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„Alles leer. Da ist schon niemand mehr“: Martin Cegla, Betriebsrat bei Eon Energie, vor dunklen Büroräumen. Ende Juni schließt Eon Energie seine Zentrale in der Brienner Straße in München.

Eon: „Es schmerzt zu sehen, was hier kaputtgeht“

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München - Ende Juni schließt Eon Energie seine Zentrale in München. Knapp 400 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Wie sie die verbleibenden Arbeitstage erleben – ein Besuch.

Es ist still, fast unheimlich still. Hier im überdachten Innenhof standen noch vor wenigen Wochen Eon-Mitarbeiter mittags zusammen und diskutierten bei einem Espresso neue Strategien. Jetzt bleiben die Tische leer. Betriebsrat Martin Cegla zeigt auf dunkle Büros. „Alles leer. Da ist schon niemand mehr.“ Drei Monate vor der Schließung ist das drohende Ende nicht zu übersehen.

Es ist eine exquisite Adresse, Brienner Straße 40. Nicht einmal 100 Meter vom Königsplatz entfernt, nebenan liegt das Lenbachhaus. Als Eon Energie im Jahr 2000 aus der Fusion von PreussenElektra und der Bayernwerk AG entstand, suchte die Chefetage nach einer repräsentativen Zentrale. Die Entscheidung fiel auf die Brienner Straße.

Im Foyer steht ein Modell des 25 000 Quadratmeter großen Bürokomplexes. Maßstab 1:100. Beim Umbau 2000 wurden alt und neu stilvoll miteinander verbunden. Auf eine möglichst effiziente Nutzung der Fläche kam es dagegen nicht an. Zwei riesige überdachte Innenhöfe vermitteln Größe und Eleganz.

Knapp 400 Beschäftigte arbeiten in der Münchner Eon-Zentrale. Viele waren schon beim Bayernwerk, bei dem der Freistaat das Sagen hatte. Stellenabbau oder betriebsbedingte Kündigungen – das gab es nicht, zumindest bis August 2011. Völlig überraschend verkündete Eon-Chef Johannes Teyssen ein radikales Sparprogramm. Allein in Deutschland sollen 6000 Stellen gestrichen werden, bis zu 1500 davon in München. Mitte März dann die bittere Gewissheit: Für Eon Energie gibt es keine Zukunft. Der Standort an der Brienner Straße wird dichtgemacht.

„Viele stehen immer noch neben sich“, sagt Michaela M*. Geradezu mechanisch würden sie ihren Job weitermachen. Ob die Arbeit noch jemand interessiert, weiß niemand. In anderen Abteilungen ruht dagegen bereits der Betrieb. „Bei uns herrscht quasi Stillstand“, sagt Thomas W.* Die größte Herausforderung sei derzeit, die Zeit vor und nach dem Mittagessen zu überbrücken. Zynismus als Überlebenshilfe? „Natürlich schmerzt es, wenn ich sehe, was hier alles kaputtgemacht wird.“ Für Thomas W. ist das Kapitel Eon allerdings beendet. Der 42-Jährige hat einen Aufhebungsvertrag unterschrieben. Sein letzter Arbeitstag ist der 30. Juni.

Thomas W. ist nicht der einzige Eon-Beschäftigte, der sich für diesen Weg entschieden hat. Für jedes Berufsjahr bekommen sie 1,5 Monatsgehälter. Vor allem für Jüngere, die leicht wieder einen Job finden, ist die Abfindung attraktiv. „Übrig bleiben die Schwangeren und die über 45-Jährigen“, sagt Michaela M. „Sie haben schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt.“ Michaela M. ist alleinerziehend. Dutzende Bewerbungen hat sie verschickt. „Aber nicht zu einem Vorstellungsgespräch bin ich eingeladen worden.“

Die Mittvierzigerin hat Angst. „Ich habe noch 20 Jahre zu arbeiten und bekomme jetzt schon keinen Job mehr. Wie soll das weitergehen?“ Susanne H.* nickt zustimmend. Sie hat zwei Kinder und arbeitet Teilzeit. Wenn die Kleinen krank waren, nahm sie schon mal den Laptop mit nach Hause. Als sie kürzlich bei einem Vorstellungsgespräch das Alter ihrer Kinder nannte, kam prompt die Absage. „Teilzeitkräfte will niemand.“

Wer in den nächsten Wochen keinen neuen Job findet, steht Anfang Juli aber nicht auf der Straße. Das haben Betriebsrat und Gewerkschaft in einem zweitägigen Verhandlungsmarathon Ende Januar erkämpft. Die Betroffenen wechseln für maximal 24 Monate in eine interne Qualifizierungsgesellschaft. Sie bleiben damit Eon-Mitarbeiter und bekommen weiterhin ihr Gehalt. Ziel ist es, im Unternehmen oder außerhalb einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Klappt dies nicht, wechseln die Betroffenen nach 24 Monaten in eine Transfergesellschaft. Für weitere 12 Monate gibt es dann nur noch das Kurzarbeitergeld, das Eon auf 80 Prozent des Gehaltes aufstockt.

Der Sozialplan verschafft den Mitarbeitern Luft – eine Perspektive bietet er nicht. Niemand will monatelang zuhause warten, ob er noch irgendwo im Unternehmen gebraucht wird. Das macht mürbe. Schon die Ungewissheit im Herbst empfand Thomas W. als unerträglich. „Seitdem ich den Aufhebungsvertrag unterschrieben habe, geht es aufwärts.“ Findet er in den nächsten Monaten keinen neuen Job, will er sich selbstständig machen. Das Ende von Eon Energie als persönlicher Neuanfang – manchen ist dies geglückt. Gerade junge Ingenieure seien sofort abgeworben worden, berichten Kollegen. „Mit der Schließung geht viel Wissen verloren“, sagt Thomas W.

Bei allem Frust über die Konzernspitze und den radikalen Stellenabbau – das Gemeinschaftsgefühl ist geblieben. „Früher war es immer mein Unternehmen“, sagt Thomas W. „Nach dem Stellenabbau war es dann nur noch das Unternehmen. Aber es bleiben immer meine Kollegen.“ Bevor in der Brienner Straße 40 endgültig die Lichter ausgehen, wollen sie noch einmal feiern. Ob im großzügigen Innenhof oder außerhalb – das ist noch offen.

Steffen Habit

* Namen der Eon-Mitarbeiter geändert

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