Einmalig seit 35 Jahren: Keiner traut sich an die Börse

- München - Das Jahr 2003 beschert den deutschen Anlegern und der Börse einen Rekord: Erstmals seit 35 Jahren hat kein Unternehmen den Börsengang gewagt - bei der Platzierung der Hypo-Real-Estate-Aktien handelte es nicht um einen klassischen Börsengang. 2004 könnte es anders aussehen. Im neuen Jahr dürfte die Börse von den Unternehmen wiederentdeckt werden.

<P>"Es gibt einen aufgestauten Bedarf bei den Unternehmen und auch die Anleger warten auf Neuemissionen, daher dürfte sich einiges tun", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Als heißester Börsenkandidat gilt die Postbank. Voraussichtlich im Herbst wird die Deutsche Post ihre Tochter an die Börse bringen und erhofft sich dadurch 2,5 Milliarden Euro Kapital. Die Postbank würde zum echten Schwergewicht an der Börse, immerhin zählt Deutschlands größte Filialbank rund zehn Millionen Kunden und erzielte 2002 einen Vorsteuergewinn von rund 300 Millionen Euro.</P><P>Als mögliche Börsenkandidaten gelten auch T-Mobile, die Mobilfunktochter der Deutschen Telekom, und die abgespaltene Chemiesparte von Bayer. Ebenfalls im Gespräch sind das Pharmaunternehmen Hexal, der Industriegase-Produzent Messer Griesheim, der Armaturenhersteller Grohe und Cognis, die ehemalige Chemiesparte von Henkel.</P><P>"Wir haben einiges in der Pipeline", sagt Georg Hansel von der Deutschen Bank. "Der Markt hofft, dass endlich wieder etwas passiert, und die Postbank könnte dafür die Initialzündung sein". Die Anleger würden wieder mutiger und seien zunehmend investitionsbereit. Das beweise das starke Interesse an den Fonds, betont Hansel. Immerhin ist das Fondsvermögen nach Angaben des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI) in den vergangenen zwölf Monaten um rund neun Prozent gestiegen (Stichtag: 31. Oktober).<BR><BR>Bei Aktien haben sich die Anleger jedoch abgewandt. Seit dem Höhepunkt im Jahr 2000 mit 6,2 Millionen Aktionären ist die Zahl der Anteilseigner kontinuierlich geschrumpft. Waren es im zweiten Halbjahr 2002 noch 5,3 Millionen, gab es im ersten Halbjahr 2003 nur noch 4,9 Millionen Aktionäre. "Aber diese Zahl stabilisiert sich", sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. Auch er sieht einen Nachholbedarf bei Aktien-Investments. Aber die Anleger sind vorsichtig geworden. "Sie werden genauer hinschauen und versuchen, das Risiko zu minieren", sagt Leven.<BR><BR>Diese Vorsicht beobachtet auch Petra Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Zockergeschäfte der Vergangenheit, der Niedergang des Neuen Marktes und die spektakulären Betrugsprozesse seien nicht vergessen. "Viele Werte sind vom Kurszettel verschwunden, da haben Unternehmen wie Banken viel Vertrauen verspielt", sagt Krüll.<BR><BR>Der erste Börsengang des Jahres 2004 wird bei allen Experten als Gradmesser gesehen. "Die erste Neuemission könnte das Eis brechen, wenn die Aktien zu einem fairen Preis auf den Markt kommen", sagt Reinhild Keitel. Auch die Banken seien in der Pflicht. "Sie müssen den Anlegern nachprüfbar vermitteln, weshalb sich ein Engagement lohnt".</P>

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