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Deutschlands Weg zur Elektromobilität: Wo viele Ladepunkte fehlen und woran es noch hapert

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Von: Cindy Boden

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Grafik mit einem ladenden E-Auto neben einer Ladesäule, einer Deutschlandkarte und Linien, die ein Diagramm symbolisieren
Elektromobilität in Deutschland: Wo es schon viele Lademöglichkeiten gibt - und wo Autofahrer lange suchen müssen. © M. Litzka/Fotostand/Michael Gstettenbauer/Imago

Deutschland soll auf E-Autos umrüsten, dafür braucht es viele Ladepunkte. Der Ausbau geht voran, aber auch schnell genug? Sehen Sie hier, wie weit Ihre Region beim Umstieg ist.

München - Zu wenig Reichweite und fehlende Lademöglichkeiten: Diese beiden Bedenken haben Interessenten Umfragen zufolge oft im Hinterkopf, wenn sie über E-Autos nachdenken. Dabei werden in die Elektromobilität Milliarden Euro investiert, vieles entwickelt sich weiter. Eine Datenanalyse von IPPEN.MEDIA zeigt, wo Deutschland jetzt steht - und wo es noch hapert.

Immer mehr Ladestationen für Elektroautos in Deutschland: Reichen sie?

Eine positive Nachricht zuerst: Die Zahl an öffentlich zugänglichen Ladepunkten in Deutschland* steigt immer weiter. Am 1. Juli 2021 existierten laut Bundesnetzagentur (BNetzA) über 45.500 Ladepunkte, die gemeldet waren und an denen jeweils ein E-Auto zur selben Zeit laden kann. Allein für sich sagt die Anzahl der Ladepunkte aber noch wenig aus. Interessanter ist, wie viele Elektroautos sich einen Platz teilen müssen. Und da hängen viele Landkreise und Städte den ambitionierten Zielen noch weit hinterher.

VDA-Ranking zum Ladenetz in Deutschland - Wie viele Autos teilen sich einen Ladepunkt?

Wie sieht es also in Deutschland mit den Lademöglichkeiten aus? Der Verband der Automobilindustrie (VDA) vergleicht in seinem aktuellen Ladenetz-Ranking von Ende November zum einen, wie viele E-Autos einem öffentlich zugänglichen Ladepunkt gegenüberstehen. Je kleiner der Wert pro Stadt oder Landkreis, desto besser. Als Elektroauto zählt dabei sowohl ein reines E-Auto als auch ein Plug-in-Hybrid, der Verbrennungs- und Elektromotor besitzt. Zum anderen schaut der Verband, wie viele Autos insgesamt in einem Zulassungsbezirk auf einen Ladepunkt kommen. Dieser Wert gibt vor allem Aufschluss darüber, wie attraktiv die Ladeinfrastruktur für den Umstieg auf ein E-Modell ist.

Die Spanne, wie viele E-Autos sich einen Ladepunkt teilen müssen, ist generell sehr groß: Beim Spitzenreiter Salzgitter sind es rund sechs Fahrzeuge, beim letztplatzierten Offenbach am Main hingegen 95. Die EU-Kommission* gab für 2020 einen Richtwert von maximal zehn E-Autos pro öffentlichem Ladepunkt aus: Nicht einmal zehn Prozent der untersuchten Regionen erreichen aktuell diese Empfehlung. In ganz Deutschland kommen laut VDA im Schnitt auf einen öffentlich zugänglichen Ladepunkt rund 21 Elektroautos. Und das Verhältnis verschlechtere sich sogar im Vergleich zu April 2021. Viele neue E-Autos, aber zu wenig neue Ladepunkte.

Spitzenregion im Ranking, aber trotzdem wenig E-Autos vor Ort?

Manche Regionen des Rankings können jedoch nicht ohne Einschränkung miteinander verglichen werden. In München zum Beispiel sind laut VDA viele Elektroautos im Bestand gewerblich zugelassen. Der regionale Wert sei damit nur begrenzt aussagekräftig, weil die Fahrzeuge möglicherweise in ganz anderen Regionen unterwegs sind und die dortige Ladeinfrastruktur nutzen. In den Spitzenregionen wiederum ist der E-Auto-Bestand teilweise noch recht klein. Dann reichen schon wenige Ladepunkte, um im Ranking gut abzuschneiden. Im Sinne des Klimaschutzes ist das aber nicht.

