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Mit Styropor an der Fassade lässt sich ein Haus am kostengünstigsten dämmen. Es sei 30 bis 40 Prozent billiger als etwa Holzfaser, sagt Energieberater Hanno Lang-Berens.

Das Energiespar-Dilemma

München/Berlin - Beim Energiesparen läuft für die Regierung einiges schief. Schon wird spekuliert, ob mehr Druck für Hausbesitzer zum Sanieren und Heizkesseltausch helfen könnte, den Verbrauch zu drosseln.

Die Vision sieht so aus: Bürger dämmen Dächer und Wände, tauschen zugige Fenster und alte Heizkessel aus. Sie sparen so bis zu 70 Prozent Energie und tragen dazu bei, dass die Folgen des Atomausstiegs abgefedert werden und weniger Netze und Kraftwerke nötig sind. Doch die Realität sieht anders aus, von einer Verdopplung der Quote bei energetischen Gebäudesanierungen auf zwei Prozent jährlich ist die Regierung weit entfernt. Hilft nur noch mehr Zwang?

Eine entsprechende Überlegung im Bundesumweltministerium treibt die Immobilienwirtschaft auf die Barrikaden, auch der zuständige Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) fordert, dass die Idee wieder in der Schublade verschwinden soll. „Wir dürfen Wohnungseigentümer und Mieter nicht überfordern“, betont Ramsauer.

Das Problem jedoch ist klar: Von 18 Millionen Gebäuden in Deutschland wurden fast 13 Millionen vor 1979 gebaut, also vor der ersten Wärmeschutzverordnung. Rund 70 Prozent dieser Gebäude haben nach Berechnungen der Deutschen Energie-Agentur (dena) keine Dämmung. Das wäre an sich nicht schlimm, schließlich hat man Jahrzehnte gut damit gelebt. Doch nun rückt nicht nur der Klimaschutz in den Fokus, sondern auch die Preise für Gas und Öl sind extrem gestiegen. Viele Bürger ächzen unter satten Heizkosten, der Großteil der Energie wird für das Heizen und für warmes Wasser gebraucht, in Wohngebäuden bis zu 80 Prozent. Im vergangenen Jahr hatten Millionen Deutsche teils drastische Nachzahlungsforderungen im Briefkasten, dieses Jahr dürfte es ähnlich sein.

Während bei der Energiewende fast nur über Strom geredet wird, bleibt der Wärmebereich oft unberücksichtigt. Und genau hier könnte die Wende scheitern – nicht nur wegen fehlender Einsparungen. Der Ökoenergie-Anteil beim Strom stieg 2011 um vier auf 20,1 Prozent, im Wärmesektor fiel er um 0,2 auf 9,4 Prozent. Die Regierung setzt bisher vorrangig auf Einsparmodelle, doch hier fehlt derzeit viel Geld für die Förderung. Statt 1,5 Milliarden Euro stehen 2012 bisher nur 900 Millionen Euro zur Verfügung. Bei mehr Zwang und weiterhin so wenig Fördergeld könnte es gerade für Mieter zu Preisexplosionen kommen, da die Kosten auf die monatliche Miete umgelegt würden.„So viel Heizkosten kann man gar nicht sparen, dass sich das auch für Mieter rechnen würde“, sagt Beatrix Zurek, Vorsitzende des Münchner Mietervereins. Sie fordert, dass die Umlage von Modernisierungskosten ganz entfallen sollte.

Weiteres Problem: Ein neben dem Förderprogramm für zinsgünstige Kredite geplanter Steuerbonus liegt seit Monaten auf Eis, weil die Länder den Großteil der Steuerausfälle von 1,5 Milliarden Euro nicht übernehmen wollen (wir berichteten). Ramsauers Ministerium zufolge könnten mit dem Bonus bei Sanierungskosten von 70 000 Euro bis zu 21 000 Euro vom Finanzamt zurückgeholt werden.

Viele Bürger zögern angesichts der unklaren Rahmenbedingungen derzeit beim gewünschten Sanieren. Ob ein gut verpacktes, abgeschirmtes Haus wirklich ideal ist, auch darüber gehen die Meinungen auseinander – besonders bei Altbauten. Kann man wirklich ausschließen, dass die in die Jahre gekommene Bausubstanz keinen zusätzlichen Schaden nimmt durch eine moderne Styroporschicht auf der Fassade? „Schäden, wie feuchte Wände, entstehen nicht durch die Dämmung, sondern durch Baumängel“, sagt Hanno Lang-Berens, Energieberater der Verbraucherzentrale Bayern. Undichte Stellen im Mauerwerk oder in Wasserleitungen müssten daher vor dem Einhüllen gesucht und behoben werden. „Dann spart eine Wärmedämmung nicht nur Energie, sondern schützt auch die Fassade“, sagt Lang-Berens.

G. Ismar und S. Backs

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