Ein oberbayerischer Mittelständler lässt die weltweite Autoindustrie immer wieder aufhorchen. Diesmal hat Webasto ein Heizgerät für Elektroautos entwickelt, das kaum kostbare Batteriekapazität kostet und wenig Platz braucht. Projektleiter Christian Hainzlmaier präsentiert das Gerät, das in Oberpfaffenhofen erdacht wurde.

Webasto

Elektrisch fahren und doch nicht frieren

Gilching – Für eines der großen Probleme künftiger Elektroautos hat das Stockdorfer Familienunternehmen Webasto eine Lösung gefunden: Seine Hochvoltheizung soll die Fahrzeuge mit Wärme versorgen.

Jedes Auto mit Benzinmotor hat ein Problem: Wie leitet man die reichlich entstehende Hitze ab? So ist es nicht schwierig, das Wasserkühlsystem anzuzapfen, um den Innenraum warm zu bekommen. Die Abwärme der meisten Autos würde locker ausreichen, um auch ein ganzes Mehrfamilienhaus zu beheizen. Schon bei modernen hocheffizienten Dieselmotoren wird das schwieriger. Und Elektroautos, die fast keine Abwärme erzeugen, bleiben ohne Zusatzheizung bei Frosttemperaturen bitterkalt.

Jede Heizung würde viel Strom aus der Batterie ziehen, die die ohnehin knappe Reichweite weiter verschlechtert. Der mittelständische Stockdorfer Autozulieferer Webasto hat nun eine Lösung gefunden, die die Autobauer aufhorchen lässt.

Mit dem neuen Hochvoltheizer geht Webasto technisch neue Wege. Das Unternehmen verzichtet auf elektrische Heizdrähte, die ähnlich funktionieren wie Tauchsieder, und auch auf keramische Heizelemente, wie sie meistens zum Einsatz kommen. Kernstück des neuentwickelten Systems ist eine 0,4 Millimeter dünne Heizschicht, die das vorbeiströmende Wasser mit einem Wirkungsgrad von 99 Prozent erwärmt. So wird nicht mehr Energie für die Heizung abgezweigt, als unbedingt nötig. Das warme Wasser wird dann – wie sonst abgezweigtes Kühlerwasser – für das Heizsystem des Autos verwendet. Bei Außentemperaturen von minus sieben Grad sorgt schon nach sechs Minuten auf 20 Grad erwärmte warme Luft für wohlige Wärme. Andere Systeme erreichen diese Temperatur erst nach elf Minuten. Und sie ziehen die meiste Zeit wesentlich mehr Strom aus der Batterie.

Ein weiterer Vorteil der neuen Technik ist laut Projektleiter Christian Hainzlmaier der Verzicht auf die knappen und zunehmend teuren Seltenen Erden und das wegen seiner Giftigkeit verpönte Blei.

Damit möglichst wenig Platz im Motorraum verloren geht, hat Webasto seinen Hochvoltheizer extrem flach gebaut. Weil außerdem alle Anschlüsse an einer Seite liegen, ist der Einbau für die Arbeiter am Band nicht komplizierter als der eines Autoradios, wie Webasto-Vorstand Joachim Damasky sagt. Außerdem wird durch die günstige Anordnung ein unübersichtliches Gewirr von Schläuchen und Drähten vermieden.

Die Nutzer profitieren von der Möglichkeit, das Auto wie bei einer Standheizung vorzuheizen. Wenn sie eine halbe Stunde vor Abfahrt in Betrieb genommen wird, sind die Scheiben bei der Abfahrt auch ganz ohne Kratzen eisfrei, und sie bleiben es auch. Im Innenraum bläst bereits ein warmer Luftstrom.

Doch die Vorkonditionierung, wie Fachleute das nennen, spart nicht nur den Schal. Sie hat auch handfeste technische Vorteile: So wird dadurch die Batterie vor der Fahrt auf die optimale Temperatur gebracht. Das vermeidet unnötige Verluste von knapper elektrischer Energie. Auch der sogenannte Range-Extender, ein kleiner Verbrennungsmotor, der unterwegs die Batterie vieler Elektrofahrzeuge nachlädt, muss nicht kalt anlaufen. So werden schädliche Abgase vermieten.

Außerdem kommt das vorgeheizte Elektroauto ein gutes Stück weiter, weil die Heizung bereits auf Betriebstemperatur gebracht wird, solange das Auto noch an der Steckdose hängt. So wird die Batterie nicht unnötig entladen. Die Reichweite vergrößert sich „um 10 bis 20 Prozent“, sagt Damasky. Das kann bei Elektroautos, wo um jeden Kilometer gerungen werden muss, über Kauf oder Nichtkauf des Fahrzeugs entscheiden.

In den nächsten zwei Jahren werden Autofahrer noch nicht vor dieser Entscheidung stehen. Der Hochvoltheizer, den Webasto an seinem neuen Standort am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen (Gemeinde Gilching) entwickelt hat, wird gerade den Autoherstellern für Tests zur Verfügung gestellt. Dann muss noch die Produktion im Werk Neubrandenburg aufgebaut werden. Erst 2015 beginnt nach den Plänen von Webasto die Serienfertigung und der Einbau in Serienautos. Allerdings könnte es mit viel Glück ein bisschen schneller gehen. „Die Autohersteller drängen auf einen schnelleren Zeitplan“, sagt Damasky.

Martin Prem

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