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Die Auswahl im Supermarkt ist riesig – doch für die Kunden ist es schwierig, die Versprechungen der Hersteller zu überprüfen

Etikettenschwindel bei unseren Lebensmitteln

München - Irreführende Verpackungen, unklare Regeln und ein Wirrwarr an Siegeln und Gütezeichen: Die Verbraucherzentrale schlägt Alarm und fordert strengere Regeln bei den Etiketten von Lebensmitteln.

 Die Werbeversprechen von Lebensmittelherstellern halten der Überprüfung nach Angaben von Verbraucherschützern oft nicht stand. „Im Lebensmittelmarkt läuft etwas grundlegend schief. Zwischen Werbe- und Produktrealität klafft oft eine große Lücke“, sagt der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen. Er fordert strengere Regeln und mehr staatliche Siegel für Lebensmittel. „Es reicht nicht aus, auf Freiwilligkeit zu setzen.“ Die tz erklärt, welche falschen Versprechungen aufgefallen sind und was sich ändern soll:

Worum geht es bei der Studie des vzbv? Die Verbraucherschützer sind irreführenden Qualitätsversprechen der Lebensmittelhersteller auf der Spur. Dabei haben sie ihr besonderes Augenmerk auf ökologische, regionale oder soziale Versprechen in der Werbung und Produktgestaltung gelegt. „Die Verbraucher kaufen heute nicht nur Lebensmittel um satt zu werden. Sie erwarten eine umweltverträgliche Landwirtschaft, sie interessieren sich für Tierschutz“, erklärt vzbv-Chef Billen.

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Wo liegt das Problem? Durch die veränderte Erwartungshaltung der Verbraucher spielen Genuss, Umweltbewusstsein und Gesundheit eine immer größere Rolle. Die Hersteller wissen das – und ködern die Kunden häufig mit leeren Versprechungen. Für die Verbraucher sind diese Mogelpackungen aber nur schwer zu erkennen.

Welche Beispiele gibt es? „Es gibt viele Beschwerden, dass Produkte mit großen Fruchtabbildungen werben, bei denen man aber diese Früchte dann im Kleingedruckten nicht mehr wiederfindet. Oder dass mit freilaufenden Hühnern und Schweinen für Fleisch und Eier geworben wird, in Wahrheit diese Tiere aber nie das Tageslicht sehen“‚ weiß vzbv-Chef Billen. Ein Hersteller von Sahnehering etwa erweckt den Eindruck, seine Produkte würden traditionell hergestellt („Das Original seit 1846“). Dabei finden sich in der Zutatenliste „Säuerungsmittel Citronensäure und Ascorbinsäure, Stabilisatoren Guarkernmehl und Xanthan, das Antioxidationsmittel Natriummetabisulfit und natürliches Aroma – nicht unbedingt typisch für die Sahnehering-Produktion im Jahr 1846. Unter www.lebensmittelklarheit.de können Verbraucher auf Missstände, auf falsche oder irreführende Bezeichnungen bei Lebensmitteln, auf Mogelverpackungen und andere Tricks aufmerksam machen.

Wie kann der Verbraucher solchen Etikettenschwindel erkennen? Nur schwer. Er muss sich zumindest die Zeit nehmen und die Zutatenliste mit der Werbung vergleichen. Doch genau diese Zeit haben immer weniger Verbraucher. Und spätestens, wenn es um die Herstellungsbedingungen geht, sind die Verbraucher völlig auf die Angaben des Herstellers angewiesen. Will der den Verbraucher täuschen, ist das nur schwer nachzuweisen.

Wie soll das geändert werden? Billen fordert „ein zweites Preisschild“. Auf dem soll genau erkennbar sein, „wie es mit dem Tierschutz, der konkreten Produktion oder auch der regionalen Herkunft aussieht“, so Billen. Dabei dürfe man sich nicht auf freiwillige Angaben der Hersteller verlassen. „Ähnlich wie beim Biolabel muss der Staat unabhängige Siegel einführen. Sie müssen Standards für die sozialen und ökologischen Produkt- und Herstellungsbedingungen definieren und deren Einhaltung garantieren“, fordert Billen.

Warum tricksen so viele Anbieter? Sie wollen sich von der Konkurrenz abheben. Deshalb sollten gerade Qualitätshersteller ein Interesse an einer besseren Kennzeichnung haben. Denn wenn die ausgelobten Qualitätsmerkmale nicht als Orientierungshilfe funktionieren, wird der Preis zum einzig relevanten Merkmal für die Kaufentscheidung. Die Folge: Qualitätshersteller werden aus dem Markt gedrängt, es droht ein ruinöses Preis- und schlussendlich Qualitätsdumping. „Klare Regeln und Standards sind deshalb im Interesse von Verbrauchern und Anbietern“, sagt Billen.

M. Kniepkamp

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