Erstmals Gaspreis offen gelegt

- Quickborn - Der norddeutsche Energieversorger E.ON Hanse hat nach heftiger Kritik an seinen Gaspreisen als erster deutscher Anbieter seine Kalkulation offen gelegt und gleichzeitig eine neue Preisrunde angekündigt. Für die rund 550 000 Kunden verteuert sich die Rechnung im Januar erneut um rund zehn Prozent. Begründet wurde der neuerliche Anstieg am Montag in Quickborn (Schleswig-Holstein) mit weiter steigenden Beschaffungskosten. Verbraucherschützer, die mit Kunden vor Gericht gezogen sind, äußerten sich zunächst zurückhaltend zu den vorgelegten Daten.

Aus der Kalkulation ergebe sich, dass E.ON Hanse bisher noch nicht einmal die gestiegenen Beschaffungskosten an seine Kunden im Großraum Hamburg weitergereicht habe, sagte der Vorstandsvorsitzende HansJakob Tiessen. Die Bezugskosten kletterten seinen Angaben zufolge seit Anfang 2004 um 70 Prozent, nur rund 40 Prozent davon konnten an die Kunden weitergegeben werden. Einen detaillierten und mit Testaten von Wirtschaftsprüfern versehenen Schriftsatz hat das Unternehmen beim Hamburger Landgericht eingereicht, bei dem eine Sammelklage von 54 Kunden gegen die letzten drei Preiserhöhungen von insgesamt 25 Prozent anhängig ist. Mit der Offenlegung kommt der Energieversorger einer erwarteten Aufforderung der Justiz zuvor.

Die Hamburger Verbraucherzentrale werde vor einer Kommentierung den Schriftsatz von E.ON Hanse an das Gericht abwarten, sagte Geschäftsführer Günter Hörmann. So müssten die Lieferverträge und die Netzentgelte, die E.ON Hanse angegeben habe, sorgfältig überprüft werden.

Der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) in Berlin erklärte, "die Gasversorger wollen zukünftig ihren Kunden die Grundlagen der Gaspreisbildung sowie der Angemessenheit der Gaspreise verdeutlichen. Hierzu hat E.ON Hanse mit seiner Veröffentlichung beigetragen". Der größte kommunale Gasversorger in Deutschland, die Berliner Gasag, will seine Kalkulation im Januar erstmals offen legen. "Wir begrüßen die Entscheidung der E.ON Hanse", sagte Unternehmenssprecher Klaus Haschker. "Auf diese Weise kann es gelingen, verloren gegangenes Vertrauen bei unseren Kunden zurück zu gewinnen." Auch die E.ON Thüringer Energie AG will den Hamburger Beispiel folgen.

Der von E.ON Hanse dargestellte Gaspreis (Tarif Klassik II) enthält neben den Bezugskosten mit einem Kostenanteil von 56,7 Prozent auch die Mehrwertsteuer (13,8 Prozent), die Vertriebskosten (3,5 Prozent) und die Netzkosten (25 Prozent). Der Gewinnanteil liege 2005 bei 1,00 Prozent nach 1,8 Prozent im Vorjahr, berichtete Tiessen. Im Vergleich zu 2004 hat sich der Anteil der Bezugskosten um 5,1 Prozentpunkte erhöht und sich damit am stärksten verändert.

Wegen höherer Beschaffungskosten verteuert sich zum 1. Januar 2006 eine Kilowattstunde um 0,51 Cent auf 4,77 Cent (netto) oder 5,54 Cent (brutto). Bei einem Jahresverbrauch von 18 000 Kilowattstunden (120 Quadratmeter), erhöht sich die Gasrechnung um rund 100 Euro. "Wir bleiben bei unserer Einschätzung, dass unsere Gaspreise Marktpreise sind", sagte Tiessen. E.ON Hanse liege mit seinen Preisen im deutschen Städtevergleich im unteren Viertel mit Berlin, Düsseldorf und Bochum. Am teuersten ist demnach der Verbrauch von jährlich 25 000 Kilowattstunden in Chemnitz, Duisburg und Essen.

Auch im europäischen Vergleich rangieren die Gaspreise in Deutschland für Haushaltskunden (mit Steuern) nach Angaben des Energie Informationsdienstes (EID) auf mittlerem Niveau. Mit durchschnittlich 5,42 Cent/KWh sei Gas in Deutschland im Oktober beispielsweise günstiger als in Dänemark (9,57), Italien (6,59) oder Schweden (7,51) gewesen, aber teurer als in Frankreich (3,93), Großbritannien (3,13) oder Österreich (5,38).

Die E.ON-Vertriebsmarge für Haushaltskunden hat sich zwischen 2004 und 2005 von 0,08 auf 0,05 Cent je Kilowattstunde reduziert. Die Beschaffungskosten erhöhten sich im gleichen Zeitraum von 2,27 auf 2,88 Cent je Kilowattstunde. "Diese Zahlen belegen zum einen den deutlichen Anstieg der Bezugskosten, sie zeigen aber auch, dass wir unsere Vertriebsmarge im Vergleich zum Vorjahr quasi halbiert haben", sagte Tiessen. E.ON Hanse bezieht sein Gas von den vier Vorlieferanten Wingas, Shell, ExxonMobil und VNG, mit denen E.ON Hanse nicht verbunden ist. E.ON Hanse erzielte 2004 einen Gewinn von 123 Millionen Euro bei rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz.

Die von E.ON Hanse vorgelegten Zahlen sind nach Ansicht des Bundes der Energieverbraucher nicht detailliert genug. "Die Befürchtung, dass die Preise überhöht sind, werden in keinster Weise ausgeräumt", sagte der Vorsitzende des Bundes, Aribert Peters. "Die Zahlen sind nicht so differenziert, wie wir sie für eine Beurteilung bräuchten".

Unterdessen leitete die tschechische Wettbewerbsbehörde UOHS ein Verfahren gegen die Tochter des deutschen RWE-Konzerns in Prag ein. RWE Transgas stehe unter Verdacht, die Gaspreise seit Beginn des Jahres unbegründet nach oben getrieben zu haben, sagte UOHS-Direktor Martin Pecina. Die Muttergesellschaft von RWE Transgas, RWE Energy (Dortmund), wies die Vorwürfe zurück.

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