Die Solarbranche profitiert vom Atomausstieg. Doch viele Anlagen kommen aus China. Am Verkauf und der Montage verdienen aber heimische Handwerksbetriebe. Foto: ddp

Energie-Wende: Wer verdient am Atomausstieg?

München - Der Atomausstiegs-Beschluss der Bundesregierung wird auch die Gewichte in der deutschen Industrie verändern. Wer gewinnt, wer verliert?

Kurse der Solaraktien und von Windkraftunternehmen machten sichtbar einen Freudensprung. Die klassischen Energieversorger - schon in den letzten Jahren keine wirklichen Börsen-Überflieger - wurden durch die schwarz-gelbe Energiewende noch tiefer ins Tal der Tränen gedrückt. Die ersten Reaktionen auf den Ausstiegsbeschluss folgten den bekannten Mustern. Doch hält das an? Oder müssen Anleger, die jetzt auf den Zug aufspringen, mit überraschenden Bremsmanövern rechnen? Experten bleiben vorsichtig.

Erfahrene Börsianer haben häufig eine Skepsis gegenüber kurzfristigen Trends entwickelt. So Gottfried Heller, Gründer und langjähriger Chef der Fiduka-Depotverwaltung. Er blickt lieber auf die Fundamentaldaten der Unternehmen und sieht in den hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse der Solar- und Windkraftunternehmen ein Alarmsignal. Das bedeutet: Die Aktien sind ihm, gemessen an der Ertragskraft der Unternehmen, bereits zu teuer.

Und es ist wirklich nicht alles Gold, was unter der Sonne glänzt. Die dramatischen Preissenkungen bei Solaranlagen haben auch damit zu tun, dass sie zunehmend billig aus chinesischer Produktion kommen. Darunter leiden die heimischen Konkurrenten, bei denen der Druck auf die Margen wächst. „Der Umstieg in Deutschland kommt nicht nur deutschen Solarfirmen, sondern zunehmend auch chinesischen zugute“, sagt Tobias Just vom Research der Deutschen Bank. Das spricht nicht für Solarunternehmen. Man muss also, um als Anleger am Boom teilzuhaben, eine Stufe weiter denken: Investieren in Unternehmen, die den chinesischen Solar-Unternehmen die Maschinenparks liefern. Darin sieht auch Just eine Möglichkeit.

Die Kernkraftwerks-Kapazitäten gehen in gut zehn Jahren vom Netz. Und rund zehn Gigawatt Kraftwerksleistung sind nach den Worten von Tobias Just zu ersetzen. Davon profitieren nicht nur die unmittelbaren Kraftwerksbauer, sondern auch zahlreiche Zulieferer. So verdient beispielsweise MAN am Windenergieboom, weil die Tochter Renk Getriebe für die gewaltigen Windkraftanlagen zuliefert.

Doch auch andere Ausrüster gehören zu den Gewinnern des Atomausstiegs. Die Baubranche wird durch den künftigen Bedarf an Wasserkraftspeichern verdienen. Denn dazu müssen gewaltige Erdmassen bewegt, Fundamente gegossen, Becken gebaut werden. Auch beim Bau neuer Leitungstrassen ist die Baubranche dabei. Oder bei der Errichtung neuer Kraftwerke. Nur, dass diese nicht mehr mit Uran betrieben werden, sondern vermehrt durch Kohle oder Gas. Gottfried Heller sieht dabei beispielsweise die Hersteller etwa von Gasturbinen als Profiteure, er nennt an erster Stelle Siemens oder ABB.

Auch Erbauer und Betreiber von Gaspipelines nennt Just als Beispiel von Unternehmen, die an der Energiewende verdienen werden. Denn nun ist klar: Die Brückentechnologie werden nun fossile Brennstoffe. Gas ist von diesen noch der klimafreundlichste.

Dabei gibt es auch viele Entwicklungen, die ganz in den Anfängen stecken. Weder bei der Abscheidung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid oder dessen Verarbeitung zu neuem Brennstoff lässt sich schon absehen, wer am Ende daran verdient. Für Anleger, die nicht voll ins Risiko laufen wollen, dürften sich hier deshalb erst mittelfristig Perspektiven ergeben - ebenso bei der Erforschung und Ausbeutung bislang nicht nutzbarer Erdgasquellen - etwa von Schiefergas.

Was den großen Versorgern derzeit an den Aktienmärkten zu schaffen macht, ist die völlig unerwartete Beibehaltung der Brennelementesteuer. Diese Entscheidung werde dazu führen, „dass die Gewinnziele der klassischen Versorger revidiert werden müssen“, erwartet Manfred Bucher von der BayernLB. So ist es kein Wunder, dass die Betroffenen, die diese Steuer als Gegenleistung für die längeren Kernkraftwerkslaufzeiten geschluckt hatten, nun dagegen vor Gericht ziehen.

Heller rechnet damit, dass RWE und Eon, auch nach dem Atomzeitalter gute Geschäfte machen werden. Sie werden seiner Einschätzung nach mit ihren Erfahrungen gebraucht, um langfristig die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. So kehrte m Dienstag auch für viele Anleger die Normalität zurück: Eon gewannen bis zum Schluss des Xetra-Handels um 0,92 Prozent auf 19,74 Euro. Ebenso RWE mit plus 0,55 Prozent auf 40,53 Euro. Dagegen rauschte die gerade wieder angesagte Solarworld-Aktie um 2,96 Prozent auf 9,36 Euro nach unten. Der Windanlagenbauer Nordex profitiere deutlich davon, dass nun mittelfristig mehr Windkraftanlagen auch auf hoher See gebraucht werden: Plus 4,79 Proeznt auf 7,13 Euro.

Und schließlich verdient das Handwerk: An der verstärkt geförderten Gebäudesanierung, der Montage von Solaranlagen und am Einbau neuer, effektiverer Heizungen.

Martin Prem

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