Das erste Morgengrauen eines unbefristeten Arbeitskampfes

- Nürnberg - "Chef, heute darfst du nicht rein", hat der wegen Morgentemperaturen nahe dem Gefrierpunkt dick vermummte 58-Jährige gerade zu seinem Vorgesetzten am Werkstor gesagt. Der Chef blickt sich um. Holzfeuer in Tonnen erhellen die Dunkelheit. Sie werfen Flackerlicht auf die Gesichter von Hunderten Streikender, die seit Freitag um sechs Uhr früh das Nürnberger Stammwerk des Hausgeräteherstellers AEG blockieren.

Es ist das erste Morgengrauen eines unbefristeten Arbeitskampfes. Niemand darf ins Werk. Keine Ware verlässt es. Für vier oder sechs Wochen nicht, wenn es nach ihm geht, stellt der Streikposten klar.

Sein Chef trollt sich. Zurück bleibt eine Gemeinschaft Zorniger und teils sichtbar Frustrierter, die wohl spätestens Ende 2007 nicht mehr dort arbeiten wird. Denn der weltgrößte Hausgerätehersteller und schwedische AEG-Mutterkonzern Electrolux hat beschlossen, das Traditionswerk zu schließen und die Kapazitäten angeblich aus Kostengründen nach Polen und Italien zu verlagern.

Vorbei sind die Zeiten, wo AEG noch eine Ikone des wirtschaftlichen Aufbaus war mit dem Werbespruch: "Aus Erfahrung gut". Im Januar 2006 füllen Protestplakate vor den Werkstoren das Kürzel mit einem anderen Slogan. "Arbeit erfolgreich gestrichen", haben AEGler darauf getextet. 1750 Frauen und Männer sind vom Kahlschlag betroffen.

"Verfehlte Markenpolitik", sagt Harald Dix in der Wärme des Streikzelts zu den Gründen des Niedergangs.

Der 44-jährige Nürnberger Betriebsratschef macht das Management verantwortlich. Electrolux habe mit den hierzulande über die Jahre zugekauften Marken wahllos Preiskämpfe geführt. Die heimische Konkurrenz von Miele oder auch Bosch Siemens habe vorgemacht, wie Markenpositionierung funktioniert, und stünde nun besser da, sagt der Werkzeugmacher und Vater vierer Kinder. Electrolux habe sich auch in Osteuropa verschätzt und dort Kapazitäten für eine Million Hausgeräte aufgebaut, in der irrigen Annahme dortiger Nachfrageexplosionen. Als die ausblieben, habe das Thema plötzlich nicht mehr "Eroberung neuer Märkte" geheißen, sondern "Kostensenkung durch Verlagerung".

Am Nebentisch hören vier Arbeiterinnen aufmerksam zu. Sie nicken bei jedem Satz. "Die haben uns keine Chance gegeben", sagt eine von ihnen. Die Angesprochenen sind Electrolux-Chef Hans Straberg und Kollegen, die den Daumen über dem AEG-Stammwerk gesenkt haben, weil 30 Prozent Preisverfall bei Waschmaschinen binnen fünf Jahren sie dazu gezwungen hätten. "Mein Mann und ich, wir arbeiten beide seit 20 und 30 Jahren bei der AEG", erzählt eine andere. Er könne sich vielleicht noch in den vorgezogenen Ruhestand retten. Bei ihr mit 55 Jahren werde es eng. Um den Sturz in die drohende Arbeitslosigkeit abzufedern, wollen die 1750 Beschäftigten zumindest einen Sozialtarifvertrag erstreiken mit möglichst hohen Abfindungen und einer mehrjährigen Beschäftigungsgesellschaft.

Dix hat nach sieben Monaten nervenaufreibender Auseinandersetzungen mit dem Management aber auch noch eine Resthoffnung auf mehr. "Wenn wir es richtig teuer machen, muss Straberg vielleicht noch einmal zurück", sagt der Betriebsrat. Was das Personal an sozialem Ausgleich fordert, würde unter dem Strich rund 700 Millionen Euro kosten. Electrolux hat für die Schließung aber nur 230 bis 250 Millionen Euro veranschlagt.

Großen Beifall erntet der Vize der IG Metall, Bertold Huber. Für ihn ist das Geschehen in der Frankenmetropole auch keine örtliche Randerscheinung, sondern Ausdruck dessen, was derzeit vielfach überall in der Republik passiert. Konzerne schlössen Werke und bauten Tausende Stellen ab, nicht weil ihnen das Wasser bis zum Hals stünde und sie Sanierungsfälle seien, sondern weil das Rattenrennen um immer höhere Renditen kein Maß und kein Ziel kenne.

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