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Euphorische Gründerstimmung in München: Tobias Bahnemann, Alexander Rudoy und Aldo Persichini (von links) wollen mit einer neuen Technik 3D-Sensoren bauen, die in Autos und Flugdrohnen eingesetzt werden könnten.

Am Anfang stand ein Fisch

Münchner Firma gewinnt deutschen Gründerpreis

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München - Eigentlich wollte der Mechatronik-Student Alexander Rudoy einen Roboter-Fisch basteln. Daraus wurde nichts – versehentlich gründete er ein Unternehmen. Jetzt hat sein Start-up den IKT-Gründerpreis der Bundesregierung gewonnen.

Am Anfang war es eine lustige Idee, geboren aus einer Tüftler-Laune: Vor drei Jahren will der damals 27-jährige Alexander Rudoy einen Roboter-Fisch bauen, der eigenständig im Aquarium schwimmt. Rudoy ist damals noch Student an der Hochschule München. Als angehender Mechatronik-Ingenieur glaubt er an eine lösbare Aufgabe.

Einzige Hürde: Das kleine Computer-Wesen soll nicht ständig gegen die Glasscheibe donnern, Rudoy will den künstlichen Fisch in die Lage versetzen, selbstständig Gegenständen auszuweichen. „Ein einfacher 3D-Sensor hätte ausgereicht, damit der Fisch schwimmt“, sagt Rudoy. Hätte – der Student scheitert an der Suche nach dem Bauteil. Zwar gibt es auf dem Markt massenweise optische 3D-Sensoren, meist kleine Kameras, die auf Licht reagieren. Nur sucht der Student für seinen Fisch Sensoren, die auf Ultraschall reagieren. So könnte sich der Roboter unter Wasser orientieren.

Sicher, auch Ultraschallsensoren gibt es seit Jahrzehnten in Krankenhäusern und beim Arzt – aber offenbar nicht für den dreidimensionalen Raum, stellt Rudoy fest. Geräte in der Medizin erfassen ungeborene Kinder oder Organe nur in zwei Dimensionen. Neueste Geräte gaukeln zwar dreidimensionale Baby-Fotos vor, allerdings erstellt der Computer das räumliche Bild anhand geschichteter Einzelaufnahmen.

Unternehmen entsteht eher aus Zufall

Dem Studenten bleibt nichts anderes übrig, als den 3D-Sensor für seinen Fisch-Roboter selbst zu entwickeln. Anfangs experimentiert er mit Rückparksensoren von Autos. Der Ehrgeiz hat ihn gepackt, anhand von Ultraschall-Daten ein dreidimensionales Bild der Raumumgebung zu erzeugen. Eine komplizierte Computerarbeit – zu viel für eine Person allein.

Vor einem knappen Jahr muss Rudoy seinen damals 27-jährigen Studien-Kollegen Aldo Persichini um Hilfe bitten. Beide haben ihr Mechatronik-Studium inzwischen abgeschlossen, die beiden steigen immer tiefer in die komplexe 3D-Berechnung ein. „Den Fisch gibt es aber bis heute nicht“, gesteht Rudoy. „Statt an einem Roboter-Fisch arbeiten wir inzwischen an einem Fledermaus-Gehirn.“ Fledermäusen gelänge es schließlich auch, sich mit Ultraschallwellen im dreidimensionalen Raum zu orientieren und im Flug erfolgreich nach Insekten zu schnappen.

Aus der Idee wird ein kleines Start-up, erste Kundenanfragen gehen ein, auf das Team kommt immer mehr Arbeit zu. Für die Papierarbeit holen sich die beiden Technik-Freaks im Dezember den Betriebswirt Tobias Bahnemann an Bord. Seitdem kümmert sich der 26-Jährige um die Finanzierung und organisiert Fördermittel, schließlich hat die Firma noch keinen einzigen Euro umgesetzt. Mit Förderstipendien kommt das Trio über die Runden, die Hochschule München stellt ein Büro zur Verfügung – mietfrei, versteht sich.

Absatzmöglichkeiten für 3D-Sensor gibt es genug

Seit 2011 fördert die Hochschule in ihrem Gründerzentrum in der Münchener Lothstraße gezielt Talente. 40 Start-ups beherbergt der schmucklosen Zweckbau inzwischen. Beratung und Sachmittel sind kostenlos, Rudoys Team helfen die Hochschulmitarbeiter bei der Patentanmeldung. Seit Januar nennt sich die Firma „Toposens“. Ein Kunstwort aus Topographie und Sensorik.

In einer Zeit, in der Autos anfangen, selbstständig zu fahren und erste Staubsauger autonom durchs Wohnzimmer rauschen, sind die Tüftler von der Absatzmöglichkeit ihrer 3D-Sensoren überzeugt. Auch in Produktionsstraßen großer Industriebetriebe gäbe es Einsatzmöglichkeiten, Überwachungstechnik ließe sich verfeinern und Flugdrohnen könnten sich bei Nebel und Regen orientieren.

Weltweit konkurrieren inzwischen mehrere Firmen um die beste 3D-Lösung – allerdings experimentiert fast niemand mit Ultraschall. Selbst die großen Konzerne greifen auf teure Kameratechnik zurück. 2010 hat Microsoft für seine Spielkonsole Xbox eine optische Bewegungserkennung namens Kinect auf den Markt gebracht. Der Konzern hatte den Sensor damals mit dem israelischen Unternehmen PrimeSense entwickelt. Die Firma gibt es inzwischen nicht mehr, der Microsoft-Konkurrent Apple hat das Unternehmen 2013 geschluckt – für 360 Millionen Dollar; umgerechnet waren das rund 265 Millionen Euro. Aber so richtig scheint die 3D-Technik nicht zu reifen: Bis heute hat Apple keine 3D-Sensorik im iPhone verbaut, Microsofts Kinect ist ein sperriger Stromschlucker geblieben und für akkubetriebene Smartphones kaum geeignet. Die drei jungen Entwickler aus München wollen beweisen, dass ihre Lösung die genialste und günstigste ist.

Investoren sind stark interessiert

Am Freitag hat das Team für seine Arbeit den IKT-Gründerpreis der Bundesregierung gewonnen. Gelingt es dem Trio, die Ultraschall-Lösung zur Marktreife zu bringen, hätten sie gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil: Ihr Sensor wäre klein wie eine Ein-Cent-Münze, bräuchte kaum Strom, die Herstellung wäre recht günstig. Die Gründer profitieren vom Boom der Smartphones. Seit die populären Wischtelefone den Handy-Markt überschwemmen, sind die Bauteile im Internet für ein paar Euro zu haben. Und Mikrofone vieler Smartphones sind in der Lage, Frequenzen im Ultraschallbereich wahrzunehmen. Neuerdings experimentieren die Toposens-Bastler sogar mit Radarwellen.

Unter Investoren hat sich die Idee längst herumgesprochen: „Mindestens einmal pro Woche gibt es eine Anfrage“, sagt Bahnemann. Bislang sei man aber zurückhaltend. Schnelles Wachstum oder langsame Reife? Die Frage kann das Team noch nicht beantworten. Auch ist nicht ausgeschlossen, dass die Konkurrenz das Rennen macht.

Nur eines hat sich das Trio vorgenommen: Sollte die Vermarktung ihres Sensors gelingen, wollen sie zu Demonstrationszwecken ein originelles Ausstellungsstück basteln: Einen Roboter-Fisch, der vollgestopft mit Sensor-Technik im Wasserglas schwimmt.

Von Sebastian Hölzle

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