Beim zweiten Wert, bei dem alle Pkw in die Berechnung einfließen, ist die Spanne ebenfalls beachtlich: In der niedersächsischen Stadt Wolfsburg sind es 153 Autos pro Ladepunkt, in Neunkirchen im Saarland sind es hingegen 5450 Autos. Der Verband hält fest, dass auf den vorderen Plätzen eher Städte als ländliche Regionen liegen - besonders attraktiv sind Wolfsburg, Ingolstadt, Passau, Regensburg und Heilbronn. Darunter sind also auch wichtige Standorte der Automobilhersteller. Absolut gesehen ist das Angebot an öffentlichen Ladepunkten in Städten meist auch deswegen größer, weil E-Autofahrer seltener eine eigene Garage mit Lademöglichkeit besitzen.

Wichtig zu beachten bei all dem: Eine exakte Zahl für alle E-Ladepunkte lässt sich nicht ermitteln. Denn die Bundesnetzagentur führt nur öffentlich zugängliche Ladepunkte auf, die ab März 2016 in Betrieb genommen wurden und über eine gewisse Ladeleistung verfügen. Alle anderen werden wenn dann freiwillig gemeldet.

E-Autos in Deutschland: Deutlich mehr Neuzulassungen

Entscheidend für die Einordnung all dieser Werte ist, wie viele E-Autos überhaupt schon in einer Region fahren. Laut Kraftfahrtbundesamt gab es zum Stichtag 1. Oktober 2021 über 516.000 reine Elektroautos in Deutschland. Das ist ein Anteil von rund einem Prozent an allen Autos. Hinzu kommen rund 494.000 Plug-in-Hybride.

Und die Zahlen steigen. Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein reines E-Auto*. Das wird an den Pkw-Neuzulassungen deutlich. Von Januar bis Oktober 2021 betrug der E-Auto-Anteil an der Neuzulassung aller Pkw rund zwölf Prozent. Im Vergleich zu diesem Zeitraum im Jahr 2020 wuchs die Zahl der neuen E-Autos um rund 120 Prozent.

E-Mobilität in Deutschland: Ost-West-Unterschied sichtbar

Mancherorts sieht es dennoch um einiges schlechter aus als anderswo, was den E-Auto-Bestand angeht. Vor allem in den östlichen Bundesländern fallen helle Stellen auf der Karte auf. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz im Süden Brandenburgs beispielsweise ist nur jedes 156. Auto ein Elektroauto. In den Regionen um München, Stuttgart, Frankfurt am Main oder Düsseldorf fahren mehr Elektroautos. In Wolfsburg ist sogar jeder 11. Pkw ein E-Auto, wobei erneut viele gewerblich zugelassen sind.

Verkehrsreferent zu Ladestationen für E-Autos: „Sehr ungleichmäßiger Ausbau“

Ähnliche Resultate ergeben sich bei der Anzahl an Lademöglichkeiten: „Es findet ein sehr ungleichmäßiger Ausbau statt“, sagte Gregor Kolbe, Verkehrsreferent der Verbraucherzentrale, im Gespräch mit IPPEN.MEDIA*. In Großstädten sowie an viel befahrenen Autobahnen sehe es recht gut aus, in ländlichen Gebieten wie Mecklenburg-Vorpommern oder in Teilen Niedersachsens hingegen schlechter. Trotz Fortschritten müsse bei der Anzahl der Lademöglichkeiten noch viel passieren.

Wie stark der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur vorangehen soll, hängt unter anderem davon ab, wie vielen E-Autofahrern private Ladeoptionen zur Verfügung stehen. Denn wer sein Auto zu Hause laden kann, braucht deutlich seltener einen öffentlichen Ladepunkt anzufahren. Heißt: Wenn es viele private Ladestationen gibt, sind weniger öffentliche nötig. Eine Studie der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums betrachtete hierzu mehrere Szenarien. Am Ende kam heraus: 2030 liege der Bedarf je nach Entwicklung zwischen mindestens 440.000 und 843.000 öffentlich zugänglichen Ladepunkten. Im sogenannten Masterplan Ladeinfrastruktur der alten Bundesregierung steht sogar das Ziel von einer Million öffentlicher Ladepunkte geschrieben. Und wie viele E-Autos sollen dann auf den Straßen fahren? Laut Regierung sollten es 14 Millionen sein.

