Schuhe, aber die sind nicht alle aus unserem Haus“, sagt er in angenehm breitem Bairisch. Übrigens kaufe sich der durchschnittliche deutsche Mann nur 0,8 Paar Schuhe pro Jahr. „Diesen Schnitt hebe ich massiv“, sagt Gabor und sieht aus, als ob er sich darüber freut.

Der Junior Achim hat vor vier Jahren die Führung des größten deutschen Damenschuh Herstellers übernommen, sein Vater Joachim wechselte in den Aufsichtsrat. „Wir mussten aufpassen, dass wir nicht mit unseren Kundinnen zu alt werden“, sagt der 41-Jährige. Deswegen passten die Designer unter seiner Führung die Produkte an die breitfüßigere „Turnschuhgeneration“ an, führten Weitschaft-Stiefel ein und kauften „Camel Active“ und die spanische Ökomarke „Snipe“ in Lizenz dazu.

Die Ursprünge des Familienunternehmens liegen im Jahr 1919 in Groß-Strehlitz. Heute arbeiten im modernen Werk in Rosenheim 245 Menschen. Weltweit hat Gabor 2761 Beschäftigte.

Das hochmoderne Haus in Rosenheim, in dem 245 Mitarbeiter arbeiten, hat nichts mit den Anfängen aus dem Jahr 1919 zu tun. Der Großvater des heutigen Chefs hatte ein Schuhgeschäft in Groß-Strehlitz, das zerbombt wurde. Seine Söhne flohen, die Großeltern kamen um. Joachim Gabor begann zusammen mit seinem Bruder Bernhard zunächst mit einer kleinen Schuhproduktion in Thüringen. Später schmuggelten sie die Maschinen über die grüne Grenze nach Barmstedt und gründeten 1949 die „B.&J. Gabor Damenschuhfabriken“. Die goldene Springdeckeluhr ihres Vaters tauschten sie gegen die erste Steppmaschine, eine Singer 34. Joachim Gabor gilt als pflichtbewusster Arbeiter und guter Geschäftsmann. Produziert wird der „Jedermann“-Schuh – robust, aber im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs bald nicht mehr gefragt. Bernhard Gabor fährt Anfang der 50er-Jahre in die USA und lässt sich in Sachen Technik inspirieren. Das Geschäft floriert, Ballerinas revolutionieren 1955 die Mode.

Aber Gabor weiß, dass die langen Transportwege von Italien nach Norddeutschland weder gut für das Leder, noch gut für die Kasse sind. Aus Italien kommt 80 Prozent des Leders und außerdem eröffnet Gabor 1960 im österreichischen Spittal ein Werk. 1966 zieht er deswegen mit allem Drum und Dran nach Rosenheim. Mit 63 norddeutschen Familien im Gepäck. Gabors Mitarbeiter sind loyal.

Als Bernhard stirbt, übernimmt Joachim das Geschäft. Bis vor vier Jahren, als ihn sein Sohn Achim ablöste. Insgesamt verantwortet Gabor jetzt ein Unternehmen mit 2761 Mitarbeitern, das in 58 Länder exportiert und jährlich sechs Millionen Paar Schuhe produziert. Etliche Mitarbeiter sind bereits in dritter Generation bei Gabor, die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei 18 Jahren. „Darauf sind wir wirklich stolz“, sagt Achim Gabor und man nimmt es ihm ab.

Er selber sei im Schuhkarton aufgewachsen, sagt der Junior lächelnd. Nach Abitur und Wehrdienst absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung im väterlichen Betrieb. „Mein Vater hatte durchaus eine strenge Hand, er war morgens als erster da und ging als Letzter.“ Achim wuchs mit dem Betrieb auf und lernte die Mitarbeiter schon als Kind kennen, als er in den Ferien mit Lederresten spielen durfte. „Natürlich gab es daher Bedenken, als ich dann zum Vorsitzenden des Vorstandes berufen wurde, aber ich finde, dass ich mich vom Lehrling hochgearbeitet habe.“ Inzwischen seien alle Bedenken verflogen. Das liege auch daran, dass er die Welt vor vier Jahren nicht auf den Kopf gestellt habe. „Ich habe nur leichte zeitgemäße Änderungen eingeführt, denn wichtiger als alles andere ist für die Gabor-Familie der Spruch „Schuster bleib bei deinen Leisten“.

von Jennifer Bligh

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