Esso: Aus Pächtern werden Kassenkräfte

München - Mit Benzin ist an Tankstellen kaum mehr etwas zu verdienen. Angesichts der aktuellen Preise mit 1,57 Euro für den Liter Super kaum vorstellbar. Aber Tankstellenpächter leben vor allem von ihren Zusatz-Geschäften und da mischen die Mineralölriesen kräftig mit. Allen voran der Esso-Konzern, der seinen Pächtern reihenweise kündigt.

Brezen und Dosenbier statt Benzin und Diesel - Deutschlands Tankstellen nehmen das meiste Geld nicht an der Zapfsäule, sondern in ihren Verkaufsläden ein. Pächter bekommen im Schnitt zwischen 1,1 und 1,3 Cent pro Liter an Provision, den Rest teilen sich Staat und Ölmultis. Damit könne man nicht einmal die laufenden Kosten decken, erklärt ein Tankstellenbesitzer aus dem Münchner Umland gegenüber unserer Zeitung. "Ohne Shop und Waschstraße geht es nicht." Die beiden zusammen würden rund zwei Drittel des Verdienstes ausmachen. Und obwohl die Shops prinzipiell in Eigenregie geführt werden könnten, verdienen die Mineralölkonzerne mit.

"Die Margen in Deutschland sind wegen des harten Wettbewerbs der Tankstellen schlecht", sagte Rainer Wiek vom Hamburger Energie-Informationsdienst (EID). Deswegen müssen andere Einnahmequellen stärker genutzt werden. Das sei schon seit Jahren so und für den deutschen Markt typisch. Als Begründung nannte er das noch immer dichte Netz der rund 15 000 Tankstellen in Deutschland sowie die kritischen Verbraucher, die Preise genau vergleichen. "Es lässt sich mit Öl sicher gutes Geld verdienen, aber nicht an den deutschen Tankstellen", betonte Wiek. Die Rekord-Benzinpreise sind daher nach Ansicht des Deutschland-Chefs der Tankstellenkette Orlen und Star noch zu niedrig. "Trotz des hohen Ölpreises verdienen wir derzeit am Benzin kein Geld. Daher ist Benzin eigentlich zu billig", sagte Josef Busch jüngst. Der Liter müsste "fünf bis sechs Cent mehr kosten".

Esso - nach Aral und Shell der drittgrößte Tankstellenbetreiber in Deutschland - geht andere Wege: Die Tochter von Exxon-Mobil kündigt ihren Pächtern - nahezu jeder im Süden und Westen Deutschlands wird bis Mitte 2009 ein solches folgenschweres Schreiben erhalten. So kann der Konzern die lukrativen Shops selbst führen.

Für die Betroffenen sei das meist schlimm, sagt André Zacharias, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Esso: "In der Regel sind das Familienbetriebe, die seit Jahrzehnten an derselben Stelle geführt werden", sagt er. Mit der Kündigung hätten die Pächter zwar die Möglichkeit, sich bei der Esso-Tochter Retail Operating Company (ROC) als Filialleiter zu bewerben. Aber es sei alles andere als sicher, dass sie auch genommen werden. Ist das der Fall, leiten sie die Tankstelle künftig als Angestellte. Allerdings nicht ihren ehemaligen Betrieb - ein Wechsel ist Pflicht. Wer bleiben möchte, ist den Chefposten los: Aus Pächtern werden Kassenkräfte.

Andere Marken sind bereits gescheitert

Esso verspricht sich durch die Umstrukturierung eine stärkere Kunden- und Service-Orientierung, da der Tankstellenleiter von Verwaltungsaufgaben, Buchhaltung und Steuern entlastet werde. "Das sind Scheinargumente, die schön klingen, aber mit der Realität nichts zu tun haben", betont Zacharias. Ehemalige Esso-Pächter stimmen ihm zu. Sie alle sind der Meinung, dass sich das Konzept nicht rechnen könne und sich Esso genauso "die Finger verbrenne" wie schon Shell oder BP, die ihre Stationen nun wieder über Pächter laufen lassen.

Auch wenn Pächter offiziell selbstständig sind, sieht die Praxis konzernübergreifend anders aus. Der durchschnittliche Jahresgewinn eines selbstständigen Pächters vor Steuern liege bei rund 40 000 Euro, sagt Zacharias. Dabei werde das Einkommen durch die Pacht geregelt - verdient ein Pächter mehr als vom Konzern erwünscht, steigt im nächsten Jahr die Pacht dementsprechend an. Diese Praxis sei in der Branche durchaus üblich, bestätigten mehrere Tankstellenbetreiber.

Sie bestätigen auch, dass die Konzerne kräftig von den Shop-Einnahmen profitieren. Die Pächter seien "stark angehalten" ihre Waren "bei Empfehlungs-Lieferanten" zu beziehen, sagt Zacharias. Wer nicht beim richtigen oder zu viel beim falschen Händler bezieht, bekomme schnell offiziellen Besuch, eine Pachterhöhung oder etwa eine Abmahnung, weil angeblich die Fahrbahn nicht sauber genug sei, erzählen ehemalige Esso-Pächter. Auch eine Kündigung sei bei den befristeten Pachtverträgen schnell ausgesprochen. Der Konzern selbst will davon nichts wissen.

 

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