Der entscheidende Schritt in den Weltraum

Raumfahrtpioniere aus München: - Es waren Flüge von wenigen Minuten. Doch als vor 40 Jahren, am 15. und 17. Juni 1967, zwei US-Raketen mit deutschen Spitzen in die äußersten Schichten der Erdatmosphäre vordrangen, wurde für Deutschland die Tür ins Weltall aufgestoßen.

München - Der US-Präsident hieß Lyndon B. Johnson, der Kanzler in Bonn Kurt-Georg Kiesinger. Amerikaner, Russen, Briten und Franzosen waren bereits im All vertreten. Selbst Japan, Kanada, Australien und Italien hatten bereits eigene Satelliten in Erdumlaufbahnen geschickt. Deutschland war bei der Raumfahrt ein Entwicklungsland. Vor fast 40 Jahren hatte die deutsche Aufholjagd auf dem Weg ins Weltall den entscheidenden Erfolg.

Am 15. Juni 1967 startete in Natal (Brasilien) eine amerikanische Javelin-Rakete mit deutscher Spitze. Eine zweite Rakete hob zwei Tage später ab. Beide stießen die Tür ins Weltall für die Deutschen auf.

Von Public-Private-Partnership sprach damals keiner. Die öffentliche Hand finanzierte, Unternehmen bemühten sich um Aufträge. Proporzposten, wie sie heute die Strukturen der Raumfahrtindustrie prägen, existierten nicht. "Für jedes Projekt gab es einen eindeutig Verantwortlichen", sagt Ernst Högenauer, damals Javelin-Teamleiter beim Münchner Technologie-Unternehmen Junkers. Was heute antiquiert erscheint, hatte einen Vorteil: Es funktionierte und ermöglichte die deutsche Aufholjagd.

Zunächst hatte sich kein Unternehmen an Javelin herangetraut. Högenauer hob schließlich die Hand und holte den Zuschlag nach München. Er hatte Junkers einen besonders heiklen Auftrag herausgefischt: Die Amerikaner, die die Rakete für das deutsche Weltraumprojekt zur Verfügung stellen sollten, wollten erst wissen, ob die hiesige Industrie in der Lage war, hochempfindliche Messinstrumente in einen Forschungssatelliten so zu integrieren, dass sie auch enormen Belastungen standhalten.

Die Raketenspitze, die Vorstufe zum ersten deutschen Satelliten, entstand in den folgenden Monaten in Milbertshofen. Sie wurde auf ein hochpotentes Geschoss gepflanzt: Die vierstufige Feststoffrakete brachte sie vom brasilianischen Natal aus in 1100 Kilometer Höhe, in die äußerste Schicht der Erdatmosphäre. Die Argo D-4 Javelin-Rakete entwickelte einen ungeheuren Schub. Bis zum 90-Fachen der Erdanziehungskraft zerrte, während sie in die Höhe schoss, an den empfindlichen Instrumenten. Diese hielten den Belastungen stand. Die Raketenspitze versank, wie geplant, im Atlantik.

Das Projekt, das 2,3 Millionen Mark gekostet hat, gilt als die deutsche Gesellenprüfung beim Satellitenbau. Allerdings halfen Importe dabei. "Wir mussten verschiedene kleine elektrische Bauteile aus den Vereinigten Staaten kaufen", sagte Högenauer damals. Er konstatierte einen Rückstand der deutschen Industrie.

Ein Rückstand, der sich nun verringerte. Am 8. November 1969 startete im kalifornischen Vandenberg eine Scout-Rakete der Nasa mit Fracht aus München. Der Satellit Azur, unter Federführung der Bölkow GmbH entwickelt, funkte über ein halbes Jahr Versuchsergebnisse zur kosmischen Strahlung, zu Sonnenwinden oder zu Polarlichtern nach Oberpfaffenhofen. Dann brach der Kontakt ab.

Der zweite deutsche Satellit kam mit europäischer Technik in den Orbit: DIAL. Gerade 13 Monate hatten die Junkers-Ingenieure Zeit, den künstlichen Himmelskörper zu bauen, der sich den Platz in der Spitze der Diamant B Rakete mit einem französischen Forschungssatelliten teilen musste. Am 10. März 1970 startete mit DIAL die erste europäische Weltraummission vom Weltraumbahnhof Kourou.

Trotz des enormen Zeitdrucks wurde, anders als bei aktuellen europäischen Projekten, der Zeitplan eingehalten. Zugleich wurden die Anforderungen übertroffen. Statt geplanter 28 Tage lieferte die durch Solarzellen unterstützte Batterie den Versuchsaufbauten und Sendern Energie für 71 Tage. Einen Streit um Kompetenzen, wie er zurzeit das europäische Projekt Galileo lähmt, hätte die deutsche Raumfahrtindustrie in den Anfängen nicht überstehen können.

Die Meilensteine auf dem Weg ins All

27. Juli 1964: Deutschland schlägt der Nasa ein gemeinsames Programm vor.

12. Februar 1965: Die Nasa wünscht weitere Gespräche.

28. Mai 1965: Die Nasa schlägt vor, das Programm zu beginnen.

17. Juli 1965: "Memorandum of Understanding" unterzeichnet.

Oktober 1965: Die Gesellschaft für Weltraumforschung leitet das Projekt Azur.

November 1965: Die Industrie wird eingebunden, Hauptauftragnehmer ist die Bölkow GmbH.

2. Mai 1965: Die Konzeptstudie ist fertig.

1. Dezember 1966: Die Durchführungsphase beginnt.

15. und 17. Juli: Das Projekt Javelin endet erfolgreich. Zwei Raketen mit deutschen Spitzen werden gestartet.

Dezember 1967: Der Bau der Prototypenmodelle beginnt.

8. November 1969: Azur startet.

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