Ausbau der Ladepunkte für E-Autos: Deutschland hat noch viel vor

Der Weg dorthin ist noch weit. Verliefe der Ausbau der Ladepunkte wie zwischen 1. Juli 2020 und 1. Juli 2021 weiter, würde selbst der genannte Minimal-Bedarf von 440.000 Ladepunkten für 2030 bei weitem nicht erreicht werden. Die folgende Grafik zeigt, wie groß die Kluft ist - modellhaft unter der Bedingung, der Ausbau würde gleichbleibend verlaufen.

Der aktuelle Zuwachs reicht also keinesfalls aus. Bis 2030 aber könnte der Fortschritt der Technik eventuelle Defizite etwas auffangen. Zum Beispiel werden Schnellladepunkte in den Fokus rücken: Dort können im Vergleich zu Normalladepunkten mehr Autos in der gleichen Zeit aufgeladen werden. Auch um höhere Reichweiten der Elektroautos bemühen sich Autobauer weiterhin.

E-Autos aufladen: Verbraucherzentrale weist auf Probleme hin

Alle genannten Zahlen sollen zeigen, wo Deutschland bisher steht. Letztendlich ist für den Autofahrer im Alltag aber auch entscheidend, ob eine Station überhaupt frei ist. Wie ausgelastet Ladestationen tatsächlich sind, dazu gaben angefragte Betreiber jedoch aus Wettbewerbsgründen keine Daten heraus, sodass diese Frage offen bleibt. Hinzu kommt das Problem, dass nicht alle Ladestationen auch für jeden Interessenten infrage kommen. Darauf weist Gregor Kolbe von der Verbraucherzentrale hin. Teilweise seien die Verfahren, um den Ladevorgang zu starten, sehr kompliziert. Manche Stationen gehörten nicht zum abgeschlossenen Ladevertrag, Ladekarten oder -apps würden nicht akzeptiert, laden sei unter Umständen teuer und der Preis vorab nicht transparent einsehbar. Die reine Anzahl an Lademöglichkeiten ist also nur ein erster Schritt. (cibo) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Unsere Daten, Quellen und Methoden

Die Bundesnetzagentur (BNetzA) veröffentlicht Daten zu öffentlich zugänglichen Normal- und Schnellladepunkten. Jedoch gibt es Einschränkungen: Normalladepunkte mit Inbetriebnahme vor dem 17. März 2016, als die Ladesäulenverordnung in Kraft trat, sowie Ladepunkte mit bis zu 3,7 kW Ladeleistung werden von der Anzeigepflicht nicht erfasst. Wie stark die Aussagekraft der Zahlen damit eingeschränkt und wie groß die Dunkelziffer ist, lässt sich nicht klar sagen. Zu privaten Ladepunkten hat die Bundesnetzagentur ebenfalls keine Daten.

Die Ergebnisse des aktuellen Ladenetz-Rankings des Verbands der Automobilindustrie (VDA) beruhen auf Daten der BNetzA und des Kraftfahrtbundesamts vom 1. Oktober 2021. Weimar erhält dabei im offiziellen Ranking zu E-Autos pro Ladepunkt keine Platzierung, da es viele E-Autos wegen Carsharing-Anbietern gebe. Der Wert werde so nach oben verzerrt. Neben dem Verhältnis Autos zu Ladepunkt weist der VDA auch absolute Zahlen an E-Auto-Beständen und Pkw-Beständen für die Landkreise und Städte aus. Diese Werte wurden für die Darstellung in einer Deutschlandkarte pro Region ins Verhältnis gesetzt.

Um zu berechnen, wie stark der Ausbau der Ladeinfrastruktur für den von der Studie der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur (2020) ermittelten Bedarf vorangehen muss, wurden halbjährliche Zwischenstände bestimmt. Diese beruhen auf der Bedingung, dass jedes halbe Jahr gleich viele neue öffentliche Ladepunkte hinzukommen.

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