RWE & Co in der Misere

Energiekonzerne: Riesen am Abgrund

München - Sie waren die Säulen der deutschen Wirtschaft. Doch Energiewende und Missmanagement haben die Stromkonzerne RWE und Eon in die Misere gestürzt. Nun versuchen sie zu retten, was noch zu retten ist.

Im Jahr 1996 demonstrierte der Energiekonzern RWE seine Macht. Am Essener Opernplatz wurde die neue Konzernzentrale fertiggesellt. Ein runder Turm, 30 Etagen, 32 Meter Durchmesser, 127 Meter hoch. Sogar 162 Meter, zählt man die Antenne mit. Höchstes Gebäude des Ruhrgebiets – und Symbol des Anspruchs einer ganzen Branche. Die Kassen bei Deutschlands Stromgiganten waren prall gefüllt.

Heute, 19 Jahre später, steckt RWE in der schwersten Krise seiner Geschichte. Sein preisgekröntes Gebäude verkaufte das Unternehmen im vergangenen Jahr. Der Gewinn brach ein. Die Strompreise sind im Keller, konventionelle Kraftwerke verdienen kaum noch Geld. „Das Unternehmen geht durch ein Tal der Tränen“, sagte Konzernchef Peter Terium kürzlich. Dem Konkurrenten Eon geht es kaum besser. Der Konzern hat gerade im konventionellen Kraftwerkspark 8,3 Milliarden Euro abgeschrieben.

Stromriesen wollen freien Fall stoppen

Den freien Fall wollen die schwer wankenden Stromriesen nun stoppen. Eon hat schon vor einem Jahr beschlossen, sein Geschäft aufzuspalten. Konventionelle Kraftwerke gehen in die neue Gesellschaft „Uniper“ über, die profitablen Geschäftsfelder verbleiben im Konzern. RWE legt nun nach. Erneuerbare Energien, Vertrieb und Stromnetze will der Konzern in eine neue Gesellschaft auslagern (wir berichteten). Vor allem die mächtigen Vertreter der beteiligten nordrhein-westfälischen Kommunen sind noch nicht überzeugt.

Es ist der Versuch, die Abwärtsspirale aufzuhalten. Bis in dieses Jahrzehnt hinein galten die beiden größten deutschen Stromversorger als unantastbare Schlüsselkonzerne. Ihre Krise ist ein Lehrstück darüber, wie die Politik Branchen noch immer umwälzen kann. Aber auch wie Missmanagement in kurzer Zeit an den Abgrund führt.

Jahrelanges Monopol

Das Geschäft geriet schon 1998 unter Druck. Jahrzehntelang konnten sie als Gebietsmonopolisten die Preise quasi selbst bestimmen – bis die EU den Strommarkt liberalisierte. Die Garantiegewinne waren passé. Noch härter traf die Konzerne, die mit ihren Atomkraftwerken jahrzehntelang horrende Gewinne einfuhren, die deutsche Politik. 2000 hatte die rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bevorzugte sie Strom aus Wind und Sonne. „Das war Strukturwandel mit Ansage“, sagt der Gelsenkrichener Energie-Ökonom Heinz-Josef Bontrup, der die Konzerne für Greenpeace untersucht hat. Doch statt sich anzupassen, klagten die Stromriesen. Ein Abwehrkampf, den sie vor dem Europäischen Gerichtshof verloren.

Trotzdem nahmen die Konzerne die Erneuerbaren lange nicht ernst. Sonnenstrom in Deutschland zu nutzen sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“, spottete der frühere RWE-Chef Jürgen Großmann. Ihre Milliardengewinne investierten die Großkonzerne zu großen Teilen im Ausland, kauften konventionelle Kraftwerke in Spanien, Ungarn, Russland. „Die haben die Erneuerbaren Energien immer für Fliegenschiss gehalten“, kritisiert Bontrup. „Ein Managementversagen, das sprachlos macht.“ Selbst RWE-Chef Terium räumt Fehler seiner Vorgänger ein: „Viele haben den Kopf in den Sand gesteckt und auf bessere Zeiten gehofft.“

2010: Erleichterung für die Konzerne

Die Sache schien sich ja zwischenzeitlich auch von selbst zu regeln. 2010 beschloss Schwarz-Gelb, die Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Erleichterung in den Konzernen. „Alles, was uns jetzt noch passieren kann, ist ein Gau“, soll ein Topmanager geäußert haben – und der Gau kam. Im März 2011 havarierte der Atomreaktor in Fukushima. Die Bundesregierung ließ die acht ältesten Meiler gleich vom Netz nehmen. Spätestens 2022 soll nun das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Was der Rückbau die Konzerne kostet, ist noch längst nicht ausgemacht.

Doch nicht nur Atomkraftwerke, sondern auch Kohle- und Gaskraftwerke lohnen sich kaum noch. Gehandelt wird an der Börse als erstes der am günstigsten produzierte Strom (Merit-Order-Effekt). Da Wind und Sonne nichts kosten, ist das Ökostrom – auch wenn die Erzeuger zusätzlich die EEG-Umlage einstreichen. Erst dann kommen Kohlekraftwerke, erst danach Gaskraftwerke zum Zug. Bitter für RWE und Eon. Die Kraftwerksleistung von RWE setzt sich zu mehr als drei Vierteln aus Kohle- und Gasmeilern zusammen, bei E.on zu zwei Dritteln. Erneuerbare tragen bei RWE nur zu acht Prozent bei, bei Eon immerhin schon zu 14 Prozent.

Immer weniger Geld mit Gas und Kohle

Doch selbst wenn Kohle- und Gaskraftwerke noch laufen – Geld verdienen sie immer weniger. Gleich mehrere Trends drücken die Börsenstrompreise in den Keller. Wegen der Wirtschaftskrise in Europa ging die Nachfrage zuletzt zurück. Und in Deutschland, wo die Konjunktur läuft, wird effizienter produziert. Der geringen Nachfrage steht das rasant wachsende Angebot an Ökostrom gegenüber. Keine guten Zeiten für die Großkonzerne – zumindest in ihrer bisherigen Form.

Die nun eingeschlagene Vorwärtsstrategie halten Analysten für den einzig erfolgversprechenden Weg. „Natürlich wäre es sinnvoll gewesen, schon früher umzusteuern“, sagt Michael Schäfer, Energieexperte der Investmentbank Equinet. Müßig darüber zu streiten, meint er. Der jetzige Umschwung sei jedenfalls „ein Befreiungsschlag, der alternativlos erscheint“.

Til Huber

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