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Lächeln für den Pionier: Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (re) überreicht Lemo-Personalchef Dieter Hoffmann den Preis.

Ältere Arbeitnehmer

Erfahrung gegen Jugendwahn

München - Preis für Unternehmen mit Weitblick - Münchner Firma Lemo siegt.

Als schwer vermittelbar gelten Arbeitsuchende spätestens jenseits der 50. Jung und flexibel lautet das Credo unzähliger Personalabteilungen. "Es darf nicht sein, dass Menschen ab 50 Jahren keinerlei Perspektive haben, einen neuen Job zu finden - außer man ist Politiker", sagte Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, 51, gestern in München.

Im Alten Rathaus zeichnete Scholz deshalb im Rahmen des Bundesprogramms "Perspektive 50plus" Unternehmen mit Weitblick aus, die in diesem Punkt - Beschäftigung älterer Mitarbeiter - Pionier-Arbeit leisten würden.

Unter den 62 Gewinnern ist auch die Münchner Firma Lemo Elektronik GmbH. "Knapp die Hälfte unserer Mitarbeiter ist 50 Jahre oder älter", erklärt Personalchef Dieter Hoffmann, der selbst 61 Jahre alt ist. Geballtes Wissen und enorme Berufserfahrung, das zeichne die älteren Angestellten aus und davon profitiere letztlich das Unternehmen, das mit elektronischen Steckverbindungen, wie man sie in Audio- und Video-Geräten, in Satelliten-Anlagen oder Zahnarzt-Bohrern findet, im vergangenen Jahr über 40 Millionen Euro umsetzte.

Die Großen warben die Jungen ab

Jahrelang habe man einen Kampf mit Siemens, Bosch oder BMW um qualifiziertes Personal geführt: "Die haben die jüngeren Leute reihenweise abgeworben und enorme Gehälter gezahlt", sagt Hoffmann. Als Mittelstands-Betrieb habe man da nicht mithalten können. Das sei der Auslöser gewesen, verstärkt auf Ältere zu setzen - "und im Nachhinein gesehen, war das goldrichtig", meint der Personalchef. Viele Unternehmen hätten mit dem Aussortieren älterer Angestellten auch das Wissen aus der Firma gegeben - "der Jugendwahn hat mit zum heutigen Fachkräftemangel geführt", ist sich Hoffmann sicher. So sei etwa ein Feinmechaniker erst nach 20 Jahren auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit.

In der Fertigung bei Lemo arbeiten rund zwei Drittel der rund 130 Beschäftigten und dort kommt es vor allem auf präzises Arbeiten an. Wenn die Hand zittert oder die Sehschärfe nachlässt, sind die vielfarbigen, kleinteiligen Kabelstränge kaum mehr korrekt zu löten - "wir stellen Sehhilfen zur Verfügung oder wir versuchen gemeinsam mit dem betroffenen Mitarbeiter, ein anderes Betätigungsfeld für ihn zu finden", erklärt Hoffmann. Darüber hinaus sei etwa bei den Fehltagen kein Unterschied zwischen Alt und Jung zu erkennen.

Die Grenzen des Jugendwahns

Bundesarbeitsminister Scholz (SPD) mahnte eindrücklich davor, ältere Arbeitnehmer als verzichtbar anzusehen: "Ein kleiner Zettel mit Informationen, den man an die jüngere Belegschaft gibt, reicht nicht aus, um Wissen weiterzugeben", sagte Scholz.

Zurzeit gehören, den Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge, 50 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter zur mittleren Altersgruppe von 30 bis 49 Jahren, 30 Prozent zur älteren von 50 bis 64 Jahren und knapp 20 Prozent zur jungen von 20 bis 29 Jahren. 2020 wird die mittlere Altersgruppe nur noch 42 Prozent ausmachen, die ältere mit etwa 40 Prozent aber nahezu gleich stark sein. Zeitgleich sinkt die Zahl der Kinder und Jugendlichen ebenso wie die der jungen Menschen im Ausbildungsalter. Allein diese statistischen Hochrechnungen zeigen dem Jugendwahn Grenzen auf.

Stefanie Backs

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