Etikettenschwindel bei Aromen

Ab heute gilt europaweit eine Positivliste für Aromastoffe, die bei der Lebensmittelproduktion verwendet werden dürfen. Für den Kunden bringt die Änderung allerdings wenig, kritisiert Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale.

Der 47-jährige Lebensmittelchemiker entlarvt immer wieder Mogeleien der Lebensmittelindustrie.

-Mit Aromastoffen lassen sich minderwertige Lebensmittel aufbessern. Werden Kunden durch die Verwendung nicht grundsätzlich hinters Licht geführt?

Es besteht die Gefahr, dass Verbrauchern minderwertige Produkte untergejubelt werden, weil eine Qualität vorgegaukelt wird, die gar nicht vorhanden ist. Der Kunde liest zwar „Huhn“ auf der Verpackung der Fertigsuppe, doch drinnen ist praktisch keines. Wir haben bei einer Untersuchung gerade einmal einen Anteil von 0,18 Prozent Huhn in einem Fertigprodukt gefunden. Nach dieser Rezeptur ließen sich aus einem Suppenhuhn 5000 Liter Suppe (oder rund 20 000 Portionen) herstellen. Damit das überhaupt schmeckt, hilft die Industrie kräftig mit Geschmacksverstärkern und Aromen nach.

-Schafft die neue Positivliste der EU mehr Durchblick?

Nein, in der Liste werden nur 2600 chemische Begriffe aufgeführt, die gar nicht auf dem Etikett der Lebensmittelverpackung stehen. Die Kennzeichnung der Aromen ist prinzipiell wenig transparent: Natürliche Aromen müssen beispielsweise nur aus natürlichen Rohstoffen stammen, aber nicht von den Früchten, die etwa auf einem Fruchtjoghurt abgebildet sind (siehe Kasten). Für Konsumenten noch verwirrender ist der Begriff Erdbeeraroma auf der Zutatenliste. Er bedeutet nicht, dass das Aroma aus Erdbeeren gewonnen wird, sondern nur, dass es nach Erdbeere schmeckt. Lediglich die Bezeichnung natürliches Erdbeeraroma zeigt an, dass das Aroma fast ausschließlich aus Erdbeeren gewonnen wurde. Diese Aromen werden nur selten von der Industrie verwendet.

-Wie sollten Aromastoffe angezeigt werden, damit der Durchschnittsverbraucher auch erkennen kann, was tatsächlich drin ist?

Auf der Vorderseite der Verpackung muss auf einen Blick erkennbar sein, dass ein Produkt aromatisiert ist. Auch ist die Zusammensetzung von Aromen derzeit ein Buch mit sieben Siegeln. Wir fordern, dass die verwendeten Zusatzstoffe oder Lösungsmittel genannt werden. Für die Industrie lohnt sich der Etikettenschwindel enorm. Wir haben einmal ausgerechnet, dass Himbeer-aroma für 100 Kilogramm Joghurt sechs Cent kostet, Früchte für dieselbe Menge aber 30 Euro.

-Von welchen Produkten sollten Verbraucher nach einem Blick auf die Zutatenliste die Finger lassen, wenn sie naturbelassene Nahrungsmittel kaufen wollen?

Gesundheitsgefährdend sind Aromen nicht. Es gibt aber andere Gefahren. Kinder werden schnell an den industriellen Einheitsgeschmack gewöhnt und Konsumenten essen gerne mehr, wenn es so intensiv schmeckt. Auch werden wertvolle Inhaltsstoffe durch Aromen verdrängt. Die Nahrung ist also nicht so gut wie natürliche. Wer Produkte haben will, die ohne diese Zusätze auskommen, kann sich auf unserer Internetseite eine Positivliste dazu anschauen.

Interview: Mandy Kunstmann

Rubriklistenbild: © dpa

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