Von Gabelstaplern versteht Jeremy Argandona Salazar mittlerweile so einiges. Der junge Mann aus Barcelona macht seit September eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik beim Gabelstaplerhersteller Crown. foto: johannes Dziemballa„Innerhalb von drei Jahren lerne ich eine neue Sprache, erhalte eine gute Ausbildung und sammle Berufserfahrung – drei Dinge, die ich in Spanien nicht bekomme.“Jeremy Argandona Salazar

Jeremy (23) wird Lagerlogistiker

Für die Lehre: Er zog von Barcelona nach München

Viele Firmen in Bayern haben Nachwuchssorgen. In Spanien dagegen ist beinahe jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Arbeitgeberverbände versuchen, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen – mit Erfolg, wie das Beispiel von Jeremy zeigt, der für eine Lehrstelle von Barcelona nach München gezogen ist.

München/Pliening – Strichcode scannen, Warenbestand in der Datenbank checken, schon surrt der Drucker und spuckt den Auftrag aus. Nach acht Monaten Lehrzeit sitzt bei Jeremy Argandona Salazar jeder Handgriff – und beinah jedes Wort. Nur selten hält er inne und sucht nach den passenden Worten. Um zu erzählen, wie es dazu kam, dass er seine spanische Heimat verlassen hat, um im gut 1000 Kilometer entfernten Bayern eine Ausbildung zu beginnen.

Jeremy, 23, kommt aus Barcelona, Hauptstadt Kataloniens, direkt am Mittelmeer, im Schnitt sieben Sonnenstunden pro Tag. Seit September lebt er in München und lernt Deutsch. Im benachbarten Landkreis Eberberg macht er eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik beim Gabelstaplerhersteller Crown.

Jeremy fällt eine schwere Entscheidung

Die Entscheidung, Spanien zu verlassen, fiel ihm nicht leicht. Das Wetter, den Strand und natürlich seine Familie vermisse er am meisten, sagt der junge Mann. Doch wie viele andere junge Leute in seiner Heimat fand er keinen Job. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt bei knapp 20 Prozent – abgesehen von Griechenland gibt es kein Land in der Europäischen Union, in dem mehr Menschen ohne Arbeit sind. Besonders schwer haben es die jungen Leute. Rund 43 Prozent der erwerbstätigen Spanier unter 25 sind aktuell arbeitslos. „Die Unternehmen suchen Leute mit Erfahrung, die hat man aber natürlich nicht, wenn man frisch aus der Schule kommt“, sagt Jeremy.

An Einsatz hat es dabei in seinem Fall nicht gemangelt. Nach dem Schulabschluss hat er zu Hause bereits eine Ausbildung gemacht und auch erfolgreich abgeschlossen: Business Management. Das Problem: In Spanien ist das Ausbildungssystem extrem verschult. Die Azubis drücken während der Lehre ausschließlich die Schulbank. Praxis im Betrieb? Fehlanzeige. Ohne Berufserfahrung ist die Jobsuche in Spanien allerdings derzeit beinah aussichtslos. Ein Teufelskreis.

Anders in Deutschland, wo das duale Ausbildungssystem eine Zweiteilung vorsieht – neben Theorie in der Berufsschule steht die Praxis im Ausbildungsbetrieb im Fokus. Jeremy hat immer montags und freitags Schule, die restlichen Wochentage verbringt er im Betrieb. Montags nimmt er nach dem Unterricht Nachhilfe. Dienstags und freitags belegt er zusätzlich abends einen Deutschkurs. Er ist ehrgeizig. „Innerhalb von drei Jahren lerne ich hier eine neue Sprache, erhalte eine gute Ausbildung und sammle Berufserfahrung. Das sind drei Dinge, die ich in Spanien nicht bekomme“, sagt Jeremy.

Das  Ausbildungsprojekt career(me)

Gelandet ist der 23-Jährige über das Ausbildungsprojekt career(me) bei Crown. Der Bayerische Unternehmerverband Metall und Elektro (bayme) und die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) haben vor vier Jahren das Projekt gestartet – mit dem Ziel, junge Spanier in bayerische Ausbildungsbetriebe zu vermitteln. Mittlerweile haben über career(me) und ein ähnliches Projekt, das den Namen career(BY) trägt, 30 junge Spanier eine Ausbildung in Bayern erfolgreich abgeschlossen. Finanziert werden die Programme zum Teil von den Verbänden, zum Teil mit Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales – und zwar über das Programm „MobiPro-EU“, das gestartet wurde, um die Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu bekämpfen.

