Erdbeben im Finanzplatz Europa

- München - Was mit Jogurt, Kartoffel und Auto seit zehn Jahren klappt, soll bald auch mit Aktie, Konto und Versicherung funktionieren: Bis Anfang 2005 sollen für Finanzdienstleistungen die europäischen Grenzen fallen. Die EU-Kommission will damit gut zehn Jahre nach dem Start des Binnenmarkts ihre Hausaufgaben beenden. Für die Branche ein mittleres Erdbeben - der Finanzplatz Europa soll zusammenrücken.

<P>Die EU-Beamten machen Druck beim größten Gesetzgebungspaket des Jahrzehnts. Aktionsplan für Finanzdienstleistungen heißt das Projekt in Brüssel. "Bis Ende März 2004 muss das laufen", sagt der zuständige EU-Generaldirektor Alexander Schaub über die 43 Richtlinien und Verordnungen. Er leitet die Direktion Binnenmarkt. Die Staatschefs der Union hatten die Freizügigkeit in Sachen Geld vor drei Jahren beschlossen. Zurecht, findet Schaub: "Es ist doch absurd, dass wir zwar eine gemeinsame Währung haben, aber keinen gemeinsamen Finanzmarkt."</P><P>Die Kunden können dann europaweit Versicherungsangebote einholen, Banken vergleichen, Geld anlegen und Gebühren sparen. Oft verhindern die noch unterschiedlichen Rechtsvorschriften Angebote über die Landesgrenzen hinweg. Das Beispiel der bisher extrem teuren EU-weiten Überweisungen zeigt, dass Kunden durch die Neuregelung erheblich billiger wegkommen können.<BR>Die Folgen für die beteiligten Unternehmen sind mitunter drastisch. "Der Wettbewerb wird schärfer, die Märkte geraten in Bewegung", sagt Schaub. Das hält man in Brüssel durchaus für willkommen. Vor allem manchen Banken wirft der Spitzenbeamte, der jahrelang für die Wettbewerbsabteilung unter EU-Kommissar Monti arbeitete, "nahezu perfekte Preisabsprachen über Jahrzehnte" vor.</P><P>Nebenbei wird, so schätzt die Kommission, die große Zahl unrentabler Filialen abgebaut werden. "Über-Banking", nennt das Schaub. Die Umorientierung der deutschen Banken und Versicherungen sei "eine Überlebensfrage".</P><P>Europaweit könnte allein der Finanz-Binnenmarkt laut einer Studie ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent erzeugen. Bisher vermisst Schaub in den Unternehmen aber noch Aufbruchstimmung. Er sehe die Gefahr, dass die europäischen Akteure "mangels Selbstbewusstsein in eine viel zu defensive Mentalität verfallen", sagte er unserer Zeitung. Das gelte vor allem für Deutschland: "Die deutschen Unternehmen fragen sich immer als erstes: Wer könnte mich morgen übernehmen? Sie sollten sich lieber fragen: Welche Märkte könnte ich morgen erschließen?"</P>

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