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Der kühle Herbst bremst den Spareifer: Gasverbrauch zuletzt wieder deutlich gestiegen

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Von: Marc Beyer

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Ein Mann mit Kind dreht die Heizung auf. Wenn die Temperaturen im Herbst fallen, wird es ohne Heizung schnell ungemütlich.
Wenn die Temperaturen im Herbst fallen, wird es ohne Heizung schnell ungemütlich. © Ute Grabowsky/Imago

Sparen beim Heizen - eine schöne Theorie. Doch wenn es immer kälter wird, sehen die Bürger wohl keine Alternative. Das schlägt sich in den Zahlen nieder.

München – Der August bot nicht nur am Himmel einen schönen Anblick. Das Wetter war stabil, die Temperaturen hoch, und das Letzte, woran man als ganz normaler Gaskunde denken musste, war das Aufdrehen der Heizung. Das zeigte sich auch in den Statistiken. Verglichen mit den Zahlen der vergangenen Jahre lag der Gasverbrauch in Deutschland bis zu 20 Prozent niedriger (alles zur Gaspreisbremse).

Dass jeder Einzelne einen Beitrag zur Bewältigung der Energiekrise leisten kann, ob mit kürzerem Duschen oder sparsamem Heizen, ist längst Allgemeinwissen. In der Praxis allerdings scheinen sich die guten Vorsätze nicht immer durchzusetzen. Kaum lässt der Herbst die Temperaturen sinken, schnellt der Verbrauch in die Höhe.

Mitte der Woche lag er plötzlich um ein Prozent über dem Schnitt. Das ist zwar kein exakter Wert, weil bei Privatkunden und Kleinbetrieben nur in großen Abständen gemessen wird, oft nur einmal im Jahr, und die Netzbetreiber deshalb eine Modellrechnung aufstellen. Aber er gibt eine Tendenz wieder.

Bundesnetzagentur nennt die Verbrauchszahlen von zuletzt „sehr ernüchternd“

Tatsächlich ist bei Kleinkunden der Energieverbrauch zuletzt gestiegen. Und das zu stark, wie die Bundesnetzagentur gestern mit deutlichen Worten bemängelte. Allein vergangene Woche habe der Verbrauch mit 483 Gigawattstunden um 14,5 Prozent über dem Durchschnitt dieser Woche von 2018 bis 2021 gelegen. Die Agentur nennt diese Zahlen „sehr ernüchternd“. Ohne massive Einsparungen auch im privaten Bereich werde es „schwer, eine Gasmangellage im Winter zu vermeiden“, sagte ihr Präsident Klaus Müller.

Vor allem das bisher garstige Herbstwetter hat den Spareifer der Kleinhaushalte empfindlich eingebremst. In diesem Segment, das für rund 40 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland verantwortlich ist, seien die Zahlen „sehr stark temperaturabhängig“, sagt Moritz Hoheisel vom Trading Hub Europe (THE), dem Zusammenschluss der Netzbetreiber in Deutschland. Das Sparpotenzial beschränkt sich auf die kleinen Maßnahmen – die Dusche oder die Heizung. Ganz anders ist es bei den Industriekunden, die seit Monaten darauf bedacht sind, im großen Stil Energie einzusparen. Ihre Zahlen lagen im August um 22 Prozent unter dem Mittelwert der letzten Jahre, vergangene Woche sogar um 30.

Die deutschen Gasspeicher sind mittlerweile zu 91,5 Prozent gefüllt

Noch eine andere Zahl belegt, wie sich der Umgang mit dem Thema Erdgas auf den verschiedensten Ebenen geändert hat. Die deutschen Gasspeicher sind mittlerweile zu 91,5 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr um diese Zeit, als Russland noch als vertrauenswürdiger Lieferant galt, waren es lediglich 67. Entwarnung bedeutet das für die Gasversorgung allerdings nicht. Selbst wenn die Speicher randvoll wären, würde die Menge nur ausreichen, um Deutschland zwei Monate zu versorgen.

Ums Energiesparen wird das Land – neben der Sicherung von Importen und dem Ausbau der Flüssiggas-Infrastruktur wie den LNG-Terminals – in den nächsten Monaten nicht herumkommen. „Da wird es auf jeden Einzelnen ankommen“, ahnt Netzagentur-Chef Müller. Um 20 Prozent müsse der Verbrauch gesenkt werden, um eine Mangellage zu verhindern.

Wenn der Winter anbricht und Heizen das alles beherrschende Thema ist, wird sich zeigen, wie ausgeprägt der Sparwille der Haushaltskunden tatsächlich ist. „Da drehen sie erst auf – oder eben nicht“, sagt Hoheisel. Die Bundesnetzagentur jedenfalls veröffentlicht ab sofort wöchentlich ihre Zahlen zum Gasverbrauch von Haushalten und Industrie. Man kann das als Service und Orientierungshilfe verstehen. Aber auch als eindringliche Mahnung. MARC BEYER

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