Eine Hand voll Dollar für die neue Existenz

- Sri Lanka, im Dezember - Als sich Rajapdeen Moosa damals wieder nach Kirinda traute, schossen ihm die Tränen in die Augen. In den Straßen seines Heimatdorfs an der Südküste Sri Lankas sah er die leblosen Körper derer liegen, die nicht schnell genug gelaufen waren. Und als der 35-Jährige ankam, wo einmal sein Zuhause war, stand er vor den Trümmern seiner Existenz. Der Ozean, der ihm zwei Stunden vorher noch auf den Fersen gewesen war, hatte sich wieder zurückgezogen. Unten am Strand rauschte die Brandung wie eh und je.

"Die Tage und Wochen danach waren furchtbar", sagt Moosa. Doch ein Jahr nach dem Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 huscht ab und an schon wieder ein Lächeln über sein Gesicht. Zwar steckt die Angst noch immer im Kopf, wie er sagt. Erst kürzlich flüchtete er mit seiner Frau und den drei Kindern wieder ins Hinterland, nachdem erneut Gerüchte von einer neuen Welle umgingen. Auch muss die Familie noch immer bei der Schwiegermutter wohnen. Aber immerhin kann Rajapdeen Moosa wieder Geld verdienen.

Sein Laden ist in der Nähe des kleinen Fischerhafens in einem grob verputzten Ziegelbau untergebracht. Dass den die Flut nicht einriss, wie Moosas Wohnhaus gleich nebenan, grenzt an ein Wunder. Doch das Wasser zerstörte auch so genug. "Alles wurde weggespült", sagt er. Die Regale, die Kartons voller Waschmittel, Reis und Erdnüsse. Der schmächtige Mann muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um an der Wand anzudeuten, bis auf welche Höhe die schäumende Brühe in seinem Geschäft stieg.

Auf rund 10 000 Dollar belief sich der Schaden. Keine kleine Summe in Südasien; selbst für einen Kaufmann, der mehr als die landesüblichen 1000 Dollar pro Jahr verdient. Dennoch konnte Rajapdeen Moosa seinen kleinen Supermarkt vor einigen Wochen sogar mit erweitertem Sortiment wieder eröffnen. Neben Lebensmitteln verkauft er nun auch Pinsel, Farbe und Zement - gefragte Waren in den vom Tsunami betroffenen Regionen. Die Baubranche boomt, der Wiederaufbau von Häusern, Brücken und Straßen läuft auf vollen Touren.

Sechs Autostunden nordwestlich von Kirinda, am Rand der hektischen Inselhauptstadt Colombo: In einem weiß getünchten Haus mit Garten arbeitet Frank Müller - wenn er nicht gerade zu Kunden wie Rajapdeen Moosa aufs Land fährt. Der gebürtige Leipziger ist einer von den Menschen, die dazu beigetragen haben, dass dessen Laden wieder läuft.

Müller ist im Auftrag des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands in Sri Lanka. Mit drei Kollegen sorgt er dafür, dass mehrere Millionen Euro Spenden, die von Sparkassen und Landesbanken für die Tsunami-Opfer gestiftet wurden, in den Wiederaufbau fließen. Der Verband hatte beschlossen, das Kapital zwei ausgewählten Finanzinstituten zinsfrei zur Verfügung zu stellen. Die wiederum sollen das Geld in Form so genannter Mikrokredite an Kleinunternehmer verteilen, die von der Welle geschädigt wurden.

"Die Zeit der Nothilfe ist vorbei, jetzt geht es darum, wirtschaftliche Existenzen wieder aufzubauen", erklärt Müller das Hilfsprogramm. Der 45-Jährige koordiniert die Zusammenarbeit mit einem der lokalen Partner, der Hatton National Bank. Gut 200 Kredite über durchschnittlich 2500 Euro hat die größte Geschäftsbank des Landes seit August aus dem Sparkassen-Topf ausgezahlt. Einen davon erhielt Rajapdeen Moosa, der mit dem Geld sein Warenlager wieder füllte. Andere gingen etwa an einen Fischer, dessen Boot zertrümmert wurde, und einen Schweißer, der sein Werkzeug verlor.

Die Sparkassen sind nicht die Einzigen, die in den Tsunami-Regionen Sri Lankas Mini-Beträge an geschädigte Gewerbetreibende verleihen. So hat etwa der Finanzkonzern Ceylinco bereits zahlreiche Mini-Darlehen ausgezahlt; die Asiatische Entwicklungsbank stellte insgesamt 1,3 Millionen Dollar bereit. In den nächsten Monaten wollen zudem die Stiftung der Deutschen Bank und auch die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, kurz GTZ, Minikredite für Selbstständige anbieten.

Das Wasser spülte das Warenlager leer

"Sie sind ein sehr wirksames Instrument beim Wiederaufbau von Katastrophengebieten", sagt GTZ-Mitarbeiter Hans Stehling, der sich in den letzten Wochen in Colombo aufhielt. Der Hintergedanke: Die Kleinunternehmer sollen mit den Mini-Beträgen ihr Gewerbe wieder aufbauen. Läuft alles glatt, können sie dann wieder eigenes Einkommen erwirtschaften. Im Idealfall schaffen sie dadurch auch Beschäftigung, wie bei dem Sparkassen-Programm. Unterm Strich haben rund 500 Menschen zumindest befristet Arbeit gefunden, wie Frank Müller gezählt hat.

Doch die Kreditnehmer bekommen nichts geschenkt: Das geliehene Geld müssen sie zu marktüblichen Zinsen zurückzahlen. Rajapdeen Moosas Darlehen läuft über vier Jahre. Sorgen macht er sich deswegen nicht: Der Laden laufe gut, sagt er. Da kann es sich der gläubige Moslem leisten, jede Woche während des Freitagsgebet zuzusperren und in die nahe Moschee zu radeln. Dabei kann er hören, wie die Wellen auf den Sand platschen. So, als ob nie etwas passiert wäre.

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