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Energiekrise: Warum der Gaspreis plötzlich wieder sinkt

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Von: Matthias Schneider

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Symbolbild steigende Energiepreise.
Die Gaspreise sind binnen weniger Tage wieder stark gesunken. (Symbolfoto) © Roman Möbius/Imago

Die Börsenpreise für Gas haben ihre jüngste Achterbahnfahrt binnen weniger Tage mit einem tiefen Fall von rund 45 Prozent beendet. Analysten erwarten weitere große Preisstürze.

München – Lange Jahre galt in Europa ein Gaspreis von 20 Euro pro Megawattstunde als normal. Infolge der Post-Corona-Erholung kletterte das Niveau bis Dezember 2021 um bald das Zehnfache auf über 190 Euro, um sich dann wieder deutlich zu entspannen. Mit dem Einmarsch Putins in der Ukraine wurden auch Phantasiepreise von 200 Euro gezahlt, um schließlich – infolge Russlands Drohgebärden am Gashahn – bei irrwitzigen 346 Euro zu enden. Doch jetzt – binnen weniger Tage – fiel der Gaspreis drastisch auf das Juli-Niveau von knapp über 180 Euro – was ist hier geschehen?

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Energiekrise: Gaspreise fallen um 45 Prozent - wie ist das möglich?

„Der Markt reagiert aktuell sehr volatil und sehr sensibel auf tagesaktuelle Ereignisse“, erklärt Philipp Hench, Projektingenieur bei der Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft. Denn am Gasmarkt seien nur wenige große Händler aktiv. Das verstärke die extremen Schwankungen. „Das Herabsenken der Gasflüsse durch Nord Stream I auf null Prozent der Leistung auf unbestimmte Zeit hat bei den jüngsten Ausschlägen sicher eine Rolle gespielt“, so Hench.

Die Angst vor einem physischen Gasmangel trieb die Preise in ungeahnte Höhen. Das funktioniere aber auch in die andere Richtung: „Die Bundesregierung konnte die Speicher schneller füllen als erwartet und damit die Angst vor einer Gasmangellage erheblich dämpfen“, so Philipp Hench. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen die Preise zu fallen. „Hier gibt es einen zeitlichen Zusammenhang, den wir wissenschaftlich bei diesen volatilen und sensiblen Märkten aber nicht zweifelsfrei belegen können“, so Hench. Das Wirtschaftsministerium erwartet, dass die Gasspeicher im Februar noch zu 40 Prozent gefüllt sein könnten – je nachdem wie streng der Winter wird.

Gaskrise: Volle Speicher in Deutschland entspannen den Markt

Zahlen, die auch die Analysten der Großbank Goldman Sachs zuversichtlich stimmen: „Die TTF-Preise werden den Winter über weiter fallen“, heißt es in einem aktuellen Bericht der US-Banker. Dort erwartet man Preise von 100 Euro im ersten Quartal 2023. Eine kleine Sensation, hatten sich die Terminkontrakte doch wochenlang bis in den April auf knapp der doppelten Höhe bewegt. Für die Analysten nehmen die vollen deutschen Speicher Stress aus dem Markt. Denn jetzt ist klar, dass die Bundesrepublik im Winter nicht mehr jeden Preis bezahlen muss, sondern günstigere Phasen abwarten kann.

Dennoch befindet sich Deutschland in einer Energiekrise. Wie der Ukraine-Krieg und dessen Folgen den Alltag der Menschen trifft. Auch Wladimir Putins Möglichkeiten sind inzwischen begrenzt: Nur noch neun Prozent der europäischen Gaslieferungen stammen aus Russland, Deutschland bekommt nur noch „homöopathische Mengen“, wie Wirtschaftsminister Robert Habeck kürzlich vermeldete. Kurzum: Schlimmer kann es kaum werden, deshalb beruhigen sich die Gaskäufer gerade wieder etwas.

Für die Verbraucher ist die Spitze aber noch nicht erreicht: „Das hohe Preisniveau ist noch nicht vollständig bei den Verbrauchern angekommen. Es ist realistischer, dass sich die Endkunden mittelfristig nach Auslaufen der langfristigen Kontrakte ihrer Energieversorger auf ein deutlich höheres Preisniveau einstellen müssen“, warnt Philipp Hench. Im Notfallplan Gas könnte schon bald die Alarmstufe ausgerufen werden - mit weitreichenden Folgen für Verbraucher.

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