Energie heizt Inflation an: Preisexplosion wirkt wie Steuererhöhung

Frankfurt - Für die deutsche Wirtschaft gibt es immer neue Hiobsbotschaften. Fast jeden Tag erreicht der Ölpreis einen neuen Rekordstand. Mit 139 Dollar pro Barrel (159 Liter) hat Öl inzwischen ein Niveau erreicht, das früher als apokalyptisch für die Wirtschaft galt.

Gleichzeitig klettern die an den Ölpreis gekoppelten Gaspreise. Die Rekordjagd verteuert für Verbraucher das Tanken und Heizen. Die Unternehmen stöhnen unter der Last der Energiekosten für die Produktion und sehen sie als größte Gefahr für die Konjunktur. Nun warnen die Energieminister der sieben größten Industrienationen und Russlands (G8) vor einer globalen Rezession. Doch ganz so schlimm wird es nach Ansicht von Ökonomen nicht kommen.

"Die hohen Ölpreise stellen zwar eine Belastung für die deutsche Wirtschaft dar, die Gefahr einer Rezession sehe ich deswegen aber nicht", sagte Konjunkturexperte Michael Bräuninger vom Hamburgischen WeltWirtschafts Institut (HWWI). Die Ölpreise heizen die Inflation seit Monaten an - zuletzt auf drei Prozent in Deutschland.

In diesem Jahr ist Energie für einen Prozentpunkt der Teuerung verantwortlich. Das wirkt wie eine Steuererhöhung und entzieht den Verbrauchern massiv Kaufkraft. Der private Konsum, der in diesem Jahr zum Wachstumsmotor werden sollte, wird von der hohen Teuerung ausgebremst.

Klar ist, dass die Verteuerung der Energie eine Wachstumsbremse für die Wirtschaft ist. Die Commerzbank beziffert den Effekt auf 0,5 Prozentpunkte des Wachstums, die in diesem Jahr fehlen werden. Das fällt aber kaum auf, weil die Wirtschaft wegen Sondereffekten einen Superstart ins Jahr mit 1,5 Prozent Zuwachs hingelegt hat und 2008 wohl um rund zwei Prozent zulegen kann.

Doch 2009 wird es einen deutlichen Bremseffekt geben. "Die deutsche Wirtschaft wird von zwei Seiten in die Zange genommen", sagt der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. "Der Euro-Anstieg bremst die Exporte und der Ölpreis-Anstieg belastet die Konsumenten."

Konjunkturforscher Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) erwartet ein "weiteres Leidensjahr" beim Konsum. "Trotz der guten Arbeitsmarktentwicklung und außergewöhnlicher Lohnsteigerungen kommt der Konsum einfach nicht in Fahrt." Beim Maschinenbau als deutsche Schlüsselindustrie lassen die Aufträge nach. "Ein Unternehmen kann sein Geld nur einmal ausgeben - wenn es höhere Energiekosten hat, fehlt das Geld für Investitionen", sagt Volkswirt Ralph Wiechers vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Pessimisten sehen bereits die Stagflation, den Alptraum jeder Volkswirtschaft am Horizont aufziehen. Darunter versteht man eine Phase mit geringem oder keinem Wirtschaftswachstum (Stagnation) und gleichzeitiger Preissteigerung (Inflation). Doch da sind die Ökonomen zuversichtlich. Bislang hat die Wirtschaft den Ölpreisschock besser verkraftet als befürchtet. Die deutsche Volkswirtschaft ist längst nicht mehr so abhängig vom Öl wie in Zeiten der Ölkrise der 1970er-Jahre. Die Firmen produzieren inzwischen energiesparender.

Der starke Euro mildert im Euroraum den Preisanstieg bei Öl, das hauptsächlich in Dollar abgerechnet wird. Dämpfend wirkt sich auch das sogenannte Recycling von Petrodollars aus. Die Milliarden, die Deutschland an die Ölförderländer überweist, fließen hierher zurück. Die Ölproduzenten kaufen dafür deutsche Produkte wie Maschinen, Autos oder Anlagen. "Hier ist Deutschland als Hersteller von Anlagebauten besonders gut aufgestellt", sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft.

Ein Ende der Energiepreisexplosion ist nicht in Sicht. Experten halten einen weiteren Anstieg der Ölpreise auf 150 Dollar für gut möglich. 2007 hat sich das "schwarze Gold" im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent verteuert. Der Preis werde wegen einer nachlassenden Nachfrage und der konjunkturellen Abschwächung aber nur temporär so hoch sein, meint der Chefvolkswirt der Dresdner Bank/Allianz, Michael Heise. "Wenn der Ölpreis dauerhaft bei 150 Dollar bleiben würde, kämen wir trotz aller Robustheit der Konjunktur in eine Rezession."

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