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Teilen kann bei landwirtschaftlichem Besitz ruinös werden. Deshalb sollten Erbengemeinschaften unbedingt vermieden werden, raten Experten.

Erbrechtsfallen in der Landwirtschaft

Für landwirtschaftliche Betriebe gelten im Erbfall besondere Regeln. Doch die wenigsten wissen um die Erbrechtsfallen rund um den eigenen Hof. Wir erklären, worauf Landwirte achten müssen.

Im Freistaat gibt es laut Bayerischem Bauernverband knapp 98 000 landwirtschaftliche Betriebe, zu denen mehr als drei Million Hektar Land sowie zigtausende Immobilien gehören. Ein gewaltiger Wirtschaftszweig – überwiegend von Familien geführt. Streitereien ums Erbe sind hier mehrfach bitter: Sie kosten Geld, entzweien Familien, gefährden Arbeitsplätze und beschleunigen das Höfesterben. Doch die wenigsten Landwirte kennen die Erbrechtsfallen, die rund um ihren Hof lauern.

„Das Interesse am Thema Erbrecht wächst, aber der Wissensstand ist immer noch gering“, sagt Hermann Schopf. Er ist Fachanwalt für Agrarrecht und seit 15 Jahren im Auftrag des Bayerischen Bauerverbandes täglich unterwegs, um Landwirte zu beraten. Mit diesen vier Punkten lässt sich seiner Meinung nach viel Ärger ersparen:

Erbengemeinschaft

Durch Erbengemeinschaften gehen ganze Höfe und damit Existenzen zugrunde, deshalb sollte man sie tunlichst vermeiden. „Das ist ein eiserner Grundsatz“, sagt Schopf, weil diese Konstellation im landwirtschaftlichen Umfeld noch brisanter sei, als bei privaten Erbschaften. Ein Beispiel: Der Mann einer Landwirtin starb ganz plötzlich, ein Testament gab es nicht. Daraufhin ging der Betrieb im Wert von 2,4 Millionen Euro laut gesetzlicher Erbfolge an die Ehefrau, an die zwei leiblichen Kinder und an ein uneheliches Kind des Verstorbenen. Diese vier bildeten eine Erbengemeinschaft, wobei die Witwe die Hälfte des Betriebes erbte, an die Kinder ging je ein Sechstel. „Das uneheliche Kind fühlte sich schon immer benachteiligt und wollte nun Geld für seinen Anteil sehen“, erzählt Schopf. Das waren in diesem Fall 400 000 Euro. So viel Geld hatte die Witwe aber nicht. Die Folge: Sie musste Grundstücke verkaufen – und zwar annähernd doppelt so viele, wie für 400 000 Euro nötig gewesen wären, weil auch das Finanzamt einen erheblichen Teil der Erlöse verlangte.

„Wird Betriebsvermögen veräußert, fallen sofort enorme Steuern an, egal aus welchen Gründen verkauft werden muss“, sagt der Anwalt. Die Konsequenz: Der Betrieb musste schließen. Auch wenn sich die vier verstanden und den Betrieb gemeinsam weitergeführt hätten, dürfe man nie vergessen, dass alle Entscheidungen in einer Erbengemeinschaft einvernehmlich getroffen werden müssen. „Bei jeder einzelnen Kuh, die verkauft wird“, betont Schopf. „Das gibt immer Streit.“ Nur ein Testament des verstorbenen Landwirtes hätte das verhindern können.

Ertragswert

Hätte der Landwirt seine Frau per Testament zur Alleinerbin gemacht, hätten die Kinder nur mehr einen Anspruch auf ihren Pflichtteil gehabt. Statt 400 000 Euro wären das 200 000 Euro gewesen. „Immer noch zu viel“, sagt Schopf. Denn bei landwirtschaftlichen Betrieben gibt es eine Besonderheit: Weil die Politik an einer leistungsfähigen Landwirtschaft interessiert ist, kann ein solcher Betrieb niedriger bewertet werden. An dieser Regelung wird sich so schnell nichts ändern, auch wenn der Bundesfinanzhof die „Überprivilegierung“ von Betriebsvermögen im Erbschaftsteuergesetz für verfassungswidrig hält (wir berichteten). Statt des marktüblichen Verkehrswertes kommt der sogenannte Ertragswert zum Einsatz (§2049 BGB), der laut Schopf in Bayern etwa ein Zehntel des Verkehrswertes sei. Die exakte Berechnung regelt das bayerische Ausführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). „Ich mache meine Frau zur Alleinerbin. Für die Berechnung des Pflichtteils ist der Ertragswert maßgeblich.“ Diese beiden Sätze im Testament des Landwirts hätten im geschilderten Fall aus 400 000 Euro 20 000 Euro gemacht.

Testament

Der Anwalt rät Landwirten zudem, bereits geschriebene Testamente regelmäßig zu überprüfen. Besonders wenn sich herausstellt, dass eines der Kinder den Hof gerne übernehmen möchte oder das Interesse daran verliert, sei es sinnvoll, die Nachfolge neu und klar zu regeln.

Vorsorgevollmacht

„Ein Landwirt, dessen Gesundheit etwa nach einem Schlaganfall stark eingeschränkt ist, kann seinen Betrieb nicht mehr führen“, sagt Schopf. Gibt es keine Vorsorgevollmacht, in der geregelt ist, wer in solchen Fällen die Führung übernimmt, greift das Gesetz ein. „Das Vormundschaftsgericht bestimmt einen gesetzlichen Betreuer und der kommt in einem Drittel der Fälle nicht mal aus der Familie“, sagt der Anwalt. Das Problem: Vermögen eines Betreuten darf per Gesetz nicht veräußert werden. „Das bedeutet unter anderem, dass der Hof nicht zu Lebzeiten an einen Nachfolger überschrieben werden kann“, erklärt Schopf. Hinzu kommt der Kampf mit den Behörden: Pachtverträge, die länger als vier Jahre laufen sollen, müssen beim Vormundschaftsgericht genehmigt werden. Außerdem will das Gericht jedes Jahr eine Bilanz des Betriebes sehen. Für die Kontrolle des Vermögens fallen auch noch jede Menge Gebühren an. „Das können schnell einige tausend Euro im Jahr sein“, sagt Schopf. Sein Rat: „Vorsorgen und entsprechende Vollmachten formulieren.“

Stefanie Backs

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