„Zur Fachkräftesicherung müssen alle Potenziale genutzt werden. Dazu gehört auch die gezielte Zuwanderung“, erläutert Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der zuständigen Arbeitgeberverbände. Zum Erfolg beigetragen hätten begleitende Deutschkurse sowie der Einsatz sogenannter Projektkümmerer. Diese stehen den jungen Spaniern für alle Fragen des Alltags zur Verfügung und sind zudem Ansprechpartner für die Unternehmen.

Auch Jeremy steht ein Projektkümmerer zur Seite. Die junge Frau hat ihn zur Bank begleitet, um ein Konto zu eröffnen, und ist mit ihm auf Wohnungssuche gegangen. Für einen Azubi mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten ist das im Raum München kein leichtes Unterfangen – noch dazu, wenn die Kommunikation schwerfällt. Am Ende war die Suche aber erfolgreich. Jeremy hat mittlerweile ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in München. Mit der S-Bahn fährt er morgens zur Arbeit, zur Berufsschule kommt er mit der U-Bahn.

So lief Jeremys Bewerbung ab

Bei Crown war man über einen Flyer auf das Projekt career(me) aufmerksam geworden. Crown Gabelstapler ist ein US-amerikanisches Unternehmen mit Sitz in Ohio. Von Bayern aus wird allerdings das Geschäft in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Indien koordiniert – EMEA nennt man die Region. Die Zentrale sitzt in Feldkirchen bei München. Zehn Kilometer entfernt – in Pliening im Landkreis Ebersberg – liegt das Lager für die europäische Ersatzteilversorgung. Von hier aus liefert Crown innerhalb der europäischen Kernmärkte über Nacht direkt in die Fahrzeuge der Techniker oder zu den Endkunden.

Nachdem Jeremy im Frühjahr 2016 in Madrid an einer Informationsveranstaltung teilgenommen hatte, wurde seine Bewerbung an Crown weitergeleitet. Nach einem sechswöchigen Schnupper-Praktikum im Sommer fiel die Entscheidung. Im September hat er seine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik im Crown-Ersatzteilcenter in Pliening begonnen. Jeremy habe mit seiner Herzlichkeit und seinem Ehrgeiz gepunktet, sagt Jürgen Kohl, der bei Crown für das Personal in der Region EMEA zuständig ist. „Wir sind ein Familienunternehmen, da ist es wichtig, dass die Persönlichkeit stimmt“, so Kohl.

„Kollegen sind wie eine zweite Familie“

Nach acht Monaten ist Jeremy fester Bestandteil des Teams. „Die Kollegen hier sind wie eine zweite Familie für mich“, sagt der Spanier. Auch seine Freizeit verbringt er zum Großteil mit Kollegen, von denen kein einziger Spanisch spricht.

Und nach den drei Jahren Ausbildung? Ob er später in Deutschland bleiben möchte, weiß Jeremy heute noch nicht. Falls er sich für Spanien entscheidet, könnte das Unternehmen bei erfolgreichem Ausbildungsabschluss gegebenenfalls auch dort eine Option für seine weitere Karriere sein: Crown hat mehrere Niederlassungen in Spanien, zum Beispiel in der Nähe der spanischen Hauptstadt Madrid.

Manuela Dollinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lagarde zu Premier Tsipras: IWF voll des Lobes für Griechen
Washington (dpa) - Der Internationale Währungsfonds ist voll des Lobes für die Reformen im lange krisengeschüttelten Griechenland.
Lagarde zu Premier Tsipras: IWF voll des Lobes für Griechen
Aldi-Rückruf: Salmonellen in Salami entdeckt
Wegen eines Salmonellen-Fundes ist die ausschließlich bei Aldi Nord verkaufte Salami Piccolini zurückgerufen worden.
Aldi-Rückruf: Salmonellen in Salami entdeckt
Dax geht erstmals über 13 000 Punkten ins Ziel
Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax hat am Montag erstmals über 13.000 Punkten geschlossen. Beim Stand von 13.003,70 Zählern und einem Plus von 0,09 Prozent ging der deutsche …
Dax geht erstmals über 13 000 Punkten ins Ziel
Daimler muss mehr als eine Million Autos zurückrufen
Wegen defekter Kabel an der Lenksäule will Daimler weltweit mehr als eine Million Autos in die Werkstätten zurückrufen. Fatal: Der Airbag kann durch das Problem …
Daimler muss mehr als eine Million Autos zurückrufen

Kommentare