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Der Speichersee auf dem Jochberg – hier ein Entwurf – wäre etwa so groß wie der Weßlinger See, der kleinste der fünf Seen des Fünfseenlandes. Im Vordergrund der Walchensee, hinten der Kochelsee.

Experte der TU München warnt

„Energiewende scheitert ohne Pumpspeicher“

München - Die Energiewende kann ohne Pumpspeicherkraftwerke – wie am Jochberg geplant – nicht klappen, sagt der Energiewirtschaftsexperte Thomas Hamacher. Für eine stabile Energieversorgung müssten es sogar mehrere sein.

Thomas Hamacher hat eine ferne Vision: Eine Versorgung Europas mit erneuerbarer Energie. Sie wäre unter dem Strich leichter zu bewältigen als die kleine deutsche Energiewende. Denn es kann einmal passieren, dass in Deutschland weitgehend Flaute herrscht und die Windräder fast nichts liefern. In ganz Europa wird das kaum eintreten.

Ein großes System macht es leichter

Thomas Hamacher ist Professor für Energiewirtschaft an der TU München.

„Ein großes System macht es leichter“, sagt der Professor für Energiewirtschaft und Anwendungstechnik an der TU München. Die Schwankungen des Windes lassen sich europaweit über ein entsprechend ausgebautes Leitungsnetz besser ausgleichen als nur in Deutschland. Doch die Wirklichkeit ist nicht für Visionen gemacht, und schon die Strombrücke, die den norddeutschen Windstrom nach Bayern liefern soll, ist heftig umstritten. So bleibt Bayern nicht viel übrig, als die energiepolitischen Hausaufgaben in erster Linie daheim im Freistaat zu bewältigen. Denn gemacht werden müssen sie. Da ist sich Hamacher sicher. Die erfolgreiche wirtschaftliche Aufholjagd Bayerns seit Kriegsende habe auch damit zu tun gehabt, dass der Freistaat mit der Kernenergie reichlich günstigen Strom für die Industrie bereitstellen konnte. Das zu erhalten, wird mit erneuerbaren Energien eine echte Herausforderung. „Wer keine Kernkraft haben möchte, muss ein paar Kröten schlucken“, sagt Hamacher. Denn es komme darauf an, Sonne- und Windstrom mit ihrer schwankenden Verfügbarkeit ins Energieversorgungsnetz einzubinden. Diese Integration ist einer von Hamachers Arbeitsschwerpunkten.

Dazu seien unter anderem Pumpspeicherkraftwerke unverzichtbar. Sie pumpen mit überschüssigem Strom Wasser in die Höhe und erzeugen später bei Bedarf wie in einem ganz normalen Wasserkraftwerk wieder Strom. Die Technik ist jahrzehntealt und ausgereift. Ihr Wirkungsgrad von rund 80 Prozent macht diese Kraftwerke so attraktiv. „Eines wird aber nicht reichen“, sagt Hamacher. Dabei will er sich in die Standortdiskussion gar nicht einmischen. Ob ein künstlicher See auf dem Jochberg kommt oder an einer anderen Stelle, darauf kommt es ihm nicht an. Die Aussage von Naturschützern, dass Pumpspeicherkraftwerke für eine sichere Energieversorgung gar nicht nötig seien, verweist er ins Reich der Fabel.

Viel zu wenig Elektroautos

An anderen Möglichkeiten, den Strom zu speichern, wird gearbeitet. Einzig Batterien sind ähnlich effizient wie ein Pumpspeicherkraftwerk. Es gibt nur zu wenige. Elektroautos können später auch einen Beitrag leisten, schon allein wenn die Batterien dann geladen werden, wenn reichlich Wind- oder Sonnenstrom zur Verfügung steht. Doch ihre Stückzahl ist nach Hamachers Worten voraussichtlich auch 2020 zu gering. Druckluftspeicher sind noch nicht ausgereift. Mit ihnen wird Luft komprimiert, dabei wird Energie verbraucht. Bei der Ausdehnung lässt sich Strom gewinnen. Eine weitere Möglichkeit, mit dem Überschussstrom Gas zu erzeugen, das in Mangelzeiten zur Stromerzeugung verwendet werden kann, sei noch zu teuer. „Es gibt da viele interessante Dinge“, sagt der Wissenschaftler. Die meisten davon stehen noch nicht zur Verfügung.

Nur eine Möglichkeit sieht Hamacher auch kurzfristig einsetzbar: Kraft-Wärme-Kopplung. Da wird ein Gebäude nicht mit einer normalen Gasheizung beheizt. Ein Verbrennungsmotor erzeugt Strom. Die Abwärme speist die Heizung. Das passe gut zu Bayern mit seinen vielen Solardächern und -flächen. Denn die Sonne liefert vor allem in der Heizperiode weniger Energie, die Lücken lassen sich mit Kraft-Wärme-Kopplung teilweise ausgleichen.

Vor allem Metzgereien, Krankenhäuser, Schwimmbäder oder Molkereien seien gut geeignet, sagt Hamacher. Doch hält er es für notwendig, die Prioritäten beim Betrieb dieser Kleinkraftwerke, die zunehmend Verbreitung finden, zu ändern. Noch arbeiten sie nach dem Bedarf ihrer Betreiber. Wenn es draußen kalt wird, laufen sie an. Der entstehende Strom wird gleichzeitig verbraucht oder ins Netz eingespeist. Hamacher hält es für sinnvoll, dies zu ändern. Die Anlagen müssten hochgefahren werden, wenn der Strombedarf hoch ist. Die entstehende Wärme wird dann erst einmal gespeichert und kann später abgerufen werden.

Das könnte geschehen, indem ein Netzbetreiber die Anlagen ferngesteuert hochfahren kann. Doch Hamacher hält auch Anreizsysteme für möglich. Da wird beispielsweise für Strom besonders viel gezahlt, wenn er knapp ist, und sinnvollerweise nichts, wenn ein Überangebot im Netz besteht. Er hält es für notwendig, dass auch die Betreiber kleiner Anlagen Verantwortung für die Energieversorgung außerhalb ihres Gebäudes übernehmen.

In einem Punkt ist Thomas Hamacher optimistisch. Er hält die geplante Energiewende mit einem Atomausstieg 2022 für erreichbar. Voraussetzung sei aber, „dass jetzt Nägel mit Köpfen gemacht werden“. Das Ziel, 2050 bereits 80 Prozent der elektrischen Energie aus erneuerbaren Quellen zu schöpfen, hält er für ambitioniert. Unerreichbar sei aber auch das nicht.

Martin Prem

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