Recep Tayyip Erdogan steht hinter einem Pult und gestikuliert
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Startschuss für den „Istanbul-Kanal“: Recep Tayyip Erdogan feierte die Grundsteinlegung einer ersten Brücke.

„Istanbul-Kanal“ auf dem Weg

Erdogan legt Grundstein für umstrittenes Milliarden-Projekt - Experten warnen vor Umweltkatastrophe

  • Marcus Giebel
    VonMarcus Giebel
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Ein Riesenprojekt in der Türkei beunruhigt Experten. Doch Recep Tayyip Erdogan lässt seinen umstrittenen „Istanbul-Kanal“ nichtsdestotrotz Realität werden.

München - Der Grundstein für die erste Brücke ist gelegt, der „Istanbul-Kanal“ nimmt Gestalt an: Bei der Zeremonie des historischen Moments am Samstag (26. Juni) jubilierte Recep Tayyip Erdogan*: „Heute öffnen wir ein neues Kapitel in der Geschichte der Entwicklung der Türkei.“ Aller Kritik zum Trotz hält der türkische Präsident* an seinem Mammut-Bauprojekt nahe der Metropole am Bosporus fest.

Der neue Kanal soll parallel zur Meerenge verlaufen, die die Stadt in einen europäischen und einen asiatischen Teil trennt. Erdogans wohl bisher ehrgeizigstes und umstrittenstes Infrastrukturprojekt* wird das Schwarze Meer mit dem Marmarameer und dem Mittelmeer verbinden. Nach offiziellen Angaben wird das Vorhaben 11,5 Milliarden Euro verschlingen. Der Kanal soll 45 Kilometer lang werden und als Ausweich-Wasserstraße den Bosporus entlasten.

Erdogan und der „Istanbul-Kanal“: Diverse Klagen gegen das Mega-Projekt

Erdogan verwies in seiner Rede auf die vielen Schiffsunglücke im Bosporus, der neue Kanal solle vor allem die „Sicherheit“ der Bewohner Istanbuls gewährleisten. Außerdem solle er der Türkei eine wichtigere Rolle im Welthandel verschaffen.

Doch nicht zuletzt die Einwohner Istanbuls hatten sich gegen das Projekt gewehrt. Wie diverse Wissenschaftler treibt sie die Sorge vor schweren Umweltschäden um. Es gab diverse Klagen gegen das Vorhaben Erdogans. Bürgermeister Ekrem Imamoglu (CHP*) vermutet dahinter sogar den Teil eines lang im Voraus geplanten Autobahnprojekts.

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Erdogan und der „Istanbul-Kanal“: Positive Studie bekommt nicht nur Beifall

Eine Umweltverträglichkeitsprüfung (CED) des Ministeriums für Umwelt und Städtebau kam zwar zu einem positiven Ergebnis, wird aber sehr kritisch beäugt. Bedenken hegt auch der Generalsekretär der Istanbuler Kammer für Umweltingenieure, Medat Güney, der der Deutschen Welle im Vorfeld sagte: „Der gesamte Sazlidere-Staudamm, das wichtigste Trinkwasser-Reservoir auf der europäischen Seite, soll dem Kanal weichen. Auch der Terkos-See soll laut dem CED-Bericht in den Kanal integriert werden.“

Er fürchtet, dass steigende Wasserkosten auf die Bevölkerung zukommen. Der nötige Nachschub soll durch den geplanten Bau des Melen-Staudamms 200 Kilometer östlich der Stadt gesichert werden. Außerdem könnten seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten, die an der Strecke des geplanten Kanals zu Hause sind, vom Aussterben bedroht werden. Laut einer Studie der Istanbuler Stadtverwaltung müssen mehr als 200.000 Bäume gefällt werden. Hinzu kommt: 136 Quadratkilometer landwirtschaftliche Fläche und 13 Quadratkilometer Weidefläche müssten wohl weichen.

Erdogan und der „Istanbul-Kanal“: Droht der Metropole ein Geruch von faulen Eiern?

Damit aber noch nicht genug. Nihan Temiz Atas von Greenpeace mutmaßt, dass es weitere negative Folgen für das Ökosystem geben werde. „Experten sagen, das Wasser aus dem Schwarzen Meer werde durch den Kanal verstärkt in das Marmarameer fließen“, betonte der Umweltschützer laut DW. Folglich nehme der Sauerstoffgehalt in dem Wasser ab, was dem Aktivisten zufolge fatale Folgen habe könnte: „Sobald der Sauerstoff aufgebraucht ist, gibt es kein Zurück.“ Dann kippe das Binnenmeer um, die Auswirkungen werden vor allem die Istanbuler spüren, erklärte der Aktivist: „Als Folge davon wird Istanbul bei einem Südwestwind einem Geruch von faulen Eiern ausgesetzt sein.“

Worüber ebenfalls diskutiert wird: Das Milliarden-Projekt könnte den Vertrag von Montreux unterwandern. Das internationale Schifffahrtsabkommen von 1936 regelt die Durchfahrt im Bosporus und in den Dardanellen. Es garantiert unter anderem zivilen Schiffen die Passage in Kriegs- und Friedenszeiten. (mg/AFP